Warum die „Hockenden“ von Wang Shugang nicht in Bamberg hocken sollten

You Xie

Rote Männla. Foto: Erich Weiß

„Warum hocken Chinesen?“ – Dieser Frage bin ich in meinem Artikel nachgegangen, der bislang über 10 Millionen Leser in den chinesischen Medien gefunden hat und als der beste Artikel 2009 in Taiwan bewertet wurde.

Chinesen sollen aufrecht und gerade stehen. Mutig sein. Lösungen für Probleme suchen und finden. Oder richtig sitzen. Demütig sein, über Fehler nachdenken und umdenken muss man nicht im Hocken.

Ich bete für Bamberg, dass kein Sponsor für die acht roten Männer gefunden wird. Auch weil es sehr schade um das viele Geld (240.000 €) ist!

Warum hocken Chinesen?

Von You Xie, Übersetzung: Jon Müller

Sitzen, liegen, stehen: Zwischen Chinesen und Europäern gibt es darin keinen Unterschied. „Stehen wie ein Baum, sitzen wie eine Uhr, gehen wie der Wind.“ Aufrecht stehen wie eine Kiefer, gerade und konzentriert sitzen wie eine Tischuhr, so schnell und kraftvoll reagieren wie der Wind.

Und warum begreifen die Europäer die Hocke nicht? Egal, was Chinesen in der Stadt oder auf dem Land so tun, sie hocken sich nieder. Geschäfte im Laden machen: hinhocken. Reden über die alten Zeiten und über heute: hinhocken. Schachspielen und dabei schwatzen: hinhocken. Nahrungsmittel zerschneiden und Essenkochen: hinhocken. Einen Job suchen oder auf andere warten: hinhocken.

Was das Hinhocken angeht, sieht es zunächst aus wie bei den Affen, die sich setzen. Affen sitzen mit dem Hintern auf der Erde, aber Menschen hocken beim Hocken nicht mit dem Hintern auf der Erde.

Ich weiß nicht, ob Leute in anderen Ländern sich hinhocken oder nicht. Und ob diese das Hocken begreifen können oder nicht, ob sie das Hocken beherrschen oder nicht. Ich beobachte nur, dass Deutsche sich nicht häufig hinhocken – Europäer beherrschen diese Fertigkeit nicht. Hocken – das ist eine Fertigkeit, die Chinesen beherrschen.

Zwar nicht notwendigerweise, denn mein Sohn wurde in Deutschland geboren und wuchs hier auf. Wir können uns zwar hinhocken, aber gerne tut er das nicht. Er besitzt überhaupt keine Veranlassung dazu. Deutschland ist es keine „Hocker“-Umwelt.

Hocken aus Armut

In armen und rückständigen Gebieten – und ich spreche hier von China – gab es weder im Hause noch Draußen Möglichkeiten zum Sitzen. Wollte man also nicht direkt auf dem Boden sitzen und sich die Kleidung verschmutzen, dann konnte man sich nur Hinhocken. Nachdem man lange gehockt war, wurde das Hocken selbstverständlich. Nachdem das Hocken zur Natur geworden war, wurde es zur Gewohnheit. Nachdem es zur Gewohnheit geworden war, scheint es schwierig, diese Gewohnheit aufzugeben.

Mein Schwiegervater kommt aus der Provinz Shandong, er beherrscht die Kunst des Hockens. Auch nach den politischen Reformen und der Öffnung nach außen. Als sich die häuslichen Bedingungen verbessert hatten und es zu Hause auch Sofas gab, sah man ihn hocken: wenn er fröhlich war – und war er nicht fröhlich, hockte er auch. War er unglücklich, hockte er mit zerknitterter Miene – war er fröhlich, hockte er auf dem Sofa und aß seine Nudeln.

Es ist schwer zu sagen, ob Hocken bequemer ist als Sitzen. Bequemlichkeit oder in Altem gefangen sein, das ist die subjektive Wahrnehmung des einzelnen Menschen, andere können die eigene Auffassung nicht ersetzen.

Anfang der achtziger Jahre nahm ich an einer Verhandlung mit der deutschen Metallgesellschaft aus Frankfurt am Main anlässlich der Vorstellung ihrer Produkte in Nanning teil. Als Dolmetscher durfte ich zusammen mit dem Direktor des Instituts namens Yang in einem Sterne-Hotel wohnen, die anderen niederrangigen Kollegen mussten in einer Pension übernachten. Als erstes jeden Morgen nach dem Aufstehen ging Direktor Yang in dieser Pension auf die dortige Toilette. Direktor Yang sagte: „Mein lieber You, ich gehe in die Pension in offizieller Mission, im Sitzen kann ich keinen Stuhlgang haben …, ich muss unbedingt im Hocken …“ „Sie sind dort in privater Angelegenheit, den Toilettengang zu einer offiziellen Mission zu machen, stammt von Wang Huaiqing.“ Und ich erzählte Direktor Yang die Geschichte des Generals Wang Huaiqing aus Beinyang. Wang Huaiqing erfreute sich seines ganzen Lebens lang einer Toilette. Oft saß er auf der Toilette und verrichtete dabei seine Dienstgeschäfte, weswegen ihn die Leute auch „General Toilette“ nannten.

Die Menschen im südlichen Hainan beherrschen ebenfalls die Kunst des Hockens: Jeder sitzt draußen und macht seine Arbeit im Hocken. Auch 30 Jahre nach den Reformen und der Öffnung Chinas nach außen hocken die älteren Dorfbewohner höchst fröhlich bei einander. Ich verstehe nicht, warum es heutzutage in ihren Häusern immer noch keine Werkbänke und Arbeitstische gibt. Reis waschen: im Hocken. Reis kochen: im Hocken,. Die Nahrungsmittel zerkleinern: im Hocken. Zu fürchten ist heutzutage das Neujahr. Dann werden Bambusbanner aufgestellt, auf denen Hackklötze aufgezeichnet sind, wo Hühner liegen. Später werden diese Hühner kleingehackt: im Hocken.

Hocken aus Faulheit

„In der Heimat bei der Arbeit“ sein, heißt für Faulpelze, sich bei der Arbeit herumdrücken und nicht auf dem Acker arbeiten. Oft hocken sie auf den Wegen zwischen den Feldern, halten dabei ihre Hacke und tun so, als ob sie arbeiten würden. Leute, die sich lange hingehockt haben, werden faul, weil man beim schnellen Aufstehen schwindelig wird, denn kurzfristig entsteht dabei eine Blutarmut im Gehirn. Wenn die Leute hocken, dann sind Hüfte und Beine gebeugt, der Blutkreislauf kann nicht ungehindert erfolgen. Steht man unter diesen Umständen plötzlich auf, dann fließt das Blut plötzlich ungehindert in die Beine und verursacht eine Unterblutung des Oberkörpers, aber der Bedarf von Gehirn und Augen an Sauerstoff usw. ist besonders ausgeprägt. Wird dieser kurzfristig nicht gedeckt, führt das zu einer kurzen Unterversorgung und eventuell auch zu einer Unterbrechung ihrer Arbeit und resultiert konsequenterweise darin, dass einem schwarz vor den Augen und schwindelig wird. Wenn der eigene Körper in schlechter Verfassung ist, dann kann das kritische Folgen haben. Wenn sich hockende Leute wohlfühlen, ist es schwierig, auf den Fersen zu hocken. Länger zu hocken, führt langsam dazu, dass man sich in Faulenzer verwandelt. Hockende Leute ergeben sich den Umständen, werden selbstgefällig und zwingen sich zur Passivität, fürchten Veränderungen und neue Ideen, verweigern sich dem Fortschritt.

Hocken ist passives Erdulden

Die Leidensfähigkeit der Chinesen hat sich nicht geändert. Leidensfähigkeit zielt auf „Gefühle unterdrücken und nicht zum offenen Ausdruck kommen lassen.“ Leidensfähigkeit ist das Ergebnis von Umwelt und Kultur, ist ein Teil der mentalen Situation von uns Chinesen. China ist das bevölkerungsreichste Land, die Wirtschaft steht unter Druck. Das lässt den Chinesen keinen Freiraum. Dies gilt ganz besonders für den Familienclan mit vier Generationen unter einem Dach, eine große Gruppe mit engem Zusammengehörigkeitsgefühl. Ohne Geduld und Nachsicht, das geht nicht. Deswegen ist die gegenseitige Erduldensfähigkeit der Chinesen über viele Generationen antrainiert worden. Das chinesische Volk erlitt in der Vergangenheit Despoten, tyrannische Regierungen und Anarchie. Diese Pein aller Art übersteigt bei weitem alles, was die westlichen Völker erfuhren. Versöhnlichkeit entschuldigt zu einem gewissen Maße Privilegien, Versöhnlichkeit beinhaltet objektive Duldsamkeit und subjektive Nachgiebigkeit. Deswegen glaube ich, dass chinesische „Versöhnlichkeit“ dem entspricht, was man hier Nachsichtigkeit nennt, im englischen „tolerance“. Der lateinische Wortursprung „tolerare“ kommt von „ertragen oder geduldig / nachsichtig“, aber der weit verbreitetere Sinn ist „großziehen, erdulden“ …

Hocken aus medizinischer Sicht

Einige Ärzte formulieren es so: Das Hocken hat nur einen einzigen großen Vorteil. Es ist gut für den Stuhlgang und wirkt gegen Verstopfung, Hämorrhoiden, Darmträgheit und ist des Weiteren den Harnorganen förderlich. Manche Ärzte glauben, der Mensch sollte im täglichen Leben weniger sitzen, aber mehr hocken, dies sei für den Organismus ein gutes Training. Hocken übt auf den Bauch, die Beine, den Hintern den größtmöglichen Druck aus und das reduziert das Fett. Hocken verbraucht mehr Energie als Sitzen und führt zu Gewichtsabbau. Der Herz-Lungen-Blutkreislauf von Hockenden ist vollständig, was das Auftreten koronarer Herzprobleme und von Lungenerkrankungen reduziert. Wenn man hockt, ist das Zwerchfell ausgedehnt, beim Aufstehen zieht es sich zurück, dies vergrößerte den Bewegungsspielraum von Brustkorb und Lungenflügel. Andere Experten glauben, hockend die Toilettengeschäfte zu verrichten, verlängert die Lebensdauer von Frauen. Bei der Erforschung des Geheimnisses eines langen Lebens haben die Menschen entdeckt, dass die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht einem langen Leben zuträglich ist, was damit zusammenhängt, dass Frauen öfters hocken als Männer. In China. Um den Toilettengang als Beispiel zu nehmen: Frauen hocken täglich zwölf Minuten länger als Männer. Die weiblichen Haushaltspflichten werden üblicherweise auch öfters im Hocken vollbracht.

Hocken zur Zerstreuung.

Die Zerstreuung ist eine willentliche Bequemlichkeit. Nachdem die Menschen einmal faul geworden sind, folgt die Freizeit. Der Müßiggänger hat nichts zu tun, wartet auf Beschäftigung, das Stehen ist harte Arbeit, weswegen er sich hinhockt. Wenn er sich amüsiert hat und müde ist, hockt er sich hin.

Hocken aus Hemmungslosigkeit. 

Hemmungslosigkeit ist die Nichtbeachtung von Disziplin und Regeln. Hocken ist Ausdruck des armen, faulen Müßiggangs, deswegen ist die Fähigkeit des Hockens kein Erfolg und die Erscheinung des Hockens ist kein Ausdruck eines besonderen Geschmacks. Chinesen in Singapur sollen sich nicht in den vergleichsweise extravaganten Straßen niederhocken, anderenfalls werden sie von der Polizei mitgenommen. Weil die Engländer selber das Phänomen des Hockens nicht kennen, erwarten sie auch von Angehörigen anderer Völker, auf das Hinhocken in England zu verzichten, weil dieses kein Ausdruck von Qualität sei.

Wenn ich zur gleichen Zeit darüber nachforsche, warum Chinesen sich nicht in einer Schlange anstellen, komme ich auf das Hocken zurück. Mein guter Freund Zhou Yunzhi (ehemaliger Chefredakteur der Singapurer Tageszeitung) sagte: „Chinesen in den USA stehen in Schlange an, stehen in Europa an, auch in Hongkong stehen sie an, aber in China stellen sie sich nie in einer Schlange an.“

Ich glaube, sich ehrlich in einer Schlange anzustellen, um vorwärts zu kommen, ist eine außerordentliche Methode einer vom Recht regierten Zivilisation. Andererseits ist es so, dass sich Chinesen in den USA, in Europa, in Hongkong und Singapur nicht niederhocken, aber die Chinesen in China hocken sich immer hin.

Hinhocken, warum bloß?

Geschrieben am 29. Januar 2009 in Bamberg / Deutschland.

http://de.wikipedia.org/wiki/You_Xie

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Lesetipp: Fränkischer Tag und die Wichtigtuerei der Pressestelle der Stadt Bamberg / Lesetipp zu You Xie – unser Lieblingschinese in Bamberg

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