Mäc (ver)zaubert

Interview mit Mäc Härder führten Christiane Hartleitner und Erich Weiß im Mai 2013

Plakat "Bamberger zaubert" 1999

Spricht Mäc Härder übers Zaubern kommt Zauber auf. Er ist selbst ein Meister der Jonglage, mit einem beachtlichen Kollegen-, ja Freundeskreis an Zauberern, Jongleuren und Straßenkünstlern. Während unseres Interviews erscheinen Bilder vor unseren inneren Augen von seinen zahlreichen Reisen zu Treffpunkten und Festivals des „Who is Who?“ der Streetperformer innerhalb Deutschlands. Er entführt uns aber auch ins benachbarte Ausland nach Österreich, Frankreich, Spanien und übern großen Teich nach Amerika. Ihn und uns umgibt sogleich der Zauber der Magie. Nicht nur der Magie, sondern der Kunst, Menschen in den Bann zu ziehen. Und dies mit Bällen, Kegeln, einfachsten Mitteln in Kombination von körperlichem Training – Artistik eben.

Man darf Mäc als den Geburtshelfer von „Bamberg zaubert“ bezeichnen. Gemeinsam mit seinem Zauberkollegen Rainer Wimmer und dem damaligen Citymanager Stefan Pruschwitz stellten sie ab 1999 ein Künstlerfest auf die Beine, das sich nach wenigen Jahren zu einem Eldorado der Straßenkunst entwickelte – und das es so heute nicht mehr ist. Wie kam es?

Hierzu haben wir uns ausführlich mit Mäc Härder unterhalten, der mit uns über eineinhalb Jahrzehnte zurückblickt. Beginnen wir von vorne: Rainer Wimmer hatte 1998 die Idee aus dem österreichischen Bludenz, das ein Festival „Straßenzauberei in der Stadt“ veranstaltete, nach Bamberg gebracht und in Stefan Pruschwitz, damals Leiter vom Stadtmarketingverein Bamberg, einen Partner gefunden, der die Idee weiterspann. Beide holten Mäc Härder ins Team – als künstlerischen Leiter. Die ursprüngliche Idee von Rainer Wimmer, ein reines Zauber-Festival zu versuchen, wurde durch Mäc Härders Initiative auf Straßenkünstler und Jongleure erweitert. Festivals dieser Art gibt es in ganz Europa, das berühmteste findet jährlich in Aurillac / Frankreich statt. Dort ist es ein Festival um der Kunst und der Freude willen, was besonders deutlich wird: Alle örtlichen Geschäfte haben geschlossen, denn die gesamte Bevölkerung will mitfeiern.

1999 fand das 1. Festival in Bamberg statt, die Aufgaben waren klar verteilt: Die künstlerische Leitung lag bei Mac Härder, damals noch zusammen mit Rainer Wimmer, das Stadtmarketing kümmerte sich um die Organisation (Werbung, Flächennutzung, Verwaltungskontakt etc.). Rainer Wimmer und der „Magische Zirkel“, der Bamberger Zauberverein, stellten die Kontakte zu den Zauberern, Mäc Härder diejenigen zu allen anderen Straßenkünstlern und Jongleuren her. Mit 30.000 DM Etat kam das Festival mit anfangs 20 Künstlern aus – und das unter der Vorgabe, dass jeder Künstler eine Auftrittsgage von 300 DM erhält.

Ohne Gage bekommt man keine hochwertige Kunst auf die Bühne

Im Lauf weniger Jahre ist die Anzahl der Künstler auf 36 angewachsen, wobei Mäc Härder jedes Mal aus 80–90 Bewerbungen auswählen konnte. Das künstlerische Konzept sah drei Kategorien vor: Zauberer, Straßenkünstler und Jongleure. Um den Wettbewerbscharakter nicht zu kurz kommen zu lassen und die besten zu würdigen, sollten Preise ein zusätzlicher Ansporn sein. Für jede der drei Kategorien wurden jeweils drei Preise ausgelobt, die von einer Fachjury aus Künstlern und Festivalveranstaltern vergeben wurden. Die 1. Preise erhielten jeweils 1.000,- DM, die 2. Preise je 500 DM und die 3. Preise je 250 DM. Ab dem 2. Jahr warb man für einen Varieté-Abend in Schloss Geyerswörth um überregional bekannte Künstler.

Einstmals ein Fest der Sinne – für Alle und nach Ladenschluss

Während beim 1. Festival neben den heute noch benutzten Auftrittsorten, wie dem Maxplatz, den Grünen Markt, an der Schranne, am Katzenberg sowie im Schloss Geyerswörth, auch noch der Platz vor dem Bahnhof und das Atrium „bespielt“ wurden, entschloss man sich nach schlechten Erfahrungen, die beiden Orte am Bahnhof bei zukünftigen Festivals nicht mehr mit ins Programm zu nehmen.

Das Festival dauerte von Beginn an 3 Tage – jeweils von Freitag bis Sonntag. Wobei man heute bedenken möge, dass die Öffnungszeiten in den späten 90er Jahren und zur Jahrtausendwende bei weitem noch geringer waren, Freitag waren in der Regel die Geschäfte ab 18 Uhr zu, Samstag ab 14 Uhr.

Ein Fest der Sinne! – „Ey, komm schnell, da sind lauter Verrückte in der Stadt!“

Mäc erinnert sich, dass die Leute in der Fußgängerzone überrascht stehen blieben, sich den Künsten hingaben und gar nicht genug davon bekommen konnten. Ein Fest der Sinne! Es gelang, ausgesprochene Größen ihres Fachs nach Bamberg zu locken: den Amerikaner Bobarino Gravittini, das deutsch-englische Duo Lukaluka oder den Dada-Kabarettisten Peter Spielbauer.

Innerhalb weniger Jahre hatte sich das Festival einen sehr guten Ruf in der Fachwelt der Künstler und beim Publikum erarbeitet. Dies lag vor allen Dingen an der Auswahl der Künstler, die sowohl dem „Magischen Zirkel“ wie auch Mäc Härder alle persönlich bekannt waren, per Empfehlung weitergereicht und kurzerhand per Telefon eingeladen wurden. Immer wieder neue Künstler sollten mit ihren Auftritten für Abwechslung sorgen und die Bandbreite der Artistik vorstellen. Eine stete Lebendigkeit war damit garantiert. In der Europäischen Jonglierzeitung Kaskade wurde bis 2003 „Bamberg zaubert“ als bestes Festival Deutschlands bezeichnet.

Vor allem die Künstler empfahlen das Fest einander, trafen sich hier und motivierten sich zu Höchstleistungen. „Hier machst Du einen echt guten Hut!“

Wandel des Festivals im Jahr 2003

Bis einschließlich 2003 blieb Mäc künstlerischer Leiter des Festivals. Im September 2003 löste Klaus Stieringer Stephan Pruschwitz als City-Manager ab. Der Übergang von einer Leitungsperson auf die nächste geht wohl in den seltensten Fällen reibungslos, doch in Bezug auf „Bamberg zaubert“ muss man wohl von einem Desaster sprechen. Mäc Härder berichtet vom ersten Treffen, bei dem Klaus Stieringer lediglich die letzten 15 Minuten teilgenommen habe und die mit Eigenlob füllte. Offensichtlich habe der neue Stadtmarketingchef keinen Wert auf das bewährte Team wie auf deren Konzept gelegt. Die Erfahrungen aus mehreren Jahren wurden völlig ignoriert.“ Das Resultat? Das Festival 2004 wurde zwangsläufig ein Desaster. Man machte die gleichen Fehler, wie Jahre zuvor, und noch mehr – „stümperhaft“: Wieder baute man Bühnen an unbespielbaren Orten auf, wie am Bahnhof und in der Königstraße. Schon 2005 kamen die ersten schlechten Leserbriefe und das einstmals beste Festival Deutschlands verlor seine Zustimmung. Mäc: „Ein Festival kann keine grundsätzlichen Probleme der jeweiligen Stadt lösen. Das ist der falsche Ansatz.“

Mäc Härder

Der größte Fehler: keine Gagen für die Künstler

Schlimmer noch. Mäc erzählt von späteren Begegnungen: Wenn ich in den letzten Jahren bei anderen Festivals war, kamen die Veranstalter auf mich zu: `Was hast Du denn aus dem Festival in Bamberg gemacht?` Ich musste mich für eine Veranstaltung rechtfertigen, mit der ich gar nichts mehr zu tun hatte.“

Der größte Fehler, den das neue Team um Klaus Stieringer machte, kommt einer Missachtung der künstlerischen und artistischen Leistung gleich: keine Gage für die Künstler. Lediglich die Übernachtung wird gestellt, die Fahrtkosten übernommen sowie eine Verpflegungspauschale vergeben. Künstler von Wert treten unter solchen Bedingungen nicht auf – außer sie haben zufällig ein freies Wochenende. Auf den Bühnen sehe man seitdem nur noch ein eingeschränktes Spektrum, vor allem laute Acts, ruhige Shows fehlen, denn deren Künstler können nicht mit Hut sammeln. In Frankreich haben Künstler eine völlig andere Wertschätzung, nach 100 Arbeitstagen im Jahr besitzt man dort automatisch eine Arbeitslosenversicherung

Mäc: „Es ist eine Sünde und Schande! Zum Vergleich: Läßt man Kellner allein für ihr Trinkgeld arbeiten?!“

„Klaus Stieringer: Kulturmanager des Jahres – eine Farce für alle Kulturschaffenden. Für mich, wie wenn der Metzger sich zum Chirurgen aufspielt“

Mäc, der viel Herzblut in das Künstlerfestival „Bamberg zaubert“ – das ja irgendwie auch sein Kind ist – steckte, konstatiert das Fehlen eines erkennbaren künstlerischen Konzepts.  Positiv sei, dass zumindest die Auftaktveranstaltung im richtigen Rahmen stattfindet. Das Festival an sich habe sich allerdings wegbewegt von der künstlerischen Idee hin zu einer Massenveranstaltung. „Bamberg zaubert“ sei heute mehr ein beliebiges Stadtfest als ein Festival für Zauberer, Straßenkünstler und Jongleure. In den Anfangsjahren herrschte das künstlerische Interesse noch vor, das Festival sollte den Ruf Bamberg als Kulturstadt fördern und nicht dem Einzelhandel dienen. Nun sind die Künstler zum schmückenden Beiwerk verkommen.

Bamberg ist eine schöne Stadt, in der ein Festival wie „Bamberg zaubert“ ideal angesiedelt wäre, leider vergibt man sich die Chance, Perlen nach Bamberg zu holen – nur manchmal noch ist eine Perle dabei.

Mäc Härder: „In manchen Jahren floh ich vor dem Elend.“

4 Gedanken zu „Mäc (ver)zaubert

  1. Muss meinen zweiten Kommentar relativieren: „Hutgeld statt Gage“ soll bei solchen Straßenkünstlerfestivals die Regel und üblich sein.

  2. Dem Kommentar kann ich nur zustimmen. Als ehemaligem Bamberger, der jedoch jedes 2.-3. Wochenende in der Heimat verbringt, sträuben sich mir die Haare wenn ich in der Region der hundert Brauereien die Massenware aus Kulmbach, Nürnberg oder Bitburg sehe und gezwungen bin, dies auf solchen Festen zu konsumieren, mangels Alternative. KS als „Metzger“ zu bezeichnen ist fast schon euphemistisch – Abdecker wäre wohl passender. Denn die Stadt mit immer mehr Tagestouristen zu überschwemmen und traditionelle Feste zu kommerziellen Beliebigkeitsfeiern zu mutieren, ist erbärmlich.
    Aber der „Fränkische Beobachter“ als faktisches Zeitungs-Monopol wird weiterhin Lobeshymnen auf die „Traumstadt der Deutschen“ anstimmen.
    Was Bamberg bräuchte ist eine Wutbürgerbewegung – „Bamberg 21“

  3. P.S: Stimmt das tatsächlich, dass die Künstler keinen Cent Gage bekommen? Ich kann das gar nicht glauben

    Anders aber auch: Wenn Künstler so eine „Auftrittsmöglichkeit“ wahrnehmen, sind sie selbst schuld.

  4. Wie es Stieringer aber schafft, Bambergern das Gesöff einen auswärtigen Bierproduzenten als Hauptsponsor eines „seiner“ (hüstel) „Kultur“events saufen zu lassen, das ist meisterlich.

    Es zeigt aber auch die Belanglosigkeit, mit der sich die Stadtbewohner zufrieden geben. Das ist irgendwie schauderlich.

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