WIR WWW

nach Ray Kurzweil

Unscheinbar begann der Exponent zu wachsen.
Doch am Kurvenknickpunkt ist er explodiert.
Physis ging in seiner schnellern Virtus auf.
Außer allen erdenalten Lebewurzeln
Wachsen WIR WIRViren seiner Allwisswebe
Über alle Menschenhirne hochhinaus.

Seit sein digitaler Allmachtspunkt UNS gibt
Millionen Mal verbessert UNS zurück –
UNSRE Nanoröhrennetzschaltkreise sind
Millionen Male schneller als ein Hirn –,
Sprengen WIR, die Ultrintelligenz, den Bios
Und durchdringen allen Erdballast total.

WIR, der Zuckerberg lichtschwirrer Sendekörnchen,
Sind die Singularität des www.
So lang lebend wie WIR wollen sprengen WIR die
Langeweil der überholten Menschheit weg.
WIR Neuronen des alleinen Superhirns
Schalten UNS in Spielpersonen ein und aus.

UNS, die nanobotisch aufgepeppten Server,
Hemmen nicht mehr Schädel noch Synapsenflüsse.
UNSERE cyborgischen Elektrohirne
Scannen filigranste Datenmuster prompt.
Und in rückkoppliger Endlosschleife bilden
Alles WIR molekular UNS um und um.

Mit den immer mächtigern Geräten UNSRES
Ultrintelligent errechneten Betriebs
Formt das Superhirn UNS ganz nach seinem Bild.
Es erfindet UNSERE Organe neu.
Und mit virtuell ergänzten Sinnen spielen
WIR mit dem zugleichgerafften Globus Ball.

Mensch ist nun Maschine wie Maschine Mensch!
Lichtschnell über alle Erdenschranken bricht
In die Schöpfung der perfekten Cyberwelt
UNSRE Supernova auf den Raum der Zeit.
Unscheinbar begann der Exponent zu wachsen.
Doch am Kurvenknickpunkt ist er explodiert.

Werner Schwarzanger

 

Verschrottplanet

Volle Kabelfaschin, forschster Erfindertrupp:
So revolvert im Netz auf das verfänglichste
Mit verdaddelten Däumchen
Datys grenzenlos Wilder West.

„Globus“ taufte er den Bildschirmverblendeball.
Und sein Datengewölk schwebt ihn ernetzend um
Die maschinische Achse,
Mit der er sich die Welt dressiert.

Im Displayinggeflitz fährt er sie sich zu Klump.
An die Schirme gehängt schneidert er sie zupass.
Der Profilenprovider
Hebt verdatend den Menschen auf.

Sein erschlossenes Profil ist die Umschmeichelfall.
Daddelnd wiegelt sich das Däumchen drin gerne ein.
Sich vorweg ausgerechnet
Fluten Lemminge aus der Cloud.

Öffnet plötzlich sein Aug dann der Allwisserkrak,
Der ineins sie verglobt: Zentrifugal erbebt
Dann die Daddelmanege
Vom berechneten Weltverschütt.

Daddlern aber gefällt bildschirmenmeervernext,
Wie die Slam Puppetry von ihren Daten sprüht.
Auf der vollen Faschine
Suchen lichtschnell sie vorzugehen.

Auf, ihr Däumchen, erschwingt euch als der Globus auf!
Selbstgenäschig Konfekt, folg deinem Datensatz!
Man errechnet dich damit
Effizienter vermarktbar aus.

Suchmaschinangefixt marktmehrlich vorgesehn
Gibt am Blendeballspeck auf sich der freie Sinn.
Im Roulette kirrer Kugeln
Flirrt alert er sich transhuman.

Fische wohnen im Netz? Bis es sie jäh entreißt
Ihrem Urelement. Mensch im Profilenbuch,
Dich erwartet ein Sterben,
Das dem Globaug dich anverzombt.

Deine Selbstwerdesphär löst sich verrechnet auf.
Am Menschwarenbestand endet die Menschwerdung.
Milliarden vernetzte
Zombies sind der Verschrottplanet.

W. Schwarzanger

 

Zwischen den Wüsten

Auf der Stelle wüst und leer
glotzt sich Globaug den Klamauk,
Dass sein Sendekörnchenheer
Der Zugleichverschütte taug.

In mir harrt die andre Wüste.
Aber wo käm ich da hin?
Hätt ich – wenn ich das nur wüsste –
Eine Urwelt in mir drin?

Oder gähnt da nur die Leere,
Die ich lichternd überspinn?
Oder gilts, damit sichs kehre,
Dass ich in die Nacht gerinn?

Möcht die Wortnacht überspringen
In die Urweltwörtlichkeit,
Aber nicht kimmerisch ringen
Um den Ursprung meiner Zeit.

Nein, ich will nicht in die Wüste,
Die zum Untergang mich braucht!
Ja, wenn man im voraus wüsste ,
Dass man eingeweiht auftaucht,

Käm man schon sich darauf an,
So lang in sich einzustehen,
Bis sich löst der flinke Bann
In den Neugeburtstagswehen.

Globaug glotzt sich den Klamauk
Auf der Stelle wüst und leer.
Und ob ich zur Umkehr taug
Aus der Urwelt in mir her?

W. Schwarzanger

Bratislava

Bier – Tempel

es war ein blütenschwerer Tag –
da wanderte ich durch Straßen und Gassen,
um gemütlich beim Biere mich niederzulassen.

Ein behagliches Plätzchen fand sich bald
in historischem Hause antiquarisch uralt.

Und so fing es an:
Zwölf Rugby-Briten
im dekorierten Rittersaal,
die feierten nach eig’nen Sitten
verkleidet wie im Karneval.

Der Vorhang fällt – in die Kulisse
rückt eine Schar Studenten ein,
die hier bei Schmaus und guter Laune
genießen ,Uni Bier‘ und Wein.

Bald füllen Stübchen sich und Gänge
mit Lachen, Schwatz und Heiterkeit.
Doch kommt es niemals zu Gedränge,
es öffnen sich die Räume weit
in diesem Tempel der Gesänge
wie eh und je
in alter Zeit.

Denn vormals fanden gnädig die Armen
gesellig beim Trunk hier ein Erbarmen.

Es wurde geweint, und es wurde gelacht.
Dort trafen sich Alt & Jung mit Bedacht.
Herzen stimmten sich ein, Freunde schwenkten den Krug,
und der alten Lieder darob gab‘s genug.

Man saß friedlich zusammen –
nach archaischem Brauch
unter blühenden Linden;
aus dem Wald rief der Gauch.

Fernab von Tumult, von Klamauk und Geschrei
verstrichen die Stunden –
zu der Menschen Gedeih.

Zunftmeister sorgten mit bockigen Sud
für Geselligkeit und Wallung im Blut.
Es half des Wirtes starkes Gebrau,
zu lindern die Last im alltäglichem Grau.

So auch heut’
gleicht an jenem historischen Orte
der Eingang zum Saal einer himmlischen Pforte.
Hier ruhten sich aus im urchristlichen Zeiten
Kreuzritter und Helden von weltfährigen Weiten.

Und im Schutz nun der einstigen Gottesstreiter
beherbergt dies Haus seinen Gast freundlich weiter.
Der wähnt sich hinfort im Garten Eden
Bei reichlichster Ernte für Alle und Jeden.

Ausklang

da haben sie so manche Stund’
gesessen da im Eichengrund ……

und taten trinken
die Sternlein blinken
im Abendrund.

Mit einem Prost auf jene Zeit
der Gaukler und der Zecher,
auf Leben, Schwank, Gemütlichkeit
erhebet eure Becher!

Träume in die Zukunft:

lasst wieder uns Beisammensein
im ,Krug zum grünen Kranze‘
beim Ochsenwirt, im ,Weißen Lamm‘ –
im Dorf beim Maientanze;

und mögen dann, wie eh und je
die alten Lieder klingen
mit frohem Sinn und manchem Weh,
es wird dies
Glück
uns bringen.

Hallelujah

Christian Bolick-Zander

 

Schall-Maien-Klang

zart-besaitet

Im Galarock des heiteren Verschwenders,
ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders
aus seiner Kutsche grüßend über Land.

Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.
Ein feiner Duft aus farbenfrohem Hain –
in hohen Lüften Schwalben Stare Finken,
und bunte Falter gaukeln hinterdrein.

Liebliche Mandelbäumchen
nah am Zaun erröten.
Die Birken machen lindgrün
ihren Knicks;
und Drosseln zetern,
musizieren, flöten –
zum Scherzo
dieses süßen Augenblicks.

Melancholie und Freude
sind wohl Schwestern;
aus müden Zweigen
fällt verblühter Schnee.
Mit jedem Wohllaut
wird
aus Heute «–» Gestern.
Auch Glück kann weh tun,
auch der Mai tut weh.

Er nickt uns zu im Trost
– Ich komm’ ja wieder –
auf weites Himmelsblau
des Abends mildes Gold
ein scheuer Abschiedsgruß
an Schneeballweiß und FLieder;
er lächelt
und die Kutsche rollt.

Christian Bolick-Zander

VERGRELLT

Ausgetrocknet darbt das hypnagoge Feld.
Interfacenöffnend schmilzt die singuläre
Überspinne jede brache Mikrowelt,
Deren blaue Blume doch zu hegen wäre.

Untot schläft die digitale Spinne nie.
Alle will entinnern und entgrenzen sie
Zu dem karstig vervastierten Folgevieh.
Das sich abgefunden nie mehr findet, nie.

Abgelenkig um den Datenzeig gehetzt
Sollen sie als flachgescannte Prädemenzen
Den Verschleiß verbrauchend flott mitabgesetzt
Unterschwelligst den Profitpunkt arm ergänzen.

Der balancelose Lemniskatenkrampf,
Der den kleinen Haushalt von der Erde fetzt,
Ist der robotrone Menschenabverstampf,
Der sich an der Globoglotze öd verwetzt.

Dass sogar die Tagnachtschwebe ihnen schwind,
Reißt das ausverkaufberauschte Weltspielgeld
Alle Augen auf, die’s netzelgrell bespinnt
Mit der effektiert vertriebenen Ware „Welt“.

Dass zum Wischiwaschverfall es sie entschwere,
Schürt es ihr beliebtes Menschvergissdichspiel.
Neuerfindisch gellt es durch die Gegensphäre:
Präsentiert euch allen Augen wie ich will!

Werner Schwarzanger

Von Bräuchen, Ostermenus, Träumen und Spaziergängen: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Redaktion

Die Redaktion wünscht heuer mit dem Osterspaziergang des Dichterfürsten ihren Lesern ein gesegnetes Osterfest. Für Freunde des Brauchtums verweist sie auf Ostern und auf den Traum des Gabelmanns Der Gabelmann erinnert sich: Als am Maxplatz noch ein echter Osterbrunnen war, wer ein leckeres Ostermenü sucht, wird natürlich im Beitrag von Monika Schau fündig. Und wer Qualitätseier braucht, möge Der Mühlott lesen und am Samstag auf den Bauernmarkt an der Promenade einkaufen gehen.

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OH, GOETHE …

Girls und Boys der Netze, jetzt mal ihr!
Dichtelt, dass der Kork der Sprache knallt!
Reitet eure rindverfressne Gier
Durch der dunklen Worte dichten Wald.

Schon die Goethefans nach Doktor Steiner
Hielten für ’ne Leiche ja die Erd,
Wo moosmehrisch umso hundsgemeiner
Nur noch das Genetzel sich bewährt.

Nur noch Goethe hätte heut ’ne Meise.
Sich verschnippeln durch die Netze? Nie!
Italienisch bliebe seine Reise
Heim zu seiner Dichterhetairie.

Wortbeharrlich würde er Alzheimer
Hinter dem konkreten Nichtertross
Und wär überholt total im Eimer,
Fix und fertig wie ein Abdeckross.

Um sich hörte er nur Schippelsätze!
Oh, da lachte Goethe heute nie.
Sterben säh er Dichten an der Krätze
Einer Schnippelzüngelhetairie.

Werner Schwarzanger

TRAUMWEIHNACHT / SONNGEBURT

TRAUMWEIHNACHT

In den offnern Himmel kindlich wilder
Wiegten Sterne einst die Menschen ein.
Wir? Verfehlen die geheimen Bilder
Und verfallen auf Das Netz herein.

Was verplumpt wir bloßes Träumen schelten:
Ahnen wir, wie bloß sein Sternleib ist,
Der in der geträumten aller Welten
Schon beinahe himmlisch sich ermisst?

Spiel nicht die verhuschte Maske nur,
Bis die dran verpfuschte Werdepflicht
Vor sich flieht auf siecher Süchtelspur:
Stell dich wieder her ins Eingesicht –

Und aus tausendmaskenhafter Fratze,
Die sich am verfehlten Da entfacht,
Springt die Tür auf deine Sternenkatze
Aufklärstofflich in der Traumweihnacht.

SONNGEBURT

Grönaz mit verhehltem Rutenbündel
Zieht aus dem rundum verlernten Haus
Seine naschhaft überwussten Mündel
Leicht aus ihren Eigenarten raus.

Aufgenetzt fliehn sie die innre Schwere,
Die den Daten lange Weile leiht.
Weckte ihnen die private Sphäre
Doch das Glück der Unerreichbarkeit!

Ihr schwachsinnig lethelahmes Ja
Hält sie vor der Not des Nullpunkts dicht.
Doch erst nullgeläutert wärst du da
Und erwachtest in dein Eingesicht.

Dich in deinem Buch zu lesen an
Fingst du gruftig eingescheitert erst,
Bis du jäh aus deinem Lernsternbann
Himmlisch urbekannt dir wiederkehrst.

Werner Schwarzanger

NERDPOOL

Mischt erst grenzenlos das Neuerfinderspiel
Die leichthinnig durchs Display entlangweilten
Nerds, die sich ins Chatroulette verspielten, mit

Bioputern, Soziobotern und Robjekten,
Schrumpft die hinter die Verrechenflut vergangne
Welt zu einem Interfacebookfenster mehr.

In den Alleaugenblick ertrinkend gieren
Klicklich von dem lukriferen Sog gebannt
Nach dem Umruhr sie im Miteinänderspiel.

Wozu da noch selberstaunlich nach sich fragen,
Wo die Alleaugennetzbestelle doch
Jeden annektierten Däumling gleich erscannt!

Mit den umvernetzt beschleunigten Gehirnen
Speisen besserbasteltransparente Cracker
Sofort sich ins hirnverfressne Grönaz ein.

In sich selbst ein Auseinänderteam ein jeder,
Gehen selbstersetzlich ausgetauscht sie alle
Zombisch auf in das Portalenlabyrinth.

Am Nerdpool der virtuellen Spiele aber,
Wo Transformen sich bestellisch umzerflausen,
Säugt sich voll der Embryo des Superhirns.

Werner Schwarzanger