Brünnhilde twittert, Siegfried rennt

Leere Klischees, platte Parodie und anbiedernder Zeitgeist: Georg Schmiedleitners Inszenierung der „Götterdämmerung“ am Staatstheater Nürnberg

Monika Beer
Vincent Wolfsteiner als Siegfried in „Götterdämmerung“ Foto: Ludwig Olah

Vincent Wolfsteiner als Siegfried in „Götterdämmerung“ Foto: Ludwig Olah

Ach, das Regietheater! Wer da nicht zwanghaft aktualisiert, dekonstruiert und auf den Kopf stellt, zählt schnell zu den Altvorderen – und wer möchte das schon? Also lässt es das Nürnberger „Ring“-Team unter dem bald 60jährigen Georg Schmiedleitner, das jetzt bei der „Götterdämmerung“ angekommen ist, zusammen mit Generalmusikdirektor Marcus Bosch ganz schön krachen. Und zwar so, dass man von einem Besuch fast abraten möchte. Denn dass und wie hier die Flüchtlingsproblematik eingebaut wurde, ist nichts anderes als eine beschämend dümmliche pseudopolitische Anbiederung – und hat mit dem Stück ungefähr so viel zu tun wie die am Schluss mitnichten sich aufopfernde, sondern twitternde Brünnhilde.

Aber erst mal der Reihe nach, denn als erstes kommen die drei Nornen, die sich nicht etwa auf der mit Anti- und Pro-Refugees-Plakaten bespielten Bühne ihre noch analogen Tonbandseile zuwerfen, sondern mit bewundernswert akrobatischem Körpereinsatz an den Stuhllehnen entlang durchs vollbesetzte Parkett und den 1. Rang klettern dürfen, was sicher nicht den klanglichen Vorstellungen Richard Wagners entgegenkommt. Aber die gehen an diesem Abend ohnehin überwiegend flöten, weil der Dirigent im Orchester eindeutig zu viel auf Lautstärke setzt, was wiederum die Solisten nötigt, öfter lauter zu singen, als es der Stimme und den empfindsamen Ohren der Zuhörer gut tut.

Der zweite Regieeinfall – die Bebilderung der trauten Zweisamkeit von Siegfried und Brünnhilde auf dem Walkürenfels des Vorspiels – wirkt letztlich wie ein Aufguss von Bert Neumanns heimelig-umflammten Bühnenkasten im Stuttgarter „Ring“ vor dreizehn Jahren, mit dem Unterschied, dass hier das Mobiliar auch an den Wänden und an der Decke steht. In dieser verkehrten Welt muss Siegfried also erstmal im Liegen singen, obwohl er scheinbar sitzt. Drängt es ihn deshalb zu neuen Taten, weil das doch ziemlich ungemütlich ist, zumal Brünnhilde das Ledersofa okkupiert hat, das wir schon aus den drei anderen „Ring“-Abenden kennen (Bühnenbild: Stefan Brandmayr)?

Wie auch immer: Siegfried wirft sich oktoberfestlich in Karohemd und Lederhose (Kostüme: Alfred Mayerhofer), schnappt sich das Plüschpferdchen Grane, kriegt noch ein aufmunterndes Lebkuchenherz umgehängt – und ab geht’s in die Gibichungenwelt. In den stylischen, nur mit zwei Drehstühlen und einem Retrokühlschrank von Bosch (ebenfalls ein ausstatterischer roter Faden) bestückten Raum hängt ein typografisch an Google erinnerndes G herunter, damit auch der Dümmste begreift, dass wir hier in einer Konzernzentrale der digitalen Welt gelandet sind. Gunther und Gutrune vergnügen sich an ihrer bühnenbreiten Großbildleinwand mit brutalen Computerspielen (Video: Boris Brinkmann) und haben offensichtlich was miteinander. Für sie ist es ein besonderer Kick, wenn der eher biedere Konzernprokurist Hagen ihnen als Ehekandidaten Brünnhilde und Siegfried verspricht, zwei Hauptfiguren, die wir schon im dritten „Siegfried“-Akt nur als reichlich prollige Karikaturen kennenlernen mussten.

Der 2. Akt „Götterdämmerung“ – natürlich laufen auf dem Pausenvorhang CNN-Nachrichten, als ob das Publikum sonst nicht begreifen könnte, dass wir alle gemeint sind – beginnt mit dem Schluss des 1. Akts, mit der missbrauchten Brünnhilde, während Vergewaltiger Siegfried dem Publikum den nackt wirkenden Hintern zeigen darf. Was soll uns dieses Bild sagen? Dass Siegfried, was eh jeder weiß, garantiert kein Held ist? Sondern eher ein Abklatsch des Schauspielers Gérard Depardieu, der bekanntlich auch privat gern aus der Rolle fällt. Fairerweise muss gesagt werden: Vincent Wolfsteiner, vormaliges Ensemblemitglied und seit dieser Saison fest an der Oper Frankfurt, macht nicht nur den Depardieu richtig gut, sondern ist seit seinem beeindruckenden Siegmund und dem phänomenalen „Siegfried“-Siegfried vielleicht sogar in der Heldentenorverfassung seines Lebens. Bei allen regielichen Vorbehalten (und die wiegen schwer, denn weiß Gott niemand kann nachvollziehen, warum sich gleich zwei Frauen unsterblich in diesen Trampel verlieben sollten) ist Wolfsteiner dennoch jede Fahrt nach Nürnberg wert. Um Siegfriede von seinem sängerdarstellerischen Niveau aufzuzählen, braucht man momentan nicht mal eine Hand.

Zurück in die Gibichungenwelt, bei der das gesellschaftliche Oben und Unten schon durch die heb- und senkbaren Spielfläche vorgegeben ist: Unten, im Müll und Morast vegetieren menschliche Underdogs, die zuweilen fast erdrückt werden, wenn sie sich nicht rechtzeitig flachlegen, oben kommen im Schlauchboot dann auch noch die Flüchtlinge hinzu, die von Gunthers in pastellfarbene Businesskleidung gehüllten Mannen (Chor: Tarmo Vaask) – was sonst? – erst mal kräftig vermöbelt werden. Später dürfen sie sich dann an den transparenten Trennwänden der Gibichungenzentrale die Nase plattdrücken. Nun handelt ja Wagners immer noch radikal herrschafts- und gesellschaftskritischer „Ring“ unter anderem von Klassenunterschieden. Aber hier einfach die aktuelle Flüchtlingsproblematik draufzupappen, ist weder inhaltlich angezeigt, noch macht sie aus dem Regisseur einen Gutmenschen. Im Gegenteil: Er entpuppt sich eher als Trittbrettfahrer der Aktualität.

Ansonsten verfährt Georg Schmiedleitner mit den „Ring“-Figuren zumeist wie bei einer Parodie, die leider fast kein Klischee auslässt und selbst den Chor nur zu Selfie-Süchtigen degradiert. Das Problem dabei ist, dass derlei ironische Brechungen wunderbar funktionieren, wenn man aus dem „Ring“, wie es die Studiobühne Bayreuth seit Jahrzehnten vorexerziert, eine abendfüllende Adaption macht. Wenn das Ganze aber nicht höchstens drei, sondern rund fünfzehn Stunden dauert, stellt sich schnell Langeweile ein ob der szenisch schrecklich leeren Figuren. Alles bleibt nur Oberfläche. Nur zweimal wird in dieser „Götterdämmerung“ das Musikdrama sichtbar, wenn der sichtlich gealterte Alberich seinem schlafenden Sohn Hagen Beine macht und wenn der dahingeschlachtete Siegfried von Gunter unter großen Mühen wieder aufgerichtet wird, leicht schwankend steht und quälend lange nicht fällt. Wenigstens hier lässt die Szene so etwas wie Empathie aufkommen. Der Rest – vor allem auch die vermeintlich frauenemanzipatorische Schlusslösung – ist Regietheatermakulatur.

Trotzdem wird dieser „Ring“ – zwei zyklischen Aufführungen sind erst ab Mai 2017 geplant – sein Publikum finden, weil er, wenn denn die Hauptsolisten dem Haus dafür erhalten bleiben, eine Sängerriege der allerersten Kategorie aufbieten kann und damit – pardon! – besser ist als das angebliche Wagner-Mekka Bayreuth. Denn neben dem schon hervorgehobenen Vincent Wolfsteiner ist auch Antonio Young als vergleichsweise junger Alberich und Wotan ein sängerdarstellerisches Elementarereignis. Und die Brünnhilde von Rachael Tovey darf als Musterbeispiel dafür gelten, dass Sänger mit großer Körperfülle mitnichten unglaubwürdige Singstatuen sein müssen. Diese stimmmächtige Frau hat eine unglaubliche Präsenz und Spielwitz; schade nur, dass sie kaum Chancen hat, sich über die desinteressierte, bloß an oberflächlichen Effekten und Einfällen orientierte Regie hinwegzusetzen. Wie immer erstklassig auch Jochen Kupfer als Gunther und Ekaterina Godovanets als Gutrune, sowie als Gastsänger Roswitha Christina Müller als Waltraute und Woong-Jo Choi als Hagen. Unter den Nornen und Rheintöchtern lässt vor allem Solgerd Isalv aufhorchen.

Die instrumentale Interpretation unter Generalmusikdirektor Marcus Bosch hinterlässt zwar nicht wie die Inszenierung eine unerfreuliche Leere, aber unbefriedigend bleibt sie dennoch, weil der Dirigent immer wieder eine Lautstärke zulässt und befördert, die – zumindest wenn gleichzeitig gesungen wird – kontrapunktiv ist. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Schließlich wussten Bosch und die Musiker doch speziell in „Siegfried“, dass Transparenz, Leichtigkeit und Wagner kein Widerspruch sind. Sondern ein probates Mittel, um das feingesponnene psychologische Netzwerk der Musik erst richtig aufblühen zu lassen.

Besuchte Premiere am 11. Oktober 2015, weitere Vorstellungen am 18. und 25. Oktober, 1. und 29. November, 13., 20. und 27. Dezember sowie am 24. Januar 2016. Begleitend zeigt das Neue Museum Nürnberg bis 6. Dezember eine begehbare Installation zur Inszenierung. Weitere Infos auf der Homepage des Staatstheaters.

 

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