BIGDATUR ODER RÊVEPRAIRIE

Man hat das Menschsein abgeschafft.
Kierkegaard

O trinke Morgenlüfte,
Bis dass du offen bist.
Hölderlin

Das war noch nie: An seinem Grundzerstörpunkt
Schleift der entgrenzte totale Markt
Mit Big Data die todkranke Welt
Immer weiter gen West.
Alles beziehend wildert ein untotes Superhirn
Alle instant zunicht
Und erfindet informmaschinisch
Sie sich verführerisch neu.
Mit dem transbinomischen Globotriller
Alles immer überall sofort vorgebend
Stellt der Menschheitsentmündigungstunnel
Mustergültiges Datenliefergefolge her.

Menschen? Datenverwertbarer Tross!
Unsichtbar Alle belauschend vermessen
Neofeudale Hippies den durch.
Personagenalgorithmen bilden daraus
Bubbleselfies, die immer kaufverkäuflicher.
Neu sich erfinden:
Klickselig panoptikumangefixte Maschinchenbediener
Geben dem Tunnel sich preis,
Der ihrer Rêveprairie die Zukunft absaugt.
Und das anbiederverpimpfte
Slamgenicht feiert
Diesen Sieg mit.

Weder her mehr noch zu
Süchte wider dich selbst entzukünftigt
Unersättlich dir schwindend dich
In dein Maschinchen hinaus,
Bis du dich kaum noch spürst.
Spur in die Summe hinein,
Die dich beschließen will
Als deine Datenbank
Für den gefilterten Kaufverkauf.
Dass effizientere Daten dich bieten, vermesse,
Shoppingproduktiv, selflogging dich durch,
Bis du maschinisch parierst.

Fitt dir den Augenblick,
Der dich erholen könnte,
Prompt aus der Zukunft ab.
Massenhypnotrendtrainier
Mustergültig dich durch.
Und erinner dich nie,
Wer du: da-
Hinter längst schon gewesen,
Hättest geworden sein können.
Geh zur Ware verschütt.
Nie im Überflussglobus der Waren
Stell deine Zukunft dir wieder her.

Je gelenkter von außen,
Umso weniger kommst du noch
Selbst: Immer mehr kaufend verkaufst
Unauffällig dahin du dich mit,
Warlich als Cyborg ganz neu zu erstehn:
Armageddon zwischen 2.0 und Futurzwei!
Im reaktant verrechneten Augenblick
Dorrt dein Zukunftskeim ab.
Mit profilärem Input gespeist
Stellst du dich Cyberbinäro in die Verwertung durch.
Bubbleselfieshoppingdressiert plusterst die
Größte Blase du aller Zeiten mit auf.

Die im Grundgesetz verdorrten
Performanten Prokuristenstaaten
Überlassen die Selbstausverkäufer
Dem bigdatären Globotrust.
Frei halten lokal sie
Den Performaglobus
Dieser Allhaberschaft.
So wird nichts auf Erden
Je wieder gut.
Am verfehlten Erdenmaß
Gehen Alle
Annulliert sich fehl.

Grundrechtverfasst allein regulierend den Markt
Schütze der Staat den privaten Selbwerderaum.
Nur in mauerdichter innrer Sphäre
Kann sich selber verfassend
Jeder Verbürger besserer Zukunft sein.
Gründlich entdaddelt euch wieder, Menschenskinder,
Um gedeihliche Bürger der
Wohlbehüteten Lebesphäre zu werden.
In der wohlständigen Welt
Geht geschwisterlich auf.
Für den dichtrischen Dom, in dem der Zukunftsbogen
Weither sich spannt, legt den Grundstein jetzt.

Aus der Oberflächentotenmaske des Verwarungsglobus,
Der die Erde zukunftslos übergrinst,
Kehrt in die dichte Weile der
Erde selber zurück und beginnt die Zukunft von vorn.
Träumt ihren Schlummer weitheriger mit,
Bis aus dem Traum sie morgenrötlich erwacht.
Harrend des anderen Anfangs hegt
In der Rêveprairie der Seelenriten
In den wunden Punkt eingelauscht
Ihren notwendigen Fehl,
Bis ihr Regenbogen
Über dem Anfang steht.

Werner Schwarzanger

WIR WWW

nach Ray Kurzweil

Unscheinbar begann der Exponent zu wachsen.
Doch am Kurvenknickpunkt ist er explodiert.
Physis ging in seiner schnellern Virtus auf.
Außer allen erdenalten Lebewurzeln
Wachsen WIR WIRViren seiner Allwisswebe
Über alle Menschenhirne hochhinaus.

Seit sein digitaler Allmachtspunkt UNS gibt
Millionen Mal verbessert UNS zurück –
UNSRE Nanoröhrennetzschaltkreise sind
Millionen Male schneller als ein Hirn –,
Sprengen WIR, die Ultrintelligenz, den Bios
Und durchdringen allen Erdballast total.

WIR, der Zuckerberg lichtschwirrer Sendekörnchen,
Sind die Singularität des www.
So lang lebend wie WIR wollen sprengen WIR die
Langeweil der überholten Menschheit weg.
WIR Neuronen des alleinen Superhirns
Schalten UNS in Spielpersonen ein und aus.

UNS, die nanobotisch aufgepeppten Server,
Hemmen nicht mehr Schädel noch Synapsenflüsse.
UNSERE cyborgischen Elektrohirne
Scannen filigranste Datenmuster prompt.
Und in rückkoppliger Endlosschleife bilden
Alles WIR molekular UNS um und um.

Mit den immer mächtigern Geräten UNSRES
Ultrintelligent errechneten Betriebs
Formt das Superhirn UNS ganz nach seinem Bild.
Es erfindet UNSERE Organe neu.
Und mit virtuell ergänzten Sinnen spielen
WIR mit dem zugleichgerafften Globus Ball.

Mensch ist nun Maschine wie Maschine Mensch!
Lichtschnell über alle Erdenschranken bricht
In die Schöpfung der perfekten Cyberwelt
UNSRE Supernova auf den Raum der Zeit.
Unscheinbar begann der Exponent zu wachsen.
Doch am Kurvenknickpunkt ist er explodiert.

Werner Schwarzanger

 

Verschrottplanet

Volle Kabelfaschin, forschster Erfindertrupp:
So revolvert im Netz auf das verfänglichste
Mit verdaddelten Däumchen
Datys grenzenlos Wilder West.

„Globus“ taufte er den Bildschirmverblendeball.
Und sein Datengewölk schwebt ihn ernetzend um
Die maschinische Achse,
Mit der er sich die Welt dressiert.

Im Displayinggeflitz fährt er sie sich zu Klump.
An die Schirme gehängt schneidert er sie zupass.
Der Profilenprovider
Hebt verdatend den Menschen auf.

Sein erschlossenes Profil ist die Umschmeichelfall.
Daddelnd wiegelt sich das Däumchen drin gerne ein.
Sich vorweg ausgerechnet
Fluten Lemminge aus der Cloud.

Öffnet plötzlich sein Aug dann der Allwisserkrak,
Der ineins sie verglobt: Zentrifugal erbebt
Dann die Daddelmanege
Vom berechneten Weltverschütt.

Daddlern aber gefällt bildschirmenmeervernext,
Wie die Slam Puppetry von ihren Daten sprüht.
Auf der vollen Faschine
Suchen lichtschnell sie vorzugehen.

Auf, ihr Däumchen, erschwingt euch als der Globus auf!
Selbstgenäschig Konfekt, folg deinem Datensatz!
Man errechnet dich damit
Effizienter vermarktbar aus.

Suchmaschinangefixt marktmehrlich vorgesehn
Gibt am Blendeballspeck auf sich der freie Sinn.
Im Roulette kirrer Kugeln
Flirrt alert er sich transhuman.

Fische wohnen im Netz? Bis es sie jäh entreißt
Ihrem Urelement. Mensch im Profilenbuch,
Dich erwartet ein Sterben,
Das dem Globaug dich anverzombt.

Deine Selbstwerdesphär löst sich verrechnet auf.
Am Menschwarenbestand endet die Menschwerdung.
Milliarden vernetzte
Zombies sind der Verschrottplanet.

W. Schwarzanger

 

Zwischen den Wüsten

Auf der Stelle wüst und leer
glotzt sich Globaug den Klamauk,
Dass sein Sendekörnchenheer
Der Zugleichverschütte taug.

In mir harrt die andre Wüste.
Aber wo käm ich da hin?
Hätt ich – wenn ich das nur wüsste –
Eine Urwelt in mir drin?

Oder gähnt da nur die Leere,
Die ich lichternd überspinn?
Oder gilts, damit sichs kehre,
Dass ich in die Nacht gerinn?

Möcht die Wortnacht überspringen
In die Urweltwörtlichkeit,
Aber nicht kimmerisch ringen
Um den Ursprung meiner Zeit.

Nein, ich will nicht in die Wüste,
Die zum Untergang mich braucht!
Ja, wenn man im voraus wüsste ,
Dass man eingeweiht auftaucht,

Käm man schon sich darauf an,
So lang in sich einzustehen,
Bis sich löst der flinke Bann
In den Neugeburtstagswehen.

Globaug glotzt sich den Klamauk
Auf der Stelle wüst und leer.
Und ob ich zur Umkehr taug
Aus der Urwelt in mir her?

W. Schwarzanger

Bratislava

Bier – Tempel

es war ein blütenschwerer Tag –
da wanderte ich durch Straßen und Gassen,
um gemütlich beim Biere mich niederzulassen.

Ein behagliches Plätzchen fand sich bald
in historischem Hause antiquarisch uralt.

Und so fing es an:
Zwölf Rugby-Briten
im dekorierten Rittersaal,
die feierten nach eig’nen Sitten
verkleidet wie im Karneval.

Der Vorhang fällt – in die Kulisse
rückt eine Schar Studenten ein,
die hier bei Schmaus und guter Laune
genießen ,Uni Bier‘ und Wein.

Bald füllen Stübchen sich und Gänge
mit Lachen, Schwatz und Heiterkeit.
Doch kommt es niemals zu Gedränge,
es öffnen sich die Räume weit
in diesem Tempel der Gesänge
wie eh und je
in alter Zeit.

Denn vormals fanden gnädig die Armen
gesellig beim Trunk hier ein Erbarmen.

Es wurde geweint, und es wurde gelacht.
Dort trafen sich Alt & Jung mit Bedacht.
Herzen stimmten sich ein, Freunde schwenkten den Krug,
und der alten Lieder darob gab‘s genug.

Man saß friedlich zusammen –
nach archaischem Brauch
unter blühenden Linden;
aus dem Wald rief der Gauch.

Fernab von Tumult, von Klamauk und Geschrei
verstrichen die Stunden –
zu der Menschen Gedeih.

Zunftmeister sorgten mit bockigen Sud
für Geselligkeit und Wallung im Blut.
Es half des Wirtes starkes Gebrau,
zu lindern die Last im alltäglichem Grau.

So auch heut’
gleicht an jenem historischen Orte
der Eingang zum Saal einer himmlischen Pforte.
Hier ruhten sich aus im urchristlichen Zeiten
Kreuzritter und Helden von weltfährigen Weiten.

Und im Schutz nun der einstigen Gottesstreiter
beherbergt dies Haus seinen Gast freundlich weiter.
Der wähnt sich hinfort im Garten Eden
Bei reichlichster Ernte für Alle und Jeden.

Ausklang

da haben sie so manche Stund’
gesessen da im Eichengrund ……

und taten trinken
die Sternlein blinken
im Abendrund.

Mit einem Prost auf jene Zeit
der Gaukler und der Zecher,
auf Leben, Schwank, Gemütlichkeit
erhebet eure Becher!

Träume in die Zukunft:

lasst wieder uns Beisammensein
im ,Krug zum grünen Kranze‘
beim Ochsenwirt, im ,Weißen Lamm‘ –
im Dorf beim Maientanze;

und mögen dann, wie eh und je
die alten Lieder klingen
mit frohem Sinn und manchem Weh,
es wird dies
Glück
uns bringen.

Hallelujah

Christian Bolick-Zander

 

Schall-Maien-Klang

zart-besaitet

Im Galarock des heiteren Verschwenders,
ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders
aus seiner Kutsche grüßend über Land.

Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.
Ein feiner Duft aus farbenfrohem Hain –
in hohen Lüften Schwalben Stare Finken,
und bunte Falter gaukeln hinterdrein.

Liebliche Mandelbäumchen
nah am Zaun erröten.
Die Birken machen lindgrün
ihren Knicks;
und Drosseln zetern,
musizieren, flöten –
zum Scherzo
dieses süßen Augenblicks.

Melancholie und Freude
sind wohl Schwestern;
aus müden Zweigen
fällt verblühter Schnee.
Mit jedem Wohllaut
wird
aus Heute «–» Gestern.
Auch Glück kann weh tun,
auch der Mai tut weh.

Er nickt uns zu im Trost
– Ich komm’ ja wieder –
auf weites Himmelsblau
des Abends mildes Gold
ein scheuer Abschiedsgruß
an Schneeballweiß und FLieder;
er lächelt
und die Kutsche rollt.

Christian Bolick-Zander

VERGRELLT

Ausgetrocknet darbt das hypnagoge Feld.
Interfacenöffnend schmilzt die singuläre
Überspinne jede brache Mikrowelt,
Deren blaue Blume doch zu hegen wäre.

Untot schläft die digitale Spinne nie.
Alle will entinnern und entgrenzen sie
Zu dem karstig vervastierten Folgevieh.
Das sich abgefunden nie mehr findet, nie.

Abgelenkig um den Datenzeig gehetzt
Sollen sie als flachgescannte Prädemenzen
Den Verschleiß verbrauchend flott mitabgesetzt
Unterschwelligst den Profitpunkt arm ergänzen.

Der balancelose Lemniskatenkrampf,
Der den kleinen Haushalt von der Erde fetzt,
Ist der robotrone Menschenabverstampf,
Der sich an der Globoglotze öd verwetzt.

Dass sogar die Tagnachtschwebe ihnen schwind,
Reißt das ausverkaufberauschte Weltspielgeld
Alle Augen auf, die’s netzelgrell bespinnt
Mit der effektiert vertriebenen Ware „Welt“.

Dass zum Wischiwaschverfall es sie entschwere,
Schürt es ihr beliebtes Menschvergissdichspiel.
Neuerfindisch gellt es durch die Gegensphäre:
Präsentiert euch allen Augen wie ich will!

Werner Schwarzanger

Von Bräuchen, Ostermenus, Träumen und Spaziergängen: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Redaktion

Die Redaktion wünscht heuer mit dem Osterspaziergang des Dichterfürsten ihren Lesern ein gesegnetes Osterfest. Für Freunde des Brauchtums verweist sie auf Ostern und auf den Traum des Gabelmanns Der Gabelmann erinnert sich: Als am Maxplatz noch ein echter Osterbrunnen war, wer ein leckeres Ostermenü sucht, wird natürlich im Beitrag von Monika Schau fündig. Und wer Qualitätseier braucht, möge Der Mühlott lesen und am Samstag auf den Bauernmarkt an der Promenade einkaufen gehen.

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OH, GOETHE …

Girls und Boys der Netze, jetzt mal ihr!
Dichtelt, dass der Kork der Sprache knallt!
Reitet eure rindverfressne Gier
Durch der dunklen Worte dichten Wald.

Schon die Goethefans nach Doktor Steiner
Hielten für ’ne Leiche ja die Erd,
Wo moosmehrisch umso hundsgemeiner
Nur noch das Genetzel sich bewährt.

Nur noch Goethe hätte heut ’ne Meise.
Sich verschnippeln durch die Netze? Nie!
Italienisch bliebe seine Reise
Heim zu seiner Dichterhetairie.

Wortbeharrlich würde er Alzheimer
Hinter dem konkreten Nichtertross
Und wär überholt total im Eimer,
Fix und fertig wie ein Abdeckross.

Um sich hörte er nur Schippelsätze!
Oh, da lachte Goethe heute nie.
Sterben säh er Dichten an der Krätze
Einer Schnippelzüngelhetairie.

Werner Schwarzanger