„nain hain“ – Buchneuerscheinung: „Hainblicke“

Villa Concordia hatte geladen. Vor vollem Hause konnte, durfte und wollte man den  gewichtigen Doppelband über den Hain präsentieren:

Hainblicke

Hainblicke

Fotoband mit über 350 Fotos von Werner Kohn

Textband von Wilfried Krings mit über 200 Seiten einer geschichtlichen Vorstellung der drei Bamberger Haine

Erschienen im ADM Verlag. Neben seiner Feststellung „Grünflächen werden oft stiefmütterlich behandelt“ bemerkte Franz Ullrich, dass Hain von Hagen (mittelhochdeutsch) und somit eigentlich nur Josef Hagen als Verleger in Frage komme.

Ein Buch, bei dem man sich fragt, warum es nicht längst erschienen ist, schließlich ist der Hain ein Ort, der (fast) alle Bamberger immer wieder anzieht, dieser jenen willkommen heißt – in jedem Alter, zu jeder Jahres- und Tageszeit.

Franz Ullrich

Zur Anregung Ihrer Fantasie bitte ich Sie nun um eine kleine Übung. Stellen Sie sich Bamberg vor ca. 200 Jahren vor, z.B. im Jahr 1804. Kurz nach der Jahrhundertwende vom 18. auf das 19. Jahrhundert stehen Sie in der alten, steinernen Stadt, im zukünftigen „Weltkulturerbe“: enge Gassen, Unrat, Abwasser …

Die Bürger wohnen dicht zusammen gedrängt in niedrigen, dunklen Häusern mit feuchten, kalten Höfen. Am Rande der Stadt im Berggebiet und im Gärtnerviertel liegen hinter den Häusern Erwerbsgärten, die dazu da sind ihre Bearbeiter zu ernähren, daran schließen die großen, dunklen Wälder an. Auf den Plätzen der Stadt wird Handel getrieben, die Straßen und Gassen sind voll von Mist der Zugtiere, darüber läuft Abwasser, es riecht muffig. Die privaten Freiräume der Bürger sind Innenräume. In den herrschaftlichen Anwesen gibt es kleine Ziergärten (z.B. Rosengärten) oder große „Tiergärten“ mit domestizierter Natur (z.B. Schloss Seehof im 18. Jhd. oder Versailles Ende 17. Jhd etc.).

Hainblicke. Foto: Werner Kohn

Hainblicke. Foto: Werner Kohn

In diesem Umfeld kommt ein Herzog auf die Idee am Rande der Stadt Bamberg einen großen öffentlichen Garten anzulegen: den Theresienhain, der erste Baustein des im Weiteren durch Initiative und Engagement des Bürgertums entwickelten „Hain“.

Es entsteht ein Ort, wie es ihn im Umkreis von mehreren hundert Kilometern nirgends gab: ein (englischer) Landschaftspark mit Wiesen, Bäumen, Wasserflächen, Pavillons, Freiräumen; ein Ort, der den Bürger zu diesem Zeitpunkt vollkommen unbekannt war, aber innerhalb kurzer Zeit dankbar angenommen wurde; so dankbar, dass die Bürger wenige Jahre später Geld für seine Erweiterung stifteten (und 200 Jahre später den Bürgerparkverein Bamberger Hain zur Unterstützung seiner Pflege gründen).

Hainblicke. Foto: Werner Kohn

Hainblicke. Foto: Werner Kohn

Der Hain in all seinen Entwicklungsstufen wurde zum Garten der steinernen Stadt, zum Bürger-Garten, zum Volks-Park. Das Bürgertum erstarkte und eroberte sich diesen neuen Park als Freiraum. Die Bürger hatten dort Erlebnisse, die sie vorher nicht kannten: Sie gingen im Hain spazieren / flanieren, trafen sich / unterhielten sich mit E.T.A. Hoffmann (wo kann man sich besser unterhalten als auf einem Spaziergang?) außerhalb der Enge und der sozialen Kontrolle der eigenen vier Wände. Ein neuer unkontrollierter Ort der Entspannung, des Vergnügens und der Kommunikation war entstand: Im Hain trafen sich die Menschen (in entspannter Freizeit-Atmosphäre).

Hainblicke. Foto: Werner Kohn

Hainblicke. Foto: Werner Kohn

Diese Funktion und Bedeutung hat der Hain bis heute. Er ist der Garten der Stadt: Freiraum für Erlebnisse und Abenteuer aller Art, Ort der Kultur, des Sports und der Kommunikation. Wir wissen selbst am besten, was wir im Hain schon alles erlebt haben.

Die Anlage des Hains war im Kontext der damaligen Zeit eine mutige, geradezu revolutionäre Idee, die in ihrer strukturellen Bedeutung für die Stadtentwicklung Bambergs herausragend ist – vergleichbar mit der Wirkung des Doms im Hochmittelalter und der über Jahrhunderte weiterentwickelten Anlage des Domplatzes als dem anderen großen Freiraum in der Stadt (vom Maxplatz, der 1805 mit dem Abriss der alten Martinskirche seine Wurzeln in der selben Zeit hat, wollen wir hier nicht sprechen).

Diese großen Ideen fehlen heute. Die Gesellschaft beschränkt sich auf die Verwaltung des (Welt-)Erbes. Heute wird Neues meist dem Alten nachempfunden – im besten Fall gut, oft jedoch schlecht. Deshalb werden Pufferzonen eingerichtet – damit das schlechte Neue dem guten Alten nicht zu nahe kommt. Eine wirklich neue, kulturell wertvolle Schicht wird in unserer Zeit dem Welterbe nicht mehr hinzu gefügt. Für die Realisierung großer Ideen fehlt der Gesellschaft der Mut, die Verantwortung, die Kraft – nicht das Geld!

Werner Kohn (WK) und Wilfried Krings (WK) haben diese Entwicklung und Bedeutung in kongenialer Ergänzung meisterhaft dokumentiert (beide wohnen übrigens auch „in“ den Hainen).

Insbesondere die Fotografien illustrieren die faszinierende Zeitlosigkeit dieses Ortes. Es gibt kaum Anhaltspunkte, die eine zeitliche Einordnung erlauben. Betrachtet man die Bilder, interessiert es nicht, ob eine Aufnahme 1970 oder 2010 gemacht wurde. Man kann es auch kaum oder nur an unwesentlichen Details erkennen. Das beweist: Die Art und Weise, wie die Menschen den Hain nutzen, verändert sich gar nicht.

Der Hain ist so zeitlos wie seine Nutzung, nie modisch und damit immer modern.

Winfried Krings, sprachkundiger und stilsicherer Wissenschaftler hat diese Entwicklung und Bedeutung in vielen, kurz und gut erzählten und inhaltlich profunden Texten klar beschrieben.

Werner Kohn, weltläufiger und technisch sicherer Fotograf, beobachtet den Hain hinter der Linse und erfasst seine Wirkung auf die Menschen in all ihren Facetten: lebendig, zeitlos, unbekannt, abstrakt, überraschend, bizarr, modern, alltäglich, sozialistisch, großstädtisch, bunt …

Wie gelingt es dem Beobachter Werner Kohn, dass die Menschen ihm erlauben geradezu intime Einblicke in ihr Leben zu nehmen? Meines Erachtens dadurch, dass man ihm keine schlechten Absichten unterstellt. Werner Kohn strahlt eine internationale Kauzigkeit aus, die überall auf der Welt, ob in Kuba, Indien oder Nordkorea, von der Queen, den Beatles oder der Studentin in Bamberg als harmlos angesehen wird (weil sie ihn noch nicht kennen). Als Mensch mit Kamera löst er sich in seiner Umwelt gleichsam auf, taucht so beiläufig ein, dass er dazu gehört und nicht als bedrohlicher Eindringling wahrgenommen wird.

Den beiden WKs ist eine herausragende Dokumentation über einen herausragenden Ort gelungen. Mit ihrem Werk fordern und fördern sie den Hain. Sie haben den Hain nicht stiefmütterlich behandelt, sondern mit väterlicher Liebe.

Hainblicke (zwei Bände im Schuber)

Fotografische Vorstellung der drei Bamberger Haine
Fotos: Werner Kohn mit einem Vorwort von Georg Pöhlein
359 S., Maße: 28 x 24 cm
ISBN: 978-3-939283-05-8

Geschichtliche Vorstellung der drei Bamberger Haine
Text: Wilfried Krings, mit einem Vorwort von Regina Hanemann und Fotos von Werner Kohn
212 S., Maße: 28 x 24 cm
ISBN: 978-3-939283-06-5

Preis: 78 Euro

Das Buch ist im Buchhandel aber auch direkt beim ADM Verlag oder bei Foto Hagen in der Holzgartenstraße 6 erhältlich.

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