Strichweise Regen

Das Bild zeigte eine grüne Wiese. Darin einige wenige Maulwurfshügel. Keine Blumen. Einen Fluss, dessen Wasser aufgewühlt, weiß schäumend dahin strömte. Eine Weide vom Wind gepeitscht, die sich von rechts ins Bild neigte. Darüber ein Himmel, grau-wolkig verhangen. Im Geäst einer Eiche, die mittig im Bild wuchs saß eine Eule. Zerzaust und pitschnass das Gefieder. Etwas Rätselhaftes lag im Blick des Vogels.

Heute setzte Auguste B. ihre Arbeit fort. Feine weiße Pinselstriche, die sich über die Leinwand zogen. Immer mehr, immer dichter. Die Landschaft verschwand hinter dem strichweisen Regen. Die Wiese, der Fluss, die Weide, die Eiche. Nur die Augen der Eule schienen immer deutlicher, immer intensiver zu blicken. Lebendig zu blinzeln. Den strichweisen Regen wegzublinzeln. Auguste verharrte in der Bewegung. Hielt ihren Pinsel, wie einen Speer auf das Bild gerichtet. Sie erwartete fast, der Vogel würde sein Gefieder energisch plustern und schütteln. Unwillkürlich wich sie ein wenig zurück. Nicht weit genug. Der Vogel fixierte sie mit dem Instinkt des Raubtieres. Sie erstarrte, konnte den Blick nicht abwenden. Da schlugen sich plötzlich die spitzen Klauen der Eule in Augustes Brust. Ihr entsetzter Schmerzensschrei erstickte, als das Tier sie in die Leinwand zog. Der Pinsel fiel zu Boden. An seiner Spitze trocknete langsam die weiße Farbe.

Als die Spurensicherung Tage später eintraf, waren auch die Blutspritzer am Boden längst getrocknet.
Man müsse von einem Gewaltverbrechen ausgehen. So die Ermittler.
Vom Täter und dem Opfer jedoch keine Spur, lautete der Bericht in der lokalen Tageszeitung.
Ein Jahr später wurde der Nachlass der Malerin Auguste B. auf einer Auktion versteigert.
Das Gemälde „Strichweiser Regen – unvollendet“ ging an einen Bieter aus Argentinien, der nach einigen Wochen unter mysteriösen Umständen von seinem Anwesen verschwand. Einziger Hinweis auf ein Gewaltverbrechen waren Blutspuren am Boden vor dem Gemälde „Strichweißer Regen – unvollendet“ von Auguste B.

© Cornelia Stößel

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