Der Tod von Forchheim

Im fahlen Licht des Mondes huschte eine Gestalt über den Platz.
Wie ein schwarzer Schleier umwehte sie die alte Eiche, die dort schon seit 200 Jahren stand.
Fuhr ihr durchs Geäst und ließ deren Blätter rauschen, eine ganze Weile. Dann glitt die Gestalt wie ein Schatten, mit einem langgezogenen Stöhnen, durch das schmiedeeiserne Gitter des Friedhofs.
Davon aufgeschreckt flog eine Eule mit einem ärgerlichen „Uhu!“ davon.
Der Schatten, diese Ahnung eines Schattens kauerte sich auf einen Grabstein
und blickte müde um sich. Dachte an früher. „Was waren das für Zeiten gewesen, damals.“ Haufenweise hatte er, der Tod von Forchheim sie geholt. Die jungen und schönen, die alten und krummen. Ob reich oder arm, alle durfte er sie haben. Ganze Scharen hatte er ins Jenseits geführt. Mit einem wohligen Schauer dachte er an ihr Flehen und Betteln, an ihr Geschrei und Gejammer. „Ach ja, was waren das für Zeiten gewesen.“ Er stöhnte und tat sich selber schrecklich leid. Für ihn gab es nichts mehr zu tun. Längst hatten jüngere mit feineren Methoden ihm den Rang abgelaufen. Aids, der dürre Geselle, oder Krebs, das fette Geschwür. Und heute, Corona mit all seinen Vettern.
Sie trieben weltweit ihr Unwesen. Hatten ihn, den Tod von Forchheim verdrängt.
Wobei – und genau genommen ja eigentlich die Ärzte mit ihren Therapien viele der Kranken selbst ins Jenseits schickten.
Der Tod von Forchheim, konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Dann blickte er wieder trübsinnig und dachte wehmütig daran wie er einst von Forchheim aus in die Welt gezogen war. Welch ein Triumph, welch ein Erfolg. Er straffte die schattenhaften Schultern. Er würde warten. Er konnte warten. Eines Tages, ja eines Tages würde er noch einmal durch die Welt ziehen. Irgendwann.

© Cornelia Stößel 2015 / 2021 / Oktober

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.