Smog bei Inversionswetterlage: in Bamberg ein altbekanntes Phänomen

Redaktion

Sternwarte Bamberg. Foto: Erich Weiß

Professor Dr. Ernst Zinner blickte jeden Tag vom Stephansberg auf Bamberg hinunter. Oft konnte er die Häuser nicht klar erkennen, weil eine dicke Dunstglocke über der Stadt hing, die tage- oder wochenlang nicht weichen wollte. Von 1923 bis 1956 war Zinner Direktor der Remeis-Sternwarte und bewohnte die Dienstvilla auf dem Gelände.

Zu seinen Aufgaben gehörte nicht nur der nächtliche Blick in die Sterne, sondern auch die Beobachtung der an der Sternwarte gelegenen Bamberger Wetterstation. Sein Personal verwandte einen großen Teil der Arbeitszeit darauf. Drei mal täglich maßen sie Temperatur, Luftdruck und Niederschlag, stellten Windrichtung und Windgeschwindigkeit fest, beschrieben die Wolkenbildung, überbrachten die Daten zum Abdruck an die beiden lokalen Tageszeitungen und telegraphierten sie an die Deutsche Seewetterwarte in Hamburg und die Bayerische Wetterwarte in München. Nach einigen Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Bamberger Wetter fasste Zinner seine Ergebnisse in einem Aufsatz zusammen. Er erschien in den XXV. Berichten der Naturforschenden Gesellschaft Bamberg von 1929.

Typisch für Bamberg sei die besondere Topographie, die zu unterschiedlichen Klimazonen im Stadtgebiet führe, so Zinner. Weil die Stadt im Flusstal liege und sich westlich davon ein Bergrücken erstrecke, gebe es vom Tal bis hoch auf die Altenburg und den Rothof Wohngebiete mit einem Höhenunterschied von 150 m. „Selbstverständlich kann bei solchen Höhenunterschieden, die teilweise durch Steilabfälle hervorgehoben werden, von einem völlig einheitlichen Wetter nicht die Rede sein“, stellte Zinner fest.

Zinner beschrieb, wie sich das Kleinklima zwischen Tal und Berg entwickelt. „Das Talgebiet lässt sich … als das Becken ansehen, in das die kalte Luft von den Bergen, besonders in der Nacht, hinabfließt.“ Oft sei im Winter die Temperatur im Tal viel niedriger als oben auf dem Berg. „Sehr gut machte sich dies in dem eisigen Februar 1929 bemerkbar, wo man nachts von der Altenburg hinabgehend, plötzlich beim Eintauchen in die Dunstschicht, am oberen Ende der Altenburgerstraße, in eine eisige Luft kam, deren Kälte bis zum unteren Ende noch um 3 Grad zunahm.“ Über dem Kaltluftsee im Tal lag also eine wärmere Luftschicht. Weil die kalte Luft aber nicht aufsteigen kann, blieb sie unter dem Deckel der Warmluftschicht, wo sie war, nämlich unten. Damit waren auch alle Abgase unten eingeschlossen und konnten nicht abziehen. Ohne den heute üblichen Begriff „Inversion“ zu nennen, hatte Zinner das Phänomen doch schon genau beschrieben.

Zinner hatte beobachtet, dass man die Grenze zwischen der Kaltluftzone am Boden und der warmen Luft darüber nicht nur mit dem Thermometer messen, sondern auch sehen kann. Oft liege dichter Nebel oder Dunst über der Stadt, der bis zum oberen Rand der Kaltluftzone reiche. „In kalten Nächten stellt die Nebelgrenze zugleich auch eine Wärmegrenze dar.“ Zinner beschrieb die Mächtigkeit und Dichte dieser Kaltluft- und Nebelzone sehr präzise. „Für gewöhnlich reicht der Nebel nicht höher als 30–40 m über die Regnitz und ist oft so dicht, daß vom Tal aus die Sterne nicht zu sehen sind. Deutlich macht sich die Grenze des Nebels bemerkbar, z.B. am Stephansberg, nicht nur durch die plötzliche Durchsichtigkeit der Luft, sondern auch durch das Aufhören der mit dem Nebel verbundenen stickigen Luft.“

Woher kamen Dunst und stickige Luft?

„Die Ursache der starken Nebel- und Dunstbildung über der Stadt ist die starke Verunreinigung der Luft durch Rauch- und Rußteilchen, die infolge der nach Süden, Südwesten und Westen steil ansteigenden Höhen von den vorherrschenden Süd-bis-Westwinden nicht erfaßt und fortgeführt werden können. Nur so läßt sich die überaus große Rußplage in der Stadt erklären, die jedem von auswärts Kommendem auffällt. Selbst in dem unteren Berggebiet ist die Rußplage noch sehr unangenehm. Nur gelegentlich befreit ein stärkerer Ostwind die Stadt von ihrer lästigen Dunstschicht oder ein starker Regen führt die Staub- und Rußteilchen dem Fluß zu.“

In den 1920er Jahren kamen Rauch und Rußteilchen aus den Schornsteinen aller Gebäude. Im Winter wurden Kohle, Holz und anderes organische Material in Tausenden von Öfen verheizt, um die Wohnungen und Amtsstuben zu wärmen. Auch im Sommer hörten die Emissionen nicht auf, denn viele Familien kochten noch über Holz- oder Kohlefeuer, bevor man später auf die bequemeren und abgasärmeren Gas- oder Elektroherde umstieg. Das Phänomen von Dauerbrennstellen in Wohnhäusern war dermaßen üblich, dass es dafür einen eigenen Begriff gab, den „Hausbrand“. Auch aus den Schornsteinen der im Stadtzentrum reichlich vorhandenen Industriebetriebe quollen Rauchgase. Eine untergeordnete Rolle spielten hingegen die Automobile, es waren noch zu wenige.

Zinner beschrieb, dass das obere Berggebiet wegen seiner reineren Luft die bessere Wohnlage sei. „Auch ist die größere Häufigkeit des Nebels im Talgebiet eine leicht festzugstellende Tatsache, desgleichen die überaus große Verrußung des Stadtinneren, von der im hochgelegenen Berggebiet wie auch im Talgebiet, entfernt von der Stadt, nichts zu merken ist. Demnach ist das Berggebiet überaus günstig zum Wohnen und sollte durch Einschränkung der Industrie und durch Beseitigung der Rußplage in seiner Eigenheit erhalten bleiben“, appellierte er an die Bamberger Stadtplaner.

Soweit Ernst Zinner im Jahr 1929. Und heute?

Die Stadt ist gewachsen. Es gibt wesentlich mehr Haushalte als früher, aber glücklicherweise nicht mehr so viel Hausbrand, denn alle Häuser verfügen über Stromanschlüsse und die meisten sind an Gasleitungen oder die Fernwärme angeschlossen. Kochen und Heizen ist also fast ganz oder sogar völlig ohne lokale Emissionen möglich. Auch industrielle Abgase spielen im Stadtzentrum keine Rolle mehr. Stark zugenommen hat dagegen die Menge der Autoabgase.

Konstant geblieben sind die typische Bamberger Topographie, die Hauptwindrichtungen und das Stadtklima. Noch immer wird die Stadtluft schlecht, wenn es wieder einmal eine Inversionswetterlage gibt. Was immer wir verbrennen, Benzin oder Diesel, Holz oder Kohle, Gas oder Öl: die Abgase bleiben dann bei uns. Im Januar und Februar 2017 hatten wir wieder einmal Inversionswetterlagen mit den für Bamberg typischen Folgen. An 11 Tagen wurde der Grenzwert für „schlechte Luft“ überschritten, an einigen dieser Tage war die Luft sogar „sehr schlecht“.

Die aktuellen Feinstaubwerte, gemessen vom Bayerischen Landesamt für Umwelt, gibt es hier: https://www.lfu.bayern.de/luft/immissionsmessungen/messwerte/stationen/detail/403/132  


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