Ich bin ein Wirtschaftsflüchtling

Von You Xie

Der Zug fuhr 23:15 Uhr in den Hauptbahnhof Ostberlin ein. Alle stiegen aus. Ich habe ein Zugticket nach Bamberg gekauft, es kostete mich 84 DM. Auf dem Bahnsteig durfte niemand bleiben, der Bahnhof wurde zwischen 1 bis 4 Uhr geschlossen. Gegen 0:30 Uhr kamen zwei Männer der Grenzschutzpolizei zu mir, und sagten, ich sollte den Bahnhof verlassen. Weil mein Zug erst um 6:15 Uhr nach Bamberg fuhr, bat ich sie darum, dass ich unter ihrer Beobachtung weiterhin bis zur Abfahrtzeit auf dem Bahnsteig warten durfte. Sie hatten nichts gegen mich. Um 1 Uhr, Licht aus, der Bahnhof glich einem Schlachtfeld im dunklen. Sie kamen wieder zu mir und fragten: „Woher kommen Sie? Warum fahren Sie nach Bamberg?“

„Ich komme aus China, Rot-China, wir sind Brüder, kommunistische Brüder. Ich gehe nach Bamberg, da werde ich Germanistik studieren.“

„Und nach dem Studium, gehen Sie nach China zurück? Oder bleiben Sie in Bamberg?“

„Ich denke, ich gehe nach China zurück, ich will deutsche Literatur und Kultur in China weiter vermitteln.“

Im freundlichen Gespräch ging die Zeit schnell vorbei. Bevor ich in den Zug nach Bamberg einstieg, umarmten wir uns ganz fest: „Genosse Xie, alles Gute!“

Der Zug fuhr langsam aus dem Bahnhof raus, und ich habe dann die Berliner Mauer gesehen. In meinem Leben war mir zum ersten Mal die sichtbare Erscheinung zwischen Sozialismus und Kapitalismus vor Augen. Je weiter der Zug fuhr, umso mehr spürte ich den realen Abstand zwischen dem kommunistischen System und dem der freien Marktwirtschaft.

In Probstzella stand der Zug still, die Räder mussten gewechselt werden, weil West Germany ein anderes Schienensystem hatte. Wir haben ca. zwei Stunden im Zug warten müssen.

Ich kam in Bamberg an, in meiner Geldtasche hatte ich bloß noch 168 US Dollar. Das war mein einziges Kapital. Für mich und meine Frau war es zu wenig, unsere erste Aufgabe war es, Arbeit zu suchen und zu finden. Ich war beim Arbeitsamt, der Beamte hat mir gesagt: „Sie haben keine Arbeitserlaubnis, es tut mir leid, Ihnen kann ich leider nicht helfen.“

In entsprechender Weise reagierte ich: „Ich erlaube mir zu arbeiten. Ich habe Kopf, kann gut denken. Ich habe Beine, kann schnell laufen. Ich habe Hände, kann fleißig arbeiten.“

Der Beamte hatte Herzlichkeit und Verständnis für den Arbeitsuchenden, der als Akademiker vor ihm stand. Er hat mir Rat gegeben: „Gehen Sie zur Personalabteilung der Firma Bosch, wenn Sie Glück haben, können Sie als Ferienbeschäftigter einen Job haben, ein Student darf ohne Erlaubnis in den Ferien maximal zwei Monate arbeiten.“

Bei dem Beamten bedankte ich mich ganz herzlich: „Tausend Dank! Aber Arbeitsamt, ich werde mal wieder kommen, nicht als Arbeitsuchender, sondern als Arbeitgeber, ich werde bei dir Arbeitsstellen ausschreiben lassen.“

Bei Bosch arbeite ich am Fließband, ich sollte Zündkerzen prüfen. Ich war so fleißig, dass ich im Akkord mehr Stückzahlen als die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machte. Ich verdiente schnell mehr als meine Kollegen: In acht Wochen, über sieben tausend DM. Umgerechnet wären das 70.000 RMB Yuan, dafür musste ich in China zehn Jahre arbeiten, um diesen Betrag zu verdienen.

Sachlich und ehrlich, ich bin ein echter Wirtschaftsflüchtling. Im Grunde ist es menschlich und selbstverständlich, dass jeder versucht dorthin zu gehen wo seine Lebensumstände besser werden können.

In Bamberg angekommen, sah ich hier die Chance gut zu verdienen. Die Verhältnisse waren für mich damals erschwinglich. Mein Monatsgehalt in China war 75,60 RMB Yuan (ungefähr 7,50 DM). Mir war eben nichts anderes geblieben, als einen Kredit zu nehmen der in China damals mit 22,9% p.a. verzinst war, kaum davon zu sprechen, dass ich noch zusätzliche Garantien benötigt hatte um diesen Kredit überhaupt zu bekommen. Manchmal habe ich manche meiner Studienkollege beneidet, die in den Ferien nicht arbeiten mussten.

Ich wohnte in der Habergasse, ging zu Fuß zur Uni. Vorlesungen und Seminare fanden in der Innenstadt (U2, U5, U7,U11) statt. Meine Frau und ich haben nie in der Mensa gegessen, nicht deswegen, weil das Essen in der Mensa nicht gut schmeckte, sondern das Essen war uns zu teuer. Ein Essen in der Mensa war für uns schon reiner Luxus. Unsere monatliche Miete betrug 600 DM, wir brauchten noch 60 bis 100 DM zum Leben. Ich habe schon kalkuliert, 7000 DM reichte für uns beide nicht für ein Jahr, bis die nächsten Ferien begannen. Dann arbeitete ich am Wochenende in einem China-Restaurant als Küchenhilfe, wie viele Teller ich gewaschen habe weiß ich nicht mehr.

In der Vorlesung und im Seminar gingen meine Gedanken andere Wege, ich konnte mich auf die Vorlesung nicht konzentrieren. Ich war in einer solchen Situation, dass ich mich nicht beruhigen konnte. Meine negativen Gedanken, weil ich nicht mindestens 10.000 DM auf dem Sparbuch hatte, konnte ich nicht unterdrücken und ich war sehr beunruhigt. Gott sei Dank habe ich dann einen Job auf einer Baustelle gefunden. Stundenlohn 14 DM, Arbeitszeit von 7 bis 19 Uhr, Mittags eine Stunde Pause, also 11 Stunden am Tag. Damit habe ich 12.000 DM verdient.

Ich denke sehr gerne an die Studienzeit zurück, natürlich auch an die harten Arbeitsstunden.

3 Gedanken zu „Ich bin ein Wirtschaftsflüchtling

  1. You Xie schrieb:

    | In Probstzella stand der Zug still, die Räder mussten gewechselt werden, weil
    | West Germany ein anderes Schienensystem hatte. Wir haben ca. zwei Stunden
    | im Zug warten müssen.

    Hier irrt Herr You Xie. DDR und BRD hatten das gleiche „Schienensystem“.
    Auffenthalt gab es in Probstzella wegen Grenzkontrollen und Zugpersonalwechsel.
    Im Bahnhofsgebäude von Probstzella ist heute auch das DDR-Grenzbahnhof-
    Museum untergebracht.

    Räderwechsel (Umspuren) gab und gibt es an der polnischen Ostgrenze in Brest.

    Besten Gruß
    Bernd

  2. Lieber You Xie,

    Sie sind nach meiner Auffassung kein Wirtschaftsflüchtling, sondern jemand, der sich einen Platz auf dem Globus gesucht hat, wo er sich weitgehend verwirklichen kann und sich als wertvolle Bereicherung in die dortige Gesellschaft eingebracht hat.

    Gruß aus Berlin & ein herzliches 乾杯!
    (ich hoffe Google hat „Prost“ richtig ins traditionelle Chinesisch übersetzt ;-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.