Ein schonungsloser Roman über das Leben (k)einer Frau

Andreas Reuß

Nach Reich-Ranicki stammen die besten Frauenromane der Weltliteratur – Anna Karenina, Effi Briest, Madame Bovary – von Männern. An Jane Austen, die Brontës, Katherine Mansfield oder Virginia Woolf und andere hat er dabei leider nicht gedacht. Und im 20. Jahrhundert haben sich immer mehr bedeutende Frauen als Schriftstellerinnen etabliert, unter anderen Doris Lessing, für die sich indirekte Verwandtschaftsverhältnisse zu Bamberg finden lassen.

Ganz neu ist nun ein starker Roman von Caroline Rosales erschienen: Das Leben keiner Frau. Schon der Aufbau ist genial, weil sich das „keiner“ an einem Höhepunkt erst im letzten Viertel erschließt, ähnlich wie in meinem Lieblingsroman „Holzfällen“ von Thomas Bernhard. Der Stil ist jugendlich, trashig, rotzfrech – cool und freilich nicht jugendfrei. Es wird viel offenbart, wie die Ich-Figur so das Leben rockt, aber auch viele Fragen werden aufgeworfen, nach den Dingen des Lebens, ja sogar nach den Letzten Dingen, nach Sterben, Tod, Auferstehung, ewiges Leben. Deftigstes Leben und heißer Genuss werden abgelöst von Abgründigem, alles in schonungsloser Darstellung, in einer Art Reportage-Stil: schnell lesbar und spannend.

Hauptfigur ist eine Ich-Erzählerin, die autofiktional entscheidende Wendepunkte in ihrem Leben behandelt. Sie ist Journalistin, lebt allein, hat eine erwachsene Tochter und ein Enkelkind. Ähnlich wie im Roman „Eurotrash“ von Christian Kracht – der stilmäßig auf den „Fänger im Roggen“ von Jerome D. Salinger zurückgeht – spielt auch ihre Mutter eine entscheidende Rolle. Mit der Wirklichkeit von einem Leben im Alter wird man schonungslos konfrontiert. Neid: Die Autorin kann weinen und schreibt anschaulich über die verschiedensten Formen des Tränenflusses – das können wir Männer nicht und wissen gar nicht, welche Nuancen es da gibt, da fehlt uns glatt eine Dimension des Menschseins. Und nicht nur dort. Im Vordergrund stehen sexuelle Erlebnisse. Selten hat man so unverblümt die Beurteilung einer Frau zu ihrem und zum männlichen Geschlecht gelesen, zum männlichen Geschlecht, das sich offensichtlich fast immer etwas übertrieben viel einbildet. Die einfache Wahrheit wird im Hintergrund wieder einmal deutlich: Männer sind zwar schneller zum sexuellen Höhepunkt zu bringen – im vorangeschrittenen Alter nicht einmal mehr das –, sie können aber bekanntlich keine Kinder zur Welt bringen, was eine Erfahrung sein mag, die über alles hinausgeht, was der Mensch sonst so auf Erden erleben kann.

Sehr deutlich werden wieder einmal die Rollen der Geschlechter bei den verschiedensten Gelegenheiten, nicht nur beim Sex, sondern auch im Job, in der Familie und im Verhältnis der Frauen untereinander. Wie wohnt sie, wie geht sie in die Stadt, ins Restaurant, in die Kneipe, zum Einkaufen, ins Café? Genau so geht es einer Frau heute, das ist die klare Wahrheit, sagt eine mir bekannte Leserin.

Ständig wird die Handlung von der Erzählerin kommentiert, reflektiert und dabei ironisch oder satirisch gebrochen. Das Buch ist sehr modern geschrieben, aber keine Publikumsbeschimpfung. Das Leben ist dargestellt als ein Genuss und eine Zumutung zugleich, ungerecht und auf furchtbare Weise der Vergänglichkeit unterworfen. Unterbrechungen des üblichen Verlaufs, überraschende Augenblicke im Jetzt, auf das man gestoßen wird, „Abenteuer mit der Phantasie“, wie Karl Heinz Bohrer gesagt hätte, reißen uns neue Wirklichkeiten auf. Was bleibt letztlich? Nichts? Oder ein Buch? Vielleicht ein Gedanke, ein Gefühl. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich mehr mit dir geredet, ganz lang. Ich hätte alles in dich hineingeschrieben wie in dieses Buch. Vielleicht.


Caroline Rosales
Das Leben keiner Frau
Ullstein 240 Seiten, 22 €

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