Der kleine Baum und die Freundschaft

In der Nacht hatten kalte Winde den Wald mit einem Hauch aus Eiskristallen überzogen. Als nun am Morgen die Sonne ihre ersten Strahlen schickte, glitzerte jeder Baum und jeder Strauch wie in einen geheimnisvollen Zauber gehüllt. In der Christbaumschonung erwachten die stolzen Tannen und prächtigen Kiefern. Sie knackten und knarrten mit ihren Ästen. Mitten unter ihnen stand ein kleiner krummer Baum. Die anderen Bäume beachteten ihn kaum. Sie nannten ihn einen verkrüppelten Zwerg und, dass er noch nicht einmal gutes Brennholz abgeben würde. Darüber war der kleine Baum sehr traurig und wäre gerne weg gezogen, doch er wusste nicht wohin und vor allem nicht wie.

Nun geschah es, dass der Besitzer der Schonung wieder einmal in den Wald kam. Er tat dies in regelmäßigen Abständen um nach dem Rechten zu sehen. Heute blieb er mit einem Spaten in der Hand vor dem kleinen krummen Baum stehen. Dem kleinen Baum wurde es ganz mulmig zumute und dann durchfuhr ihn ein unbeschreiblicher Schmerz. Der Mann hatte den Spaten in den Boden gestoßen und die feinen Wurzelspitzen des Baumes durchtrennt. Dem kleinen Baum schwanden die Sinne. Er spürte nicht mehr wie der Mann ihn am Stamm fasste, vollends aus der Erde riss und auf die Ladefläche eines Wagens warf. Erst das Aufheulen des Motors weckte ihn aus seiner Ohnmacht. Vom Schmerz noch ganz benommen wurde das Bäumchen heftig durchgerüttelt. Doch durch die holprige Fahrt über unebene Waldwege rutschte der kleine Baum immer mehr an den Rand der Ladefläche und fiel schließlich, vom Fahrer unbemerkt, vom Wagen. Da lag er nun und wusste nicht wie ihm geschehen war.

Es wurde Nacht. Der kleine Baum spürte wie ihn langsam seine Kräfte verließen. Traurig blickte er in den Himmel. Da war ihm, als würde ein Stern aus der Fülle der funkelnden Sterne ihn anlächeln. Der kleine Baum sah sich vorsichtig um und wieder in den Nachthimmel. Der Stern schickte tatsächlich lächelnd seinen Glanz zu ihm. „Gib nicht auf.“, rief der Stern. Der kleine Baum blickte wie gebannt in das freundlich lächelnde Gesicht des Sternes und lächelte schüchtern zurück. „Wer bist du?“, wollte er wissen „Ich bin dein Stern.“, klang es vom Firmament. „Ich leuchte schon immer über dir. Aber du hast selten in den Himmel geblickt, immer nur traurig auf die Erde.“ Es entstand eine Pause, in der der kleine Baum den Stern bewundernd ansah. „Du bist wunderschön.“, sagte der kleine Baum schließlich. „Dankeschön!“, erwiderte der Stern und fügte hinzu „Du aber auch.“ „Ich?“, fragte der kleine Baum ungläubig. „Aber ich bin doch ganz krumm. Auf der Schonung fanden mich alle hässlich.“ „Deine Nadeln glänzen in einem prachtvollen dunklen Grün. Und du duftest so wunderbar.“, schwärmte der Stern. Der kleine Baum wurde ganz verlegen. So etwas hatte noch nie jemand zu ihm gesagt. „Wollen wir Freunde sein?“, fragte der Stern. „Ich wäre gern dein Freund.“ „Ein Freund? Was ist das?“, wollte der kleine Baum wissen. „Nun – jemand, der mit dir spricht.“ Den kleinen Baum überkam ein ungutes Gefühl und er fragte: „So wie die anderen Bäume? Die mich hässlich finden?“ „Nein! Ein Freund redet mir dir, aber er verletzt nicht deine Gefühle. Jedenfalls nicht aus Bosheit.“, erklärte der Stern. „Ein Freund nimmt deine Sorgen ernst und spricht nicht nur von den eigenen. Ein Freund lacht mit dir und ein Freund hält es aus, wenn du einmal traurig bist. Ein Freund ist jemand, bei dem du so sein darfst wie du eben bist.“ „Auch ein bisschen krumm?“, fragte ungläubig der kleine Baum. „Auch ein bisschen krumm!“, lachte der Stern. „Du hast eine schöne Seele und was spielt es da für eine Rolle, das bisschen krumm außen herum.“ Der kleine Baum verstand immer weniger. „Eine schöne Seele? Ich habe eine schöne Seele?“ „Du hast sogar eine wunderschöne Seele. Du bist freundlich und ehrlich und willst keinem etwas Böses.“ „Na ja,“ meinet der Baum „Manchmal, wenn die anderen Bäume in der Schonung gemein zu mir waren, dann war ich erst traurig und dann stellt ich mir vor wie ich auch etwas sage, dass sie furchtbar ärgert, aber dann tat ich es doch nicht. Ich wollte nicht gemein sein.“ „Siehst du, deine Seele ist freundlich und will niemanden verletzten. Noch nicht einmal die, die dir übel mitgespielt haben.“ Der kleine Baum wurde ganz still. Er dachte an die Bäume aus der Schonung. Nein! Einen Freund hatte er da nicht gehabt. „Ein Freund ist jemand, bei dem du auch schweigen darfst.“, holte der Stern ihn aus seinen Gedanken. Für einen Moment wurde der kleine Baum ganz verlegen. Und wollte sich für sein Schweigen entschuldigen. Doch der Stern fuhr fort: „Ein Freund ist jemand, der dich kennt, besser als du dich selbst. Ein Freund ist jemand, dessen Rat du auch annehmen kannst, weil du weißt, dass er ehrlich gemeint ist. Bei einem Freund kannst du sagen was du denkst, weil du weißt, dass er es nicht ohne deine Zustimmung weitersagen würde. Er wird dir zuhören, auch, wenn er nicht alle deine Gedanken und Ideen gut heißen wird. Und, wenn er an deinem Tun und Denken Zweifel hat, wird er es dir ehrlich sagen, aber er wird deine Meinung gelten lassen. Und solltest du im Übereifer eine Dummheit begehen wollen, wird er dich warnen. Doch in deinen guten Plänen wird er dich bestärken. Ein Freund ist ein Weggefährte durch die Wirrnisse des Lebens, einer der trotz deiner Macken zu dir hält, der dich versteht, wenn du dich selbst nicht verstehst, der mit dir Ratlosigkeit erträgt und der nicht fragt, wenn er spürt, dass du schweigen willst. Ein Freund ist jemand, der zu dir hält, auch wenn andere dich anfeinden.“ Der kleine Baum war eingeschlafen. „Ich werde dafür sorgen dass du Hilfe bekommst.“, flüsterte der Stern und strich dabei mit einem Strahl sanft über das Bäumchen. Dann verschwand er hinter einer dicken Wolke.

Am anderen Morgen stieg Nebel zwischen den Bäumen auf und der kleine Baum versuchte verzweifelt ein bisschen davon mit seinen Wurzeln und Nadeln aufzusaugen, doch es reichte nicht um seinen Durst zu stillen.

Als der Nebel sich langsam lichtete, hörte der kleine Baum Hundegebell. Es war ein freudiges aufforderndes Bellen. Es wurde immer lauter. Dann drang die tiefe Stimme eines Mann durch den Wald. „Wo lockst du mich denn heute hin?“ Ein großer brauner Hund zog einen älteren Mann an der Leine hinter sich her zog. Die beiden kamen direkt auf das Bäumchen zu. Der Hund blieb vor dem Baum stehen, beschnüffelte ihn und versuchte ihn mit dem Maul zu fassen, doch die Nadeln des Baumes stachen dem Hund in die Nase und so bellte dieser seinen Herrn an. Der Mann blickte verwundert auf den kleinen Baum. „Was ist mit dem Baum, dass du mich hierher geführt hast.“ Der Mann richtete den Baum am Stamm auf und besah ihn von allen Seiten. Der Hund gab ein zustimmendes Bellen von sich. Der Mann blickte reichlich verwundert vom Bäumchen zum Hund und meinte schließlich „Ich könnte es mit nach Hause nehmen und einpflanzen.“ Und so zog der kleine Baum in ein altes Fass auf einem alten Bauernhof. Umgackert von scharrenden Hühnern, bewacht vom großen braunen Hund und versorgt vom alten Mann, der ihn regelmäßig goss, begann das Bäumchen sich zu streckten und zu reckten um zu zeigen, dass er sich hier wohl fühlte. Und jede Nacht schickte der Stern ihm ein himmlisches Lächeln.

Die Nächte wurden kälter und das Jahr neigte sich dem Ende. Eines Morgens kam der alte Mann mit einer Schachtel aus dem Haus und begann elektrische Kerzen an dem Bäumchen zu befestigen. Der Baum wusste natürlich nicht was ihm geschah. Doch der alte Mann redete ihm freundlich zu: „Du bist ein schönes Bäumchen und heute Abend wirst du strahlen.“ Als am Abend die Kerzen an seinen Zweigen leuchteten war dem kleinen krummen Baum ganz feierlich zumute. Lichter umglänzt blickte er in den Himmel und rief: „Hallo Stern! Siehst du mich? Heute leuchte ich für dich.“ Der Stern lächelte. „Guten Abend mein kleiner Freund. Du strahlst wunderschön.“ Der kleine Baum war ganz begeistert: „Ja – nicht wahr, die Lichter an mir sind wundervoll.“, „Auch du selbst strahlst von innen heraus.“, erwiderte der Stern. Der kleine Baum blickte an sich herab. „Wie von innen heraus? Ich kann gar nichts sehen.“ „Das kann auch nur jemand, der dein Lächeln sieht. Wie ich, du hast mich heute von der Erde aus angelächelt und dabei wurde mir ganz warm ums Herz. So strahlt nur jemand, der seinen Platz gefunden hat.“ Und in dieser Nacht strahlte der kleine Baum für seinen Freund den Stern. Der immer über ihm leuchten würde, manchmal verdeckt von einer Wolke und am Tag überstrahlt vom Sonnenlicht, aber der kleine Baum wusste sein Freund würde immer da sein.

© Cornelia Stößel (gekürzte Fassung)

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