Ausstellungseröffnung bei „Kunst im Treppenturm“ im Kaufhaus KARSTADT mit Fotografien von Werner Kohn

Dr. Matthias Liebel

Nordkorea. Foto: Werner Kohn

Vor nicht ganz sechs Jahren, Ende August / Anfang September 2012, begab sich Werner Kohn, den es, stets mit einer Kamera und diversen Objektiven im Gepäck, schon früher in ferne Länder gezogen hat, nach Nordkorea, um sich dieses bis dahin für westliche Besucher weitgehend abgeschottete Land mit den Augen eines Fotografen zu erschließen.

Es war eine spannende Zeit: Der heutige Machthaber, Kim Jong-un, hatte wenige Monate zuvor das Erbe seines Vaters angetreten. Es gab zarte Hoffnungen auf ein Ende der kommunistischen Militärdiktatur und auf eine friedliche Annäherung an den Süden. Sogar erste Phantasien über einen möglichen Zusammenschluß von Nord- und Südkorea nach dem Vorbild der deutsch-deutschen Wiedervereinigung keimten auf, ähnlich wie dieser Tage wieder, nicht nur auf internationaler Ebene, sondern auch und gerade unter der koreanischen Bevölkerung. So wurde Werner Kohn, als er in Nordkorea angekommen war, freundlich empfangen, wenngleich er während seines gesamten Aufenthaltes in diesem Überwachungsstaat keinen Schritt alleine tun konnte und ohne behördliche Aufsicht, die dort allgegenwärtig ist.

Nordkorea. Foto: Werner Kohn

Auch das Fotografieren war und ist in Nordkorea keineswegs einfach: Viele Ablichtungen, die wir in der vorliegenden Ausstellung zu sehen bekommen, sind während der Fahrt aus Bussen oder Zügen heraus aufgenommen worden, insbesondere die ländlichen Motive, oft heimlich, nur an vorgegebenen Orten offiziell: an Vorzeigeplätzen in Kaesŏng, Wŏnsan und natürlich in Pjöngjang, der nordkoreanischen Hauptstadt, in der Tradition und Moderne vielleicht am eindrucksvollsten aufeinander treffen. Vieles wurde dem Fotografen allerdings auch verwehrt – etwa Innenaufnahmen aus dem einzigen Kaufhaus in Pjöngjang, das nur von außen abgelichtet werden darf. Zutritt zu diesem Kaufhaus erhält man nur mit Berechtigungsschein. Ein Glas Rührkaffee kostet ein nordkoreanisches Jahresgehalt, bezahlt wird mit amerikanischen Dollars, fotografieren darf man in diesem Laden nicht.

Die Szenen, die sich Werner Kohn auf seiner Reise boten, spiegeln deutlich das soziale, gesellschaftliche und natürlich auch politische Klima wieder, das seinerzeit geprägt war von Aufbruchsstimmung und Optimismus, von zaghafter Libertinage, etwa was die Duldung von fliegenden Straßenhändlern angeht, aber auch von staatlich verordnetem Führerkult, wenn Sie etwa das Foto aus der Migok-Bauernkooperativen mit dem Wandbild des Führers Kim Jong-il betrachten oder die Aufnahmen von den Staatsfeierlichkeiten des Arirang-Festivals.

Ausstellungseröffnung im KARSTADT. D. Liebel (Mitte) und Bürgermeister Dr. Lange (rechts). Foto: Georg Pöhlein

Als ich die Korea-Fotos von Werner Kohn zum ersten Mal gesehen habe, sind mir im Wesentlichen drei Funktionen aufgefallen, die diese Aufnahmen erfüllen, wobei mich Werner Kohn sofort und mit Nachdruck und völlig zurecht darauf hingewiesen hat, daß diese Aspekte fließend in einander übergehen und, wiewohl mit unterschiedlicher Gewichtung, in jedem Foto gleichzeitig enthalten sind.

Da ist als Erstes die Funktion des Dokumentarischen zu nennen. Fotografie als Abbild der realweltlichen Verhältnisse hat natürlich immer einen referenziellen, man könnte auch sagen „journalistischen“ Charakter. Sie gibt, im vorliegenden Fall authentisch, also ungekünstelt, wertneutral und völlig ungestellt, die sozio-kulturelle Wirklichkeit des Alltags wieder: das Leben der einfachen Landbevölkerung in der Provinz, das Leben der Stadtbevölkerung in den Metropolen, die Freizeitbeschäftigung von Kindern und Jugendlichen usw. Dieser Aspekt des Dokumentarischen hat zugleich auch etwas Narratives, bisweilen gar Anekdotisches, wenn ich beispielsweise an die Aufnahme mit der verzweifelten Bibliotheksangestellten im sogenannten „Großen Studienhaus des Volkes“ in Pjöngjang denke, wo es eine Ausleihstation für deutschsprachige Literatur gibt und die Angestellten größte Mühe hatten, auf die entsprechende Anfrage von Werner Kohn ein deutschsprachiges Buch aus ihren Beständen herauszukramen. Nach langem Suchen fand man endlich, ganz unverfänglich, ein deutschsprachiges Lehrbuch über Naturpflanzenkunde. Witzig im gleichen Institut auch die Unterrichtstafel eines Deutschlehrers, auf der wir den Begriff „volkseigentümlicher Betrieb“ zu lesen bekommen. „Volkseigentümlich“ – was für eine herrliche Wortschöpfung, die in ihrer etymologischen Fehldeutung geradezu grotesk anmutet.

Ausstellungseröffnung im KARSTADT. Werner Kohn in der Mitte. Foto: Georg Pöhlein

Damit komme ich zur zweiten Funktion der fotografischen Aufnahmen von Werner Kohn: nämlich zur Vermittlung einer inhaltlichen Botschaft. Der sich schindende Bauer mit seinem Ochsenkarren impliziert bei aller pittoresken landschaftlichen Umgebung zugleich auch eine sozialkritische Komponente; ebenso das Foto von Pflasterarbeiten zur Feldwegbefestigung oder die heimliche Aufnahme fliegender Straßenhändler in Wŏnsan. Die Armut weiter Teile der Bevölkerung, insbesondere in der Provinz, ist herzzerreißend. Sie steht im krassen Gegensatz zur der sterilen Aufgeräumtheit in Pjöngjang mit ihrer Gleichschaltungsarchitektur und den adrett gekleideten Großstädtern, die zur Elite des Landes zählen und als Gegenleistung für ihren uneingeschränkten Gehorsam in viel zu eng geschnittenen Plattenbauten zwar durch einen Hauswart überwacht, doch mietfrei wohnen dürfen.

Geradezu pompös muten die Szenen des Arirang-Festivals an: Fotografien einer Massenveranstaltung mit hunderten von identisch handelnden Akteuren als Ideal des nordkoreanischen Gemeinwesens. Der Einzelne zählt nichts, Masse ist alles: Unterwerfung, Gehorsam, Demut. Inmitten eines schneebedeckten Winterwaldes in nächtlicher Kälte erstrahlt unter göttlichem Licht das weihnachtlich anmutende Geburtshaus des Führers Kim Jung-il, dessen Menschwerdung nach dem Vorbild Jesu die nordkoreanische Bevölkerung von allem Bösen befreien soll. Was die kommunistische Führung den Festival-Besuchern als ernst gemeinte Botschaft mit auf den Weg geben möchte, erscheint dem westlichen Besucher fast schon satirisch, wiewohl die Fotografien des Arirang-Festivals von Werner Kohn zugleich auch einigen ästhetischen Reiz in sich bergen.

Ästhetik“, sprich „Bildästhetik“ (oder auch künstlerische Komponenten) sind schließlich der dritte Aspekt nicht nur der Korea-Aufnahmen von Werner Kohn, sondern seines fotografischen Œuvres überhaupt. Es ist erstaunlich, mit welcher kompositionsästhetischen Sicherheit Kohn selbst noch so spontan zustande gekommene Ablichtungen zuwege gebracht hat. Sogar dann, wenn ihm für seine Aufnahmen nur wenige Sekunden geblieben sind, etwa weil das Motiv soeben am Zugfenster vorbeirauscht oder weil er einen unbeobachteten Augenblick nutzen musste, um das gewünschte Motiv ablichten zu können, ist es ihm gelungen einen Bildaufbau zu generieren, der allen Anforderungen einer gekonnten Aufnahme entspricht. Da mag eine reichliche Portion Erfahrung eine gewichtige Rolle spielen, vielleicht auch das große Glück, im richtigen Augenblick am richtigen Ort zu sein. Vor allem aber spielt bei dem Zustandekommen bildästhetisch „funktionierender“ Kompositionen ein enormes Maß an Können eine wichtige Rolle.

Schauen wir uns dazu alleine das erste Foto dieser Ausstellung an, das Sie aus unserer Einladungskarte kennen: aus weiter Ferne aufgenommen, trotzdem farbkonstant vom Vorder- bis in den Hintergrund, dabei gestochen scharf in sämtlichen Bildbereichen, den Bauern und seinen Ochsenkarren nicht stupide in die Mitte platziert, sondern spannungsvoll auf die linke Seite gerückt, als blickeinführendes Motiv der ausgestreckte Arm des Landmannes, dessen Richtungsbewegung vom Wegesrand aufgegriffen und durch den Karren sowie den Ochsen mit seinem gesenkten Haupt in eine steile Linie überführt wird, die ihrerseits schließlich in der Schrägen des Weges ihren Höhepunkt findet und den Blick des Betrachters, begleitet vom Lauf des blauen Baches, zum oberen Bildrand führt. Das ist ganz große Kunst, binnen weniger Sekunden entstanden, aus dem Augenblick heraus; ein akademischer Maler könnte, was Werner Kohn in einem kurzen Moment gelingt, in wochen-, wenn nicht monatelanger Detailarbeit und unter Hinzuziehung vorbereitender Skizzen vermutlich kaum besser machen.

Beachten Sie gerade im Hinblick auf die bildgestalterischen Mittel (im Hinblick auf das Spiel der Farben, auf das Zusammenwirken der Formen, auf den gewählten Bildausschnitt und die gewählten Perspektiven usw.) die Arbeiten von Werner Kohn noch einmal etwas genauer. Sie werden eine enorme Professionalität in diesen Aufnahmen entdecken, und Sie werden feststellen, nicht zuletzt auch mit einem Augenmerk auf die umfangreiche Liste der Publikationen seiner Arbeiten, daß Werner Kohn nicht ohne Grund mit zu den besten Fotografen in Oberfranken zählt.

Vor ein paar Wochen ist im Bamberger Erich Weiß Verlag ein umfangreicher Bildband zu den Korea-Bildern von Werner Kohn erschienen. Dort werden Sie noch viele Beispiele mehr für das finden, was ich versucht habe, Ihnen in dieser Einführung zu unserer Ausstellung zu vermitteln. Der Band ist während der Ausstellung im Service-Center im UG erhältlich und kann überdies auch im regionalen Buchhandel erworben werden.

Ausstellungsdauer: 18. Juni 2018 – 21. Juli 2018 im Kaufhaus KARSTADT

 

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