Ökobaumeister Biber – Motor für Biodiversität und naturnahe Wasserrückhaltung

BUND Naturschutz

Der 1. Vorsitzende der BUND Naturschutz Kreisgruppe Wunsiedel, Alfred Terporten-Löhner, und Bibermanager Horst Schwemmer, zeigen bei einem Ortstermin in einem vom Biber stark mitgestalteten Revier an der Eger, zwischen Weissenstadt und Röslau, die ökologische Bedeutung des Bibers auf. Die Erreichung von staatlichen Zielen wie Förderung der Biodiversität und des dezentralen Wasserrückhaltes wird ohne das segensreiche Wirken von Bibern nicht zu verwirklichen sein.

Biber sind unsere wichtigsten Verbündeten, um den fortschreitenden Verlust bedrohter Tier- und Pflanzenarten zu verhindern. Keine zweite Tierart schafft an Gewässern und in Auen anderen Pflanzen und Tierarten so viel Lebensraum. Vom Biber angelegte Feuchtgebiete sind wesentlich artenreicher und kostengünstiger als jedes vom Menschen angelegte Biotop. In Zeiten der Klimaveränderung ist der Wasserrückhalt durch den Biber ebenfalls unverzichtbar.“ fasst Horst Schwemmer die Leistungen des Bibers zusammen.

Gebietsbeschreibung

Im Rahmen von Bewirtschaftungsvereinbarungen des Bayerischen Vertragsnaturschutzes wird der angrenzende Wald im NATURA 2000 Gebiet Eger- und Röslautal naturnah bewirtschaftet. D. h. vernässte Bereiche mit absterbenden Bäumen werden akzeptiert. Dafür erhält der Waldbesitzer finanzielle Förderung. Dies stellt sicher auch ein Zugeständnis an eine natürliche Entwicklung dar. Dadurch können sich seltene Tier- und Pflanzenarten ansiedeln, ausbreiten und gefördert werden. Dieses Instrument steht auch anderen Waldbesitzern zur Verfügung. So sollen nach dem ganz aktuell am 1.8. in Kraft getretenen Artenschutzgesetzes sechs Prozent der land- und forstwirtschaftlichen Fläche über das Vertragsnaturschutzprogramm so bewirtschaftet werden, dass die Natur davon profitieren kann. Dieses Förderinstrument sollte zukünftig in Biberlebensräumen stärker zur Anwendung kommen.

Die Biber helfen geradezu vorbildlich den landesweit bedeutsamen Biotopkomplex zu erhalten. Die Vernetzung von Biotopen soll bis zum Jahr 2030 auf mindestens 15 Prozent der bayerischen Offenlandfläche ausgedehnt werden. Gerade in diesem Abschnitt des NATURA 2000 Gebietes haben sich beindruckende Lebensräume entwickelt.

Das FFH-Gebiet zählt zu den bedeutendsten naturnahen Flusslandschaften Bayerns und hat überregionale Bedeutung für den landesweiten und grenzüberschreitenden Biotopverbund.

Durch die Akzeptanz des Bibers konnte sich hier in der Nähe der Ortschaft Franken ein mosaikartiger Lebensraum bilden. Die Fließlänge der Eger hat sich durch Dammbautätigkeiten von Bibern um mehrere Hundert Meter verlängert. Neue Fließstrecken und überströmte Bereiche sind entstanden. Ein Stück Wildnis ist zurückgekehrt, der auch von der besonders geschützten Libellenart ‚Grüne Keiljungfer‘ genutzt wird. Für Fische gibt es ein neues Habitat und es sind neue Vegetationsbereiche entstanden. Was hier durch die Biber geschaffen worden ist, kann von Menschenhand kaum, oder nur mit sehr viel Geld- und Zeitaufwand, nachgeahmt werden.

Dynamik im Biberrevier – allgemeine Erwägungen

Der Biber unterstützt die Renaturierung. Dämme sorgen dafür, dass Wasser in der Fläche zurückgehalten wird, Bäume zusammenbrechen und der Grundwasserspiegel hoch ansteht, auch in Trockenzeiten. Totholz ist jedoch nicht tot, sondern der Anfang neuen Lebens für viele Käferarten. Forschungen zum Wasserrückhalt, die an der Hochschule Weihenstephan durchgeführt wurden (Prof. Dr. Volker Zahner), haben gezeigt, dass nach dem Bau von Biberdämmen die Strukturvielfalt in einem Gebiet an der Mittleren Isar erheblich gestiegen ist, und sich die Zahl der Fischarten annähernd verdoppelt hat. Gerade von der Zunahme des Totholzes im Gewässer durch den Biber haben sie profitiert. In dem Gebiet wurden von der Hochschule Weihenstephan auch die Wirkungen des Bibers auf den Wasserhaushalt untersucht: Es ließ sich nachweisen, dass die Biberteiche einen positiven Einfluss auf den Wasserhaushalt der näheren Umgebung haben (Grundwasserstand, Verdunstungsrate). Auf Initiative des BUND Naturschutz wurden Studien zu den Auswirkungen auf die Retention, die Verdunstung, die Versickerung, den dezentralen Hochwasserschutz von der Hochschule Weihenstephan durchgeführt. Horst Schwemmer, Bibermanager für Nordbayern: Biberfeuchtgebiete können in Bächen das Wasser länger halten. So kann dezentral bedeutend länger Wasser angestaut werden und in der Fläche verbleiben. Ein Beitrag zur Schaffung von Feuchtgebieten und zum Pflanzenwachstum. Gerade in Zeiten der zunehmenden Trockenheit ein wichtiger Aspekt“.

Biber als „Baumeister“ für die Artenvielfalt an Gewässern

Untersuchungen in Mittelfranken, an der Isar, in der Rhön und in der Eifel belegen, dass die Fauna und Flora deutlich und schnell von der Auenrevitalisierung profitieren, die durch die Tätigkeiten des größten europäischen Nagetieres in Gang gebracht wird. In Mittelfranken wurden für insgesamt 73 wertgebende Tier- und Pflanzenarten positive Effekte der Biberaktivität nachgewiesen. Diese positiven Effekte des Bibers wirken dauerhaft – solange, wie die Bibertätigkeit anhält.

Zahlreiche besonders anspruchsvolle Tierarten wie Wasserralle, Eisvogel, Laubfrosch, Elritze, Grüne Keiljungfer, Schwarze Heidelibelle und Kleine Pechlibelle nutzen ganz gezielt durch die Biberaktivität neu entstandene bzw. renaturierte Habitate. Von besonderer Bedeutung sind dabei neu aufgestaute, extrem struktur- und pflanzenreiche Flachgewässer, die Auflichtung und Strukturierung dichter Ufer- und Auengehölze, das durch Biber erheblich gesteigerte Totholzangebot im und am Wasser, aber auch neu entstandene naturnahe Weidengebüsche und zahlreiche vegetationsfreie Stellen an Dämmen, Transportgräben und Ausstiegen der Biber. Die Biberaktivitäten schaffen ein kleinräumiges, permanentes Nebeneinander unterschiedlicher offener und zugewachsener Bereiche und ermöglichen damit sowohl Pionierarten als auch Bewohnern reiferer Gewässer das Überleben.

Für die Nahrungsketten und für die typischen Lebensräume besonders wichtige Arten (Grasfrosch, Grünfrösche, diverse Heide- und Kleinlibellen; Röhrichtbrüter) entwickeln in durch Biber umgestalteten Bereichen große Populationen. An Waldbächen hat sich durch Bibereinfluß die Anzahl von Libellenarten vervielfacht, z.B. von 4 Arten vor dem Auftreten des Bibers auf 29 nach der Biber-Rückkehr. 18 der 19 in Deutschland heimischen Amphibienarten, gut die Hälfte der in Deutschland heimischen Libellen und 116 Vogelarten konnten bislang in Biberteichen nachgewiesen werden und finden dort mit die besten Fortpflanzungsmöglichkeiten überhaupt in der Landschaft. Überdies schaffen Biberaktivitäten einen idealen Biotopverbund entlang von Gewässern, der auch anspruchsvollen Tierarten Korridore sowohl durch geschlossene Waldgebiete als auch ausgeräumte Agrarlandschaften eröffnet.

Fische profitieren vom Biber durch Totholz im Wasser, das zusätzliche Laichplätze, Verstecke und mehr Nahrung entstehen lässt. So wurde an Biberdämmen eine fünffach höhere Dichte an Insekten als in der offenen Wasserfläche gefunden. An Biberburgen wurde eine gegenüber dem restlichen Gewässer 80-fach erhöhte Fischdichte festgestellt. In einem Bach bei Freising wurde nach Einwandern des Bibers eine Verdoppelung der Fischartenzahl von 9 auf 18 registriert. Untersuchungen des Landesfischereiverbandes Bayern zeigten, dass sich in einem Bachabschnitt ohne Biber 20 Bachforellen pro km, mit Biber aber 120 Bachforellen pro km befanden.

Bei allen untersuchten Tiergruppen war ein schneller Anstieg der Artenvielfalt und der Bestandsdichte festzustellen. Der Biber hat einen enormen Nutzen für die Erhaltung und Förderung der Biodiversität und ist eine „Schlüsselart“ für die Artenvielfalt der Gewässerökosysteme!

Schon die bisherigen Untersuchungen belegen, dass Biber ein unverzichtbarer Bestandteil der bayerischen Natur sind. Biber hatten seit rund 15 Mio. Jahren ganz Europa besiedelt und die Gewässerlandschaften vom Polarkreis bis zum Mittelmeer entscheidend geprägt und mitgestaltet. Allein in Bayern wird der ursprüngliche Biberbestand auf bis zu 100.000 Tiere geschätzt. Jeder Bach, jeder Fluss und jede Auenlandschaft waren „Biberland“. Alle anderen Wasserbewohner waren eng an die typischen Bibergewässer angepasst oder sogar auf diese angewiesen. Kein Wunder, dass sie jetzt so schnell und positiv auf die Rückkehr des Baumeisters reagieren!

Das Bauen von Biberdämmen erbringt nicht nur aus naturschutzfachlicher, sondern auch aus wasserwirtschaftlicher Sicht wertvolle Revitalisierungsleistungen: Zurückverlegen aufgesattelter Gewässer ins ursprüngliche Bett, Sedimentation großer Geschiebemengen und Förderung der Ausbreitung ufertypischer Gehölze sowie die Neuschaffung von Stillgewässern, Flachwasserzonen und Kleinbächen führen zu erheblicher Abflussverzögerung, schaffen zusätzlichen Rückhalteraum bei Hochwässern und verbessern die Selbstreinigungskraft und Wasserqualität der Fließgewässer.

Nur Biber schaffen es, die Vielfalt der notwendigen Gewässerstrukturen zu schaffen und auch dauerhaft zu unterhalten. Sie sind als Baumeister und Haus-meister zugleich jederzeit am Gewässer präsent und schaffen laufend neue Strukturen, die so differenziert auch durch aufwändigste menschliche Biotop-pflege nicht möglich und sicher unbezahlbar wären. Die Artenfülle an Gewässern kann sich deshalb nur dort entfalten, wo Biber als seit Millionen von Jahren wirksamer Schlüsselfaktor ihre ganzen Fähigkeiten einsetzen dürfen.

„Die Verengung der öffentlichen Diskussion beim Biber auf monetäre „Schäden“ in der Landwirtschaft oder bei Fischteichen verkennt völlig die Leistungen und Vorteile gerade dieser Tierart für den Naturhaushalt, andere gefährdete Arten, aber auch die viel höheren wirtschaftlichen Vorteile für den Menschen.“, so Fred Terporten-Löhner, Kreisvorsitzender des BUND Naturschutz in Wunsiedel. Der gesamtwirtschaftliche Nutzen des Bibers (kostenlose Renaturierungsleistungen, Wasserqualität, Wasserrückhalt) ist damit in Bayern wohl um den Faktor 70 größer als die einzelnen Schäden bei Land-, Forst- oder Teichwirten. Am 1.8.2019 ist in Bayern das Volksbegehren „Artenvielfalt und Naturschönheit“ gesetzlich in Kraft getreten. Eine der jetzt wirksam werdenden Änderungen umfasst einen fünf Meter breiten Gewässerrandstreifen, der hier an der Eger schon verwirklicht ist. „Wenn die ackerbauliche Nutzung an vielen anderen Bächen in Bayern künftig nicht mehr näher als 5 Meter ans Ufer reicht, dann werden auch weniger landwirtschaftliche Schäden entstehen“, merkt Stefan Schürmann, Naturschutzfachkraft der UNB an.

Forderungen des BUND Naturschutz:

  • Konsequente Umsetzung der jetzt nach jahrelanger Forderung gesetzeswirksam gewordener Uferrandstreifen.
  • Umfassende Renaturierung von Talauen. Der Biber wirkt hier als kostenloser Landschaftsgestalter und Motor für die Artenvielfalt!
  • Integration von Biberüberschwemmungsgebieten in die dezentrale Hochwasserrückhaltung als Teil des Hochwasserschutzprogramms der Staatsregierung, insbesondere in den Oberläufen der Gewässer.
  • Aufstockung des Biberfonds mittelfristig auf ca. 800.000 €.
  • Strikt am Naturschutzrecht ausgerichtete Anwendung der Ausnahmeregelung für die „Entnahme“ (meist gleichbedeutend mit Tötung) von Bibern, die oft zu großzügig gehandhabt wird.

www.bund-naturschutz.de