Solidarität zwischen Schreibenden und Lesenden

Sonderausgabe – 40. Erlanger Poetenfest – 27. bis 30. August 2020

Helmut Böttiger im Gespräch mit Dirk Kruse. Skulpturengarten Heinrich Kirchner am Burgberg. Foto: Georg Pöhlein, 2020

Im strömenden Regen ging am Sonntag, 30. August, das 40. Erlanger Poetenfest zu Ende – eine Jubiläumsausgabe, die schon wegen der Corona-Pandemie unter besonderen Vorzeichen stattfand. Dennoch hatte das Kulturamt der Stadt Erlangen über 90 Gäste eingeladen. Die aktuelle Literatur wurde jedoch in diesem Jahr, nicht wie sonst üblich im Erlanger Schlossgarten, sondern an zahlreichen über das Stadtgebiet verteilten kleinen Veranstaltungsorten unter freiem Himmel vorgestellt. Marcel Beyer, Birgit Birnbacher, Daniela Danz, Valerie Fritsch, Dorothea Grünzweig, Verena Güntner, Anna Katharina Hahn, Monika Helfer, Thilo Krause, Christoph Peters, Marion Poschmann, Leif Randt, Ulrike Almut Sandig, Andreas Schäfer, Peter Stamm, Heinrich Steinfest, Anne Weber, Iris Wolff und Nell Zink lasen in der Regel jeweils zwei Mal an verschiedenen Orten eine halbe Stunde aus ihren Neuerscheinungen und führten anschließend mit verschiedenen Poetenfest-Moderatorinnen und Moderatoren Gespräche.

Aufgrund des sehr vorsichtigen Hygiene- und Infektionsschutz-Konzepts des 40. Erlanger Poetenfests – alle 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten sich zwei Tage vor Festivalbeginn einem prophylaktischen Corona-Test unterzogen – fanden die Veranstaltungen überwiegend für nur jeweils 100 Personen und fast ausschließlich unter freiem Himmel statt. Letzteres stellte Autorinnen und Autoren sowie das Publikum vor allem am abschließenden Festivalsonntag auf eine harte Probe. Aber selbst sintflutartige Niederschläge, herbstliche Temperaturen und ein zwölfstündiger Dauerregen hielt die Besucherinnen und Besucher nicht davon ab, den Lesungen und Gesprächen beizuwohnen, was von den Gästen und vom veranstaltenden Kulturamt als ein bemerkenswertes Zeichen der Solidarität empfunden wurde. So konnten unter mehrfach erschwerten Bedingungen dennoch rund 7.000 Besucherinnen und Besucher gezählt werden – mehr als halb so viel wie bei einem „normalen“ Poetenfest, womit das Festivalteam sehr zufrieden ist.

Unter dem Motto „Zäsur 2020 – Die Welt im Wandel“ beleuchtete eine elfteilige Gesprächsreihe Themen, die durch die Corona-Krise besonders in den Fokus oder in den Hintergrund getreten sind: Freiheit und Individualität, Rechtsstaat und Demokratie, wirtschaftliche Entwicklungen, Europa, Lagerbildungen in den USA und bei uns, Ausgrenzung, Rassismus, Familie und Gesellschaft, Sprache und Identität, Heimat … Der Amerika-Experte Tyson Barker, der Autor Max Czollek, die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die Publizistin Kübra Gümüșay, die Philosophin Svenja Flaßpöhler, die Strafrechtlerin Elisa Hoven, die Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler, der Wirtschaftsjournalist Henrik Müller, der Kulturjournalist und Korrespondent Malcolm Ohanwe, der Publizist Christian Schüle, der irakische Schriftsteller Usama Al Shahmani, der Soziologe Martin Schröder und die Reporterin Gabriele Riedle lieferten sich teilweise heiße Debatten.

Nachdem der ebenfalls vom Kulturamt der Stadt Erlangen organisierte Internationale Comic-Salon in diesem Jahr abgesagt werden musste, spielte die grafische Literatur eine besonders wichtige Rolle: Im Kulturzentrum E-Werk fand zwei Tage lang ein „Kinder lieben Comics! – Poetenfest-Spezial“ statt, mit Lesungen, Live-Zeichnen und Workshops. Michael Jordan stellte in Ausstellung und Lesung seine Graphic Novel „Warum wir müde sind“ vor, Mawil präsentierte seine gefeierte Western-Hommage „Lucky Luke sattelt um“ und die diesjährigen Max und Moritz-Preisträgerinnen und -Preisträger Julia Bernhard, Lisa Frühbeis, @kriegundfreitag und Anke Kuhl lasen aus ihren prämierten Werken.

Auf der Kulturinsel Wöhrmühle, die in diesem Jahr gemeinsam mit dem Kulturzentrum E-Werk eigens eingerichtet wurde, traten Singer-Songwriter und Poetry-Slammer an, die Sängerin Dota und ihre Band begeisterten mit ihrem Mascha Kaléko-Programm und Bayern 2 übertrug die Nacht der Poesie und das Büchermagazin Diwan live. Denis Scheck und Anne-Dore Krohn feierten 250 Jahre Hölderlin und Nora Gomringer gemeinsam mit Jonas Timm und Philipp Scholz die amerikanische Dichterin Dorothy Parker. In Zusammenarbeit mit den Erlanger Lamm-Lichtspielen wurde darüber hinaus eine Reihe von Literaturverfilmungen gezeigt.

Ungewöhnlich präsent war das Erlanger Poetenfest diesmal im öffentlichen Raum: Der Kriegsfotograf Wolf Böwig richtete seinen Blick mit einer über die Innenstadt verteilten Installation auf die Krisen der Welt und die Flüchtlingslager an den europäischen Außengrenzen. Die Gesprächsreihe „Zäsur 2020“ fand ihre Fortsetzung in einer Kampagne auf Großplakatwänden, zu der Gestalterinnen und Gestalter eingeladen wurden. Von Katastrophen, Umbrüchen und Neuanfängen erzählten fünfzig Textfahnen in der Innenstadt und überall im Stadtgebiet konnte man vier Tage lang den Stimmen aus 40 Jahren Poetenfest lauschen.

Lesung und Gespräch mit Maike Albath, Stadtmuseum Innenhof. Foto: Georg Pöhlein, 2020

Die Moderatorinnen und Moderatoren des 40. Erlanger Poetenfests waren Maike Albath, Martina Boette-Sonner, Michael Braun, Nana Brink, Herbert Heinzelmann, Anne-Dore Krohn, Dirk Kruse, Hajo Steinert, Florian Felix Weyh, Matthias Wieland und Cornelia Zetzsche.

Das Kulturamt der Stadt Erlangen wollte mit der Durchführung des 40. Erlanger Poetenfests ein Zeichen setzen, dass auch unter Pandemie-Bedingungen persönliche Begegnungen und geistiger Austausch möglich sind. Zahlreiche Veranstaltungen des 40. Erlanger Poetenfests wurden dennoch aufgezeichnet und werden in Kürze für drei Monate auf der Website des Festivals nachzuhören sein.

Das 41. Erlanger Poetenfest wird vom 26. bis 29. August 2021 stattfinden.

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