DICKEDATENDIKTATUR

Werner Schwarzanger

Big Data – Das neue Versprechen der Allwissenheit

Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber – nein, dann machen wir uns einen Gott. Dafür müssen wir uns gar nicht erst mehr groß entscheiden. In Big Data götterts singulär. Die Ersatzgottfabrikation läuft auf hohen Touren. Einige der Standpunkte, von denen aus diese radikalste Revolution aller Zeiten beurteilt werden kann, reflektieren die 18 Beiträge des 2013 bei Suhrkamp erschienenen Essay-Bandes „Big Data“.

Für den Kulturtheoretiker Dirk Baecker ist Big Data „eine Singularität“, durch die „nichts mehr ist, wie es vorher war“. Doch wieso: eine? Also bloß irgendeine geschichtlich relativierbare Singularität? Dieser totale Umsturz von Allem ist schlechthin die technologische Singularität, mit deren exponentiellem Urknall ihr begeistertster Fan Ray Kurzweil um 2045 rechnet.

Die Herstellung der singulären Datenbank transformiert die Conditio humana über die Menschheitsgeschichte hinaus. Der Urknall dieser Transformation schleudert uns nicht in irgendeinen weiteren, sondern in den definitiven Paradigmenwechsel von der derzeit verendenden Menschheit 1.0 in die Menschheit 2.0 – und zwar so unausweichlich, dass wir – so die MIT-Architekten Dietmar Offenhuber und Carlo Ratti in ihrem Beitrag – „Big Data als integralen Bestandteil“ der digitalen Welterneuerung akzeptieren müssen: wir haben längst keine Wahl mehr.

Doch was ist Big Data eigentlich? Und wieso „ist“? Wieso kommt dieser Plural so selbstverständlich im Singular daher? Der information overload der menschlich nicht mehr verarbeitbaren Datensintflut: das „ist“ dicke Daten, die sich unnachvollziehbar über alle Menschenhirne hinweg zu einem Superhirn organisieren „will“. Gewiss werden wir auch als die Menschen 2.0 „Politik und Wirtschaft, Kunst und Erziehung, Recht und Religion, Technik und Kultur“, so Baecker, betreiben. Aber „durchgriffssichere“ Maßnahmen ausrechnen und dementsprechend entscheiden wird für uns das Dickedatensuperhirn. Big Data „ist“ die Menschheitsentmündigung. Ist das digitale Überhaupt erst über alles menschliche Möchtegernentscheiden erhaben, herrscht definitiv ein politisches Novissimum auf Erden: die von Harald Welzer so getaufte „smarte Diktatur“.

Hightech-Politiker mit ihren an den Datenschutzrichtlinien elegant vorbeispezialisierten Beratern, die nur noch von ihrer Optimizer-Software errechnet haben wollen, was man in der auf überzeugbare Wählerprofile zugeschnittenen Agenda versprechen sollte, drängen die Wirtschaft, die totale Durchdigitalisierung noch schneller voranzutreiben.

Jenseits von Demokratie wie offener Diktatur erfindet die Politik mittels Big Data sich neu. In der pro forma direktdemokratisch vom einzelnen Wählerprofil her gebildeten, faktisch also werbeindustriell gesteuerten Republik 2.0 der Vereinigten Daten wird man das anno 1983, also in grauer Vorzeit vom Bundesverfassungsgericht notbremsmäßig geschaffene „Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung“ so wenig vermissen wie man die smarte Diktatur spüren wird.

Denn dass militärische Überwachung und Ökonomie symbiotisch verschmelzen, „das ist nicht Orwell“, sagt Frank Schirrmacher in seinem Beitrag, das ist der infrastrukturell überwachsam die gesamte Kommunikation auswertende „Informationsmarktstaat“, der uns aus unseren Daten vorausberechnet. In vorauseilendem Gehorsam bereitet sich das Heer der „Lifelogger“: der vermessungssüchtigen Selbstquantifikatoren, die sich zwecks körperlicher Effizienzmaximierung selbstüberwachen, längst auf die kommende informationsmarktstaatliche Totalverrechnung vor.

Big DataHg.: Heinrich Geiselberger, Tobias Moorstedt
Big Data – Das neue Versprechen der Allwissenheit
Suhrkamp
Broschur, 309 Seiten
Preis: 14,00 €
ISBN: 978-3-518-06453-5

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