„Es gibt in Sachen Max Brose nichts mehr aufzuarbeiten“ – wirklich?

 Redaktion

Als Firmenpatriarch gab und gibt Michael Stoschek die Vorgaben und Handlungsrichtlinien seiner Firma brose vor. Die Geschicke seines Unternehmens ist er gewohnt zu formen und zu bestimmen. Doch hinsichtlich der Coburger Stadtgeschichte und dem wachsenden Forschungsinteresses möge er sich hüten, jenseits seiner Richtlinienkompetenz Vorgaben zu machen, wie dies seine Aussage „Es gibt in Sachen Max Brose nichts mehr aufzuarbeiten“ intendiert. Während der Pressekonferenz Ende April kam Stoschek zur Konklusion, dass – seiner Meinung nach – die Schlussakte des Entnazifizierungsprozesses das „letztinstandliche Urteil zu der Beurteilung meines Großvaters“ „juristisch das einzig entscheidende Papier“ ist.

Der Forscherdrang ist unendlich – da nutzt kein basta!

Doch die Geschichtswissenschaften haben einen weiteren, breiteren und tieferen Anspruch. Das wird auch Michael Stoschek erkennen müssen. Als Teil der Geisteswissenschaft beschäftigt sie sich mit der Geschichte von Menschen und menschlichen Gemeinschaften. Ihr Forschungsdrang ist unendlich, die Quellen mehren sich stets, die Zusammenhänge werden immer wieder aufs neue durchleuchtet, die Deutungen unterliegen einer dauerhaften kritischen Analyse – der hieraus resultierende Erkenntnisgewinn ist schier unendlich.

Selbst, ja gerade nach 70 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft ist die Geschichtswissenschaft gefragter denn je. Der generationenübergreifende Wunsch nach Durchdringung der Geschehnisse, die Suche nach Antworten auf die Fragen Warum? Wer? Wie? lassen nicht nach. Der Blick zurück öffnet und weitet den Blick nach vorne.

Einige Lese- und Hörtipps

Ein Hörtipp der ganz besonderen Art und Qualität ist ein 17 (!)- minütiger Radiobeitrag im BR, der solide recherchiert Zusammenhänge der Vergangenheit Max Broses in seinem Coburg darlegt und Verknüpfungen zu seinem Enkel herstellt. Überhaupt lohnt es sich, auf den Internetseiten des BR zum Stichwort „brose“ zu stöbern. Und den Erkenntnisgewinn zu mehren.

Die Bamberger Onlinezeitung in ARD Kontraste

Bildschirmfoto von der ARD-Sendung Kontraste vom 7.5.2015

Bildschirmfoto von der ARD-Sendung Kontraste vom 7.5.2015

Über 2,65 Millionen Zuschauer sahen den Bericht ARD-Kontraste: “Max Brose Straße” in Coburg. Unter anderen wurde der Präsident des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, interviewt (hier). Während seiner Aussage: „Es geht nicht darum, Max Brose generell zu verdammen. Nur, es geht da um eine Straßenbenennung, und ich erwarte für eine Straßenbenennung eine Vorbildfunktion in jeder Hinsicht. In der Stadt Coburg, die erste Stadt mit einer braunen Stadtratsmehrheit, in dieser Stadt meine ich, sollte man die Latte besonders hoch legen“ schwenkte die Kamera über seinen wohlsortierten Schreibtisch, wo ein Ausdruck (Abb. oben) der Bamberger Onlinezeitung zu sehen war.

Coburger Internetseite zur Stadtgeschichte

Eigentlich müssten die Coburger Stadträte und Bewohner die städtische Internetseite konsultieren (hier) und aufmerksam studieren. Dort kann an einem Zeitstrahl Stadtgeschichte informativ nachgelesen werden, unter anderem:

1928–1929: Die „Friedmann-Affäre“

Der jüdische Generaldirektor der Großschlächterei C. Großmann AG in Coburg, Abraham Friedmann, war aufgrund seiner Religion und seiner gesellschaftlichen Position ein „Lieblingsopfer“ der Nationalsozialisten. Schon während des „3. Deutschen Tages“ vom 14. bis 15. Oktober 1922 wurde Friedmann von den Nationalsozialisten verdächtigt, linke Randalierer bezahlt zu haben, um ihre Veranstaltung zu stören. Daneben musste sich Friedmann in der Folge gegen Angriffe auf seine persönliche Ehre wehren. Die Nationalsozialisten warfen ihm Feigheit im Erste Weltkrieg vor und dass er ein Kriegsgewinnler sei.[1] In der nationalsozialistischen Tageszeitung „Der Weckruf“ hieß es diesbezüglich: „Während der deutsche Frontsoldat 4 ½ Jahre an der Front im Dreck der Schützengräben und Granattrichter mit seinem Blut und Leben die Heimat schützte, hat der Jude, der Fremdrassige, sich als Funktionär der Rathenauschen Kriegsgesellschaften gemästet und seine Beute in Sicherheit gebracht.“[2]

Ihren Höhepunkt erreichten die Angriffe auf Friedmann im Jahre 1928. Da Friedmann die ständigen Anfeindungen des „Weckrufs“ satt hatte, verklagte er das Blatt und erwirkte eine einstweilige Verfügung. Die Nationalsozialisten mit ihrem Anführer Franz Schwede interessierte dies jedoch wenig. Sie machten weiter mit ihren Angriffen, die darin gipfelten, dass man Friedmann bezichtigte, über den Kopf der zuständigen städtischen Stellen hinweg bei der Staatsregierung den Kommerzienratstitel kaufen zu wollen.[3] Die Nationalsozialisten stellten deswegen einen Antrag im Stadtrat. Darin wurde gefordert, dass die entsprechenden Gerüchte zu überprüfen seien, und falls es der Wahrheit entspreche, man alles Erdenkliche tun müsse, um dies zu verhindern. Da es eine Beleidigung wäre, „wenn“, so Schwede, „diesem Juden, der sich vom Frontdienst offenbar gedrückt hat und während der Zeit, wo zwei Millionen Deutsche draußen ihr Leben für Deutschland opferten, es verstanden hat, auf Kosten der Allgemeinheit Millionär zu werden, auch noch der Kommerzienratstitel verliehen wird.“[4] Daneben wurde weiterhin im „Weckruf“ gegen Friedmann gehetzt.[5]

Friedmann nahm dies zum Anlass, in seiner Eigenschaft als Generaldirektor der C. Grossmann AG, mit der Kündigung des Strom- und Koksbezug seiner Firma von den städtischen Werken zu drohen. Als Begründung führte er aus, dass ein Angestellter der Werke, eben Schwede – er war technischer Angestellter bei den städtischen Werken –, ihn andauernd in der Öffentlichkeit verunglimpfe.[6] Die städtischen Werke reagierten auf diese Drohung und den Verlust eines Großkunden, indem sie Schwede eine Erklärung unterschreiben lassen wollten, in der dieser sich verpflichtete, seine politische Tätigkeit mit seinen Verpflichtungen gegenüber seinem Arbeitgeber in Einklang zu bringen und auch auf seine Parteigenossen dementsprechend einzuwirken. Kurz gesagt, wollte man Schwede verbieten, weiterhin gegen Friedman zu hetzen. Der Nationalsozialist weigerte sich jedoch, eine solche Erklärung zu unterschreiben. Vielmehr machten er bzw. der „Weckruf“ das Vorhaben der städtischen Werke entgegen einer intern getroffenen Absprache öffentlich.[7] In dem betreffenden „Weckruf“-Artikel wurde sogar behauptet, dass Friedmann die Entlassung von Schwede gefordert habe, was jedoch nicht der Wahrheit entsprach.[8]

Aufgrund dieses Artikels und der Weigerung Schwedes, die oben erwähnte Erklärung zu unterschreiben, wurde er auf Beschluss des Stadtrates am 13. Februar 1928 aus dem Dienst der städtischen Werke entlassen.[9]

Die NSDAP reagierte auf die Entlassung Schwedes mit einer beispiellosen Agitations- und Propagandawelle. Dabei versuchten die Nationalsozialisten den vermeintlichen Gegensatz zwischen dem „Juden, Kriegsfeigling und Kriegsgewinnler“ Friedmann und „dem Kriegshelden“ und „Deutschen“ Schwede herauszustellen. Man appellierte also an die „deutsche Ehre“ der Coburger. Des Weiteren wurde die Kündigung Schwedes als ein Angriff auf die gesamte NSDAP gewertet. Damit wurde die „Affäre Friedmann“ endgültig zum Politikum.[10]

Für den 8. März berief die NSDAP eine Protestversammlung ein. Zu der Veranstaltung, der sich auch vaterländische und völkische Verbände anschlossen, erschienen rund 3.000 Personen. Es wurde eine Resolution verabschiedet, in der der Stadtrat aufgefordert wurde, die Kündigung Schwedes zurückzunehmen. Des Weiteren kam man zu dem Schluss, der Stadtrat entspräche nicht mehr dem Willen der Mehrheit der Bürger. Danach kündigte der Nationalsozialist Georg Linke an, dass die NSDAP ein Volksbegehren und einen Volksentscheid über Neuwahlen des Stadtrats initiieren werde.[11] Die Nationalsozialisten wollten die aufgeputschte Stimmung in Coburg nutzen, um daraus politisches Kapital zu schlagen.[12] Dies sollte ihnen auch gelingen, denn die nötigen Unterschriften für das Volksbegehren waren schnell zusammen. So konnte es tatsächlich zu einem Volksentscheid kommen, bei dem die Auflösung des Stadtrates beschlossen wurde. Aus den folgenden Neuwahlen gingen die Nationalsozialisten als strahlende Sieger hervor.

Die „Friedmann-Affäre“ war für die NSDAP ein wahres Geschenk. Zuvor hatten sich nämlich an ihren stereotypen Forderungen nach Diätenkürzung und Steuersenkungen sowie den ständigen Hinweisen auf das kommende Dritte Reich Abnutzungserscheinungen gezeigt. Die „Friedmann-Affäre“ kam genau zum richtigen Zeitpunkt. In einer Zeit, in der sich die nationalsozialistische Bewegung totzulaufen drohte, brachte die Entlassung Schwedes neuen Schwung in die NSDAP und verschaffte ihr die nötige mediale Aufmerksamkeit.[13]

http://www.stadtgeschichte-coburg.de/Startseite/archiv/s-schwarz-42.aspx

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Fernsehtipp – ARD-Kontraste: “Max Brose Straße” in Coburg / Max Brose: Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für die Streitkultur in Coburg? / Niemand hat die Absicht, eine Max-Brose-Straße in Bamberg zu errichten! Mag das Gedankenspiel auch dementiert werden, eine grundsätzliche Auseinandersetzung ist dringend geboten. Hilfreich dürfte die Einschätzung von Prof. Dr. Rauh hinsichtlich der Kapitalisierung von Geschichte sein, der sich auch die Firma Brose bedient.

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