Demonstration: Bier bis vier oder Kultur braucht Zeit?

 Redaktion

Es kamen Viele, viel mehr als die von den Veranstaltern gemeldeten 500. Manche zählen vier Mal mehr Demonstranten, die zum einen für eine Verkürzung bzw. gänzliche Aufhebung der Sperrstunde auf die Straße gehen. Zum anderen forderten sie „Kultur braucht Zeit“.

Demo am Gabelmann. Foto: Erich Weiß

„Kultur braucht Zeit“ stellt eine Generation fest, in der Viele noch vor dem 6. Geburtstag eingeschult werden, nach acht Jahren Gymnasium Abitur machen und mit 17 Jahren mit dem Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife die Universitäten stürmen, für einen Bachelorabschluss oder das, was nach dem Bologna-Prozess noch übrig geblieben ist. Die jungen Männer nun ohne ein Dazwischen beim Zivildienst oder in der Bundeswehr. Mit der Erfahrung, dass Bulimie-Lernen erfolgreiche Abschlüsse garantiert. Die Reformen im Bildungswesen wurden auf Betreiben der Wirtschaft voran getrieben, doch die stellt gerne Praktika und Volontariate zur Verfügung.

Kultur braucht Zeit. Foto: Erich Weiß

Mehr als nur Feierfreiheit – städtische Unterstützung für alternative Kulturen gefordert

Christopher Schuster von „Kultur braucht Zeit“, einer der drei Initiatoren der Demonstration, machte in seiner Rede während der Kundgebung deutlich, dass nicht nur die Hochkultur Bambergs, sondern auch die alternative Kultur unterstützt werden müsse. Die Kultur Bambergs mache die Vielfältigkeit der Angebote aus, die sich nicht nur auf das E.T.A.-Hoffmann-Theater sowie die Bamberger Symphoniker reduziert. Vielmehr seien alternative Kulturen von vielen Bambergern durchaus erwünscht. Zu diesen Kulturformen gehören seiner Ansicht nach auch diverse Konzerte z.B. im Morph-Club. Mehr städtische, finanzielle Unterstützung also auch für andere kulturelle Themen, so das Statement der Demonstranten. Diesem schlossen sich natürlich die Inhaber von Morph-Club und live-club an, denn „Clubkultur sei ein wichtiger Bestandteil der westlichen Kultur“. Einige Institutionen in Bamberg würden großzügiger behandelt als andere: So wurde beispielsweise bei der Meisterfeier der Brose Baskets kurzerhand die Sperrstunde aufgehoben, während anderen Veranstaltungen auf der Jahnwiese erhebliche Auflagen auferlegt werden, wodurch die Umsetzung unmöglich wird.

Die großen Veranstaltungen knabbern bereits am Kulturetat Bambergs

Mit großen Veranstaltungen (und entsprechenden Sponsoren) ist die Finanzierung gesichert, das weiß der Citymanager und Veranstaltungprofi Klaus Stieringer. Er durfte ebenfalls ans Rednerpult. Als SPD-Stadtrat und Mitglied im Kultursenat weiß er um den kleinen Kulturetat der Stadt, was ihn im vergangenen Jahr jedoch nicht davon abhielt, ein Stück von eben jenem Kuchen für die beiden Großveranstaltungen „Bamberg zaubert“ und „Tucher’s Jazz- und Bluesfestival“ zu beantragen (Steht dem Stadtmarketing Kulturförderung zu?), am Ende der Diskussion bereitwillig eben jene Ausfallbürgschaft in Anspruch zu nehmen (Stadtmarketing schlüpft unter den Rettungsschirm), die Redner der Demo für sich forderten. Das jedoch sprach er nicht an. Auch nicht seinen aktiven oder passiven (oder nicht vorhandenen?) Einsatz als Stadtrat für jene (Sub-)Kultur. Auch nicht die von ihm andernorts viel gepriesene Tatsache, dass Bamberg nach der Landeshauptstadt München die höchste Veranstaltungsdichte Bayerns bereits hat.

Bier bis vier. Foto: Erich Weiß

Die thematische Gemengelage der Diskussion

Den studentischen Rednern ist gestern gelungen, sich von populistisch-politischen Strömungen zu distanzieren – zumindestens von jener, die meinten: „Die Nacht gehört uns“. Hierzu: „Meine Nächte gehören mir“ – Studenten gründen Initiative gegen die Sperrstunde Es bedarf schon einer gewissen Dreistigkeit, wenn eine Gruppe behauptet: „Die Nacht gehört UNS!“

Der Slogan „Bier bis vier – sonst seid ihr bald pleite hier“ zielt auf die wirtschaftlichen Interessen der Bamberger Gastronomie ab. Wollen die Kulturschaffenden diese als Fürsprecher? Volker Wrede, Kumpel der Studenten und Besitzer des live-clubs und technischer Leiter der Großevents vom Stadtmarketing, räumt ein, dass der Lärm zugenommen habe, durch den Zustrom der Studenten und Touristen. Bekannt für markige Worte zieht er den Schluss (ohne je die Beweisführung antreten zu können): „Die Bamberger, die Ruhe fordern, verdienen an den Studenten mit ihren teuren Löchern … Nach der Sperrstunde werde billig gekaufter Alkohol konsumiert“. Man könnte dies als Antikapitalistische Aussage eines Kapitalisten nennen. Seine Erinnerung trügt ihn, wenn er von seiner Studentenzeit um 1990 plaudert (damals hätte es neben dem Down-Stairs noch den Live Pup und den Fischerhof gegeben) und da wären gerade mal 3.000 Leute immatrikuliert gewesen, die Unistatistik zählte damals 7.214 Studenten (S. 63). Zum WS 2012/2013 sind es 12.834 Studierende. Es gab tatsächlich vom WS 2010/2011 zum WS 2011/2012 eine Steigerung um 2.237 Eingeschriebene, ansonsten zeigt die Entwicklung der Universität Bamberg eine langsame Steigerung mit zwischenzeitlichen Erholungsphasen. Parallel hat sich das gastronomische Angebot enorm erweitert, darunter sind auch viele Clubs vertreten.

Die Clubkultur und deren Kreative haben tatsächlich eine längere Vergangenheit. Aber liegt deren Schaffensperiode nachts zwischen 2 und 5 Uhr? Die Beatles und die Rolling Stones haben es jedenfalls in den Auftrittszeiten von 20 bis 1 Uhr geschafft.

Das individuelle Lärmverhalten im nächtlichen Außenbereich wird von den Gastronomievertretern auf das Nichtraucherschutzgesetz geschoben. Weiter wird ohne schlüssige Begründung behauptet, „wer länger feiert, wäre automatisch ruhiger und würde nicht zur Straßenbeschmutzung beitragen.“

Kultur der Stille. Foto: Erich Weiß

Die Beiträge zwischen den Reden waren beachtlich und gekennzeichnet von einer bisweilen trotzigen, aber innigen Liebe zu Bamberg. Zum Nachlesen den Poetry Slam von Christian Ritter. Dass eben jene Kulturschaffenden und -genießer einen immensen Kraftaufwand gerade bei der Locationsuche leisten müssen, zeigt die Odyssee des Kontaktfestivals auf. Vom alten Hallenbad, über die Tennishalle im Hain und dem Kesselhaus, vom Flugplatzgelände über das ERBA-Gelände mit den schicken Wohnungen, vom Glaskontor- über das Maisel-Gelände, von der Gastronomie am Schlachthof bis zum JUZ: alle Locations habe man durchdiskutiert, auch mit dem Ordnungsamt. Mittlerweile müsse man in Bamberg 2/3 der Arbeitskraft in die Locationsuche stecken, dabei habe Bamberg wunderbare Möglichkeiten – aber eben nicht für die Sub-Kultur. Hierbei wünsche man sich mehr Unterstützung.

Eine Diskussion ist nun angestoßen. Und die gilt es zu führen. In Ruhe und mit Muße. Ein guter Jahrgangswein darf reifen, Künstlerpersönlichkeiten müssen ebenfalls reifen dürfen und sie brauchen Mentoren. Junge Menschen brauchen ebenfalls Zeit, doch die ist im Schweinsgalopp der schulischen und universitären Ausbildung nicht vorgesehen, nicht mehr … Alles soll der Wirtschaft und deren Anforderungen gerecht werden, die jungen AkademikerInnen möglichst klugen Nachwuchs aufziehen – ja, wann denn? Nachts zwischen 3 und 4?

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„Meine Nächte gehören mir“ – Studenten gründen Initiative gegen die Sperrstunde / SPD behauptet: “Das Unifest ist ein Opfer der CSU” – stimmt das? / Katerstimmung schon vor dem Unifest  / Trotz Bedauern: Uni.fest findet erst 2014 wieder statt / Die Uni feiert – bis auf Weiteres nicht mehr! / Starke Ode aufs Welterbe: “Bamberg ist die g… Stadt der Welt” / Sperrzeit: die Verkürzung und die Ausnahmen / Innenstadt Bamberg: Gesundheitsprobleme von Anwohnern, Vandalismus, Müllberge und stinkende Hauseingänge / Mäc (ver)zaubert / Du bist vielleicht ‘ne Marke – Städtischer Zuschuss zum Verein Stadtmarketing / Gemüsehandel ist keine Zauberei: Bamberger Stadtrecht und Marktsatzung / Hokus-Pokus-Fidibus – mit Obst und Gemüse ist erst mal Schluss / Weg mit den Bürgervereinen! Stadtmarketing fordert mehr Professionalität. / Stadtmarketing schlüpft unter den Rettungsschirm / Steht dem Stadtmarketing Kulturförderung zu?

4 Gedanken zu „Demonstration: Bier bis vier oder Kultur braucht Zeit?

  1. Lieber Herr Merger,

    anscheinend haben Sie sich noch nie näher mit dem Morph Club beschäftigt. Dieser Lokalität reine Profitgier vorzuwerfen, ist völlig aus der Luft gegriffen und einfach nicht belegbar.
    Im Gegenteil: Der Morph Club ist sehr daran interessiert, Veranstaltungen zu ermöglichen, die eben nicht unbedingt garantiert Gewinn erwirtschaften. Bitte erkundigen Sie sich doch erst einmal bei den Betreibern, bevor Sie so etwas behaupten.

  2. wenn ein morph-club oder calimeros sich beschweren falle ich doch glatt vom glauben ab. dort gehts nur um schnellsten profit.
    in deren nähe entstehen doch die meisten probleme. warum kommt da nicht einfach das ordnungsamt und schliesst diese läden. dort wird öffentlicher dreck gefördert weil keiner mehr aufs klo kann.
    und am morgen schauts auf dem gesteig aus wie in der kanalisation. doch die besitzer scheren sich nen dreck darum. schon gar nicht werden die zugelassenen personenzahlen eingehalten.

    die stadt tut (nachts) nix und deshalb eskaliert die szene. es sind nur 2 beispiele für rücksichstlose kneipen – da gehören auch alle flaschenbier-kaschemmen einer billigen bamberger brauerei genauso zu den verursachern. deren flaschenreste finden sich an allen ecken der innenstadt

  3. Die Debatte um die Sperrzeit ist mir nicht verständlich. Als ich Student war, war die normale Sperrzeit unter Woche um 1.00 h, samstags um 2.00 h; Discos, Nachtlokale und einige Ausnahmefälle (Goethe-Stuben ;-)) hatten bis 3.00 / 4.00 h offen. Wir konnten damals auch innerhalb dieses Zeitkorridors feiern, im übrigen gab es für Feste auch Ausnahmegenehmigungen.
    Damals gab es bedeutend weniger Ausschreitungen, Exzesse und Einsätze; diese habe seit Wegfall der alten Sperrzeitregelung klar zugenommen (siehe Statistiken der Polizei und der Rettungsdienste). Auch die Anwohner der Innenstadt leiden heutzutage viel mehr als früher unter Lärm die ganze Nacht durch und nicht zuletzt unter den ekelerregenden Hinterlassenschaften der Partygänger in und an ihren Hauseingängen.
    Ich denke, jeder gönnt dem anderen das Feiern – so lange nicht die anderen, die schlafen und ihre Ruhe haben wollen – durch das Gegröhle und die o.g. Hinterlassenschaften unerträglich beeinträchtigt werden.
    Wenn also die Spätnachtsfeiernden sich normal benehmen würden, müßte es diese Debatte nicht geben; da sie aber nicht tun (können oder wollen – das gute Benehmen) bleibt fast nichts anderes übrig, als die Sperrzeiten so zu verkürzen, das die Nachtruhe und die Gesundheit der Anwohner geschützt werden können.
    Noch eins: geradezu lächerlich finde ich es, wenn die Gastronomen heulen und behaupten, die Verkürzung der Sperrzeit würde der Kultur schaden. Gute Kultur gibt es auch vor Mitternacht. Und wenn es um deren Finanzierung geht, dann muß man sich halt andere Wege überlegen, als die Kosten durch Trinkgelage zu finanzieren; es ist klar, daß manche Gastronomen hier handfeste eigene finanzielle Interessen habe – längere Öffnungszeit = mehr Umsatz und Gewinn. Dagegen habe ich grundsätzlich nichts, aber sie sollten das beim Namen nennen und nicht vermeintliche Kulturinteressen vorschützen.
    Schließlich kann es nicht sein, daß nur die Interessen einer Gruppe – des Feiervolks – Vorrang haben können. Die Interessen aller müssen abgewogen werden – und dies ist mit der derzeitigen Regelung gut geschehen.

    • Als potenzielle universitäre Gasthörerin 50plus fordere ich mit Nachdruck die Abschaffung der morgendlichen 8-Uhr-Vorlesungen, da ich im MorgenGrauen mit der Beseitigung diverser
      Ausscheidungen mancher! jüngerer Kommilitonen beschäftigt bin.
      Sauberkeit braucht Zeit!

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