Hegel in Bamberg

Von You Xie

Nach der Schließung der Universität Jena infolge des Sieges der Franzosen in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 13. Oktober 1806 über Preußen übernahm Hegel vom März 1807 bis November 1808 die Redaktion der Bamberger Zeitung.

Am Haus zum Krebs (Pfahlplätzchen 1) befindet sich folgende Inschrift zur Erinnerung an die Bamberger Zeit des großen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm HEGEL (1770–1831):

 

Hegel in Bamberg

Hegel-Gedenktafel am Haus zum Krebs. Foto: You Xie

Haus zum Krebs: Hegel-Gedenktafel

IN DIESEM HAUSE WOHNTE 1807–1808 DER PHILOSOPH GEORG FRIEDRICH WILHELM HEGEL ALS REDAKTEUR DER BAMBERGER ZEITUNG UND VOLLENDETE HIER SEIN ERSTES HAUPTWERK DIE PHAENOMENOLOGIE DES GEISTES

Als im Januar 1799 sein Vater starb, empfing Hegel ein bescheidenes Erbe, das es ihm aber ermöglichte, wieder an eine akademische Karriere zu denken. Im Januar 1801 erreichte Hegel Jena, das zu dieser Zeit stark durch die Philosophie Schellings geprägt war. In der ersten Veröffentlichung Hegels, einem Aufsatz über den Unterschied der Philosophischen Systeme Fichtes und Schellings (1801), stellte sich Hegel, bei allen sich schon andeutenden Differenzen, in der Hauptsache hinter Schelling und gegen Johann Gottlieb Fichte.

Zusammen mit Schelling gab Hegel 1802–1803 das Kritische Journal der Philosophie heraus. Die Artikel, die Hegel in dieser Zeitschrift schrieb, umfassen solch wichtige wie „Glauben und Wissen“ (Juli 1802, eine Kritik von Kant, Jacobi und Fichte) oder „Über die wissenschaftliche Behandlungsarten des Naturrechtes“ (November 1802).

Das Thema der Doktorarbeit, durch die sich Hegel für die Stellung als Privatdozent qualifizierte (De orbitis planetarum, 1801), war unter dem Einfluss der Naturphilosophie Schellings gewählt. Hegels erste Jenaer Vorlesung über „Logik und Metaphysik“ im Winter 1801/1802 wurde von elf Studenten besucht.

Im Oktober 1806 hatte Hegel die letzten Seiten seiner Phänomenologie des Geistes niedergeschrieben.

Die „Phänomenologie des Geistes“ war ursprünglich als Lehrbuch gedacht. Hegel wollte die Vorlesungen, die er in Jena gehalten hatte, im Zusammenhang und systematisch darstellen. Das ist ihm nicht gelungen. Warum?

„Phänomen“ heißt „Erscheinung“, „Phänomenologie des Geistes“ kann man mit „Wissenschaft von den Erscheinungsweisen des Geistes, des Bewusstseins“ übersetzen. Worum geht es in diesem Buch? Die Erkenntnis der Dinge ist das Resultat von Denkarbeit, sie kommt zustande in einem Prozess, in dem immer zwei Seiten vorhanden sind, nämlich Subjekt und Objekt. Subjekt und Objekt sind Gegensätze, aber sie sind auch, auf höherer Ebene, eine Einheit. Objekte ohne erkennende Subjekte gibt es nicht, eben so wenig Subjekte ohne Objekte. Die Erkenntnis der Wahrheit liegt in der vermittelnden Einsicht, dass Subjekt und Objekt wechselseitig bedingt sind, im Prozess der Erkenntnis wie in der Realität.

Diese Überlegungen lassen sich auch auf die Geschichte anwenden. Wir reden heute gern von Weltbildern, wenn wir ausdrücken wollen, dass die Menschen zu bestimmten Zeiten bestimmte gemeinsame Vorstellungen, Überzeugungen, Gewissheiten hatten.

Hegels „Phänomenologie“ ist ein sehr optimistisches Buch – es lehrt, dass dem Menschen die Fähigkeit gegeben ist, zu immer höherer Wahrheit zu finden, und dass sich schließlich der Geist mit der Welt versöhnen wird in einer definitiven Synthese, in der alle Widersprüche vermittelt sind. Auch deshalb nennt man seine Philosophie mit Recht idealistisch.

Als die Vorboten der Schlachten von Jena und Auerstedt aufzogen, schrieb Hegel am 13. Oktober 1806 in einem Brief an den mit ihm befreundeten Friedrich Immanuel Niethammer:

„Den Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekognizieren hinausreiten; – es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“

Hegel erlebte kurz zuvor den Einzug Napoleons in die Stadt und war als Anhänger der Französischen Revolution begeistert, die „Weltseele zu Pferde“ – später oft verändert in „Weltgeist zu Pferde“ – gesehen zu haben. In Napoleon sah Hegel die Weltseele respektive den Weltgeist exemplarisch verkörpert; die Idee des Weltgeistes wurde als metaphysisches Prinzip zum Zentralbegriff der spekulativen Philosophie Hegels: Für ihn war die gesamte historische Wirklichkeit, die Totalität, der Prozess des Weltgeistes. Dadurch realisiere sich der „Endzweck“ der Weltgeschichte, und zwar die „Vernunft in der Geschichte“. Mit dieser These knüpfte er an die von Schelling erstmals publizierte Weltgeisttheorie an.

In dieser Zeit war eine Frau schwanger. Die Frau hieß Christiana Charlotte Burkhard, geb. Fischer (1778–1817), sie gebar einen Sohn. Der uneheliche Sohn Hegels hieß Ludwig Fischer, er wurde aber in Jena geboren. Die Mutter des unehelichen Sohns war die Frau von Hegels früherem Hauswirt.

Infolge der Besetzung Jenas durch französische Truppen war Hegel gezwungen, die Stadt zu verlassen, nachdem sich französische Offiziere und Soldaten in seinem Haus einquartiert hatten und ihm seine finanziellen Mittel ausgingen. Er wechselte nach Bamberg und arbeitete als Redakteur der Bamberger Zeitung.

Die Zeit in Bamberg (1807–1808) war für Hegel auch nicht so schön. Hegel fand in Bamberg 1807 einen Verleger für sein Werk Phänomenologie des Geistes. Er wurde Chefredakteur der Bamberger Zeitung, geriet jedoch bald in Konflikt mit dem bayerischen Pressegesetz. Schließlich verließ Hegel 1808 ernüchtert Bamberg in Richtung Nürnberg. Im November 1808 wurde Hegel auf Vermittlung seines Freundes Friedrich Immanuel Niethammer zum Professor der Vorbereitungswissenschaften und Rektor eines Gymnasiums in Nürnberg ernannt. Hegel unterrichtete dort Philosophie, Germanistik, Griechisch und höhere Mathematik.

Im April 1811 ließ Hegel durch Herrn von Grundherr bei Maries Vater Jobst von Tucher um ihre Hand anhalten. Die Eltern hatten zunächst Bedenken: Hegel war zwanzig Jahre älter als Marie, ein Bürgerlicher und in ständigen Geldnöten. Maries Mutter Susanna fragte sich, ob ein fränkisches Gewächs und ein Schwabe miteinander auskommen könnten.

Doch Marie fegte alle Bedenken hinweg und am 16. September 1811 heiratete sie „ihren“ Hegel in der Heilig-Geist-Spitalkirche. Marie Hegel gebar bald eine Tochter, die allerdings kurz nach der Geburt starb. Der darauf folgende Sohn wurde nach Hegels Großvater Karl benannt. Karl Ritter von Hegel (1813–1901) war ein Historiker, gehörte zu den führenden Stadtgeschichtsforschern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

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