Die Topfpflanze

Das Entsetzen ließ ihre Stimme noch immer beben. „Verstehen Sie? Zuerst hatte er alle Blüten abgerissen. Jede einzelne! Und dann hat er mit einer Schere die Blätter zerstückelt.“ Ein plötzliches Schluchzen machte ihr das Sprechen unmöglich. Tränen liefen über ihre Wangen. Sie nahm dankend das gereichte Taschentuch und noch um Fassung ringend begann sie stockend weiter zu sprechen. „Auch die Wurzeln schnitt er ab. Ich hatte ihn angefleht! Meine Pflanze – aber er lachte nur. Er lachte! Verstehen Sie?“ Ein erneutes Schluchzen hinderte sie wieder am Sprechen.

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FrauSein

Beobachtend zwei KäferInnen,
die orientierungslos in Haaren hingen,
welche
gefärbt, onduliert,
geföhnt, frisiert
und
Haarspray fixiert

fragt’ ich; ob wir Frauen von Sinnen
und orientierungslos wie diese KäferInnen?

Ob unser man(n)-gefällig-Sein,
das eingezwängt in Draht und Fischbein
verstärkte Brust- und Hüfthalter
und and’re Köperformgestalter,
eher eine Hühnerkäfighaltung ist,
in der Frau das FrauSein vergisst?

© Cornelia Stößel 2020 / August

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Im Aufzug

Per Aufzug fuhr ein kleiner Mann
zum vierten Stock. Er kam nicht an.
Grell blinkten Knöpfe 2 – 3 – 4,
doch blieb sie zu, die Aufzugtür.
Der Mann, er schwitzte, zappelte
und endlich gar er wackelte
mit seinem Kopfe hin und her.
– Der deucht’ ihm hohl, der deucht’ ihm schwer –
Der Mann, er hob die Arme
und schrie: „Mein Gott erbarme …“
Als Antwort kam zuerst ein Raunen.
Der Mann stand stumm, stand still vor Staunen.
Dann hörte er ein: Pling – Pling – Pling
und jemand frug: „Wie viel sind drin?“
„Ich bin nur einer!“, rief der Mann.
„Hol mich hier raus! So schnell er kann!“
„Gemach, gemach!“, man tröstete.
Der Mann, nervös, er fröstelte.
Auch schwankte plötzlich die Kabine,
glitt vor zurück, wie auf ’ner Schiene
und dem Manne wurd’ es bang.
Da setzt’ der Aufzug sich in Gang.
Er fuhr hinauf, er fuhr hinunter.
„Er geht!“, rief eine Stimme munter.
Nun glitt die Türe lautlos auf.
Der kleine Mann, er ging hinaus,
dankt’ dem heiligen Wendelin.
Der Aufzug machte Pling – Pling – Pling.

© Cornelia Stößel 2020 / März / Juli

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Fränkisch deftig

Wie gut der hölzerne Griff der Pfanne in der Hand gelegen hatte, dachte sie verwundert. Wie sanft das Holz geglättet von den hundert und aberhundert Berührungen. Darin hatte sein Leibgericht gebrutzelt. Gebratene Leberwürste, dazu wollte er Sauerkraut. Die Leberwürste klebten wie explodiert an der Küchendecke, lösten sich jetzt partiell, tropften auf den Küchenboden, auf seine Füße, die er nur selten wusch. Ekelerregend selten. Sie stand am Herd und würzte den gestampften Kartoffelbrei. Gab noch ein wenig Butter dazu, eine Prise Salz, rieb etwas von einer Muskatnuss darüber, rührte ein letztes Mal um, dann nahm sie den Topf von der Herdplatte. Sie stieg über seine Füße hinweg, portionierte Kartoffelbrei auf ihren Teller, dazu eine Blutwurst und den Rest vom Sauerkraut, der noch im Topf war. Setzte sich und aß. Dann griff sie zum Telefon. Der junge Mann am anderen Ende wollte ihr zunächst keinen Glauben schenken. Schließlich versprach er aber einen Einsatzwagen zu der von ihr angegebenen Adresse zu schicken.

„Zertrümmerte Schädeldecke, Tatwaffe die gusseiserne Bratpfanne, Verbrühungen im Gesicht, postmortal, eindeutig vom Sauerkraut“, stellte der Pathologe fest. Sie saß ganz ruhig, strich nur ab und an mit der flachen Hand über ihre Kittelschürze. Und spürte einen tiefen inneren Frieden.

© Cornelia Stößel 2020 / Juni

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