Flüchtlingsdrama auf dem Stadionschiff

Lorenzo Fioroni inszeniert Karol Szymanowskis selten gespieltes Meisterwerk „Król Roger“ am Nürnberger Opernhaus

Von Monika Beer
KönigRoger

Apokalyptische Szene im 3. Akt der Nürnberger Erstaufführung der Oper „Król Roger“ von Karol Szymanowski: Hans Kittelmann als der arabische Gelehrte Edrisi, der sich im Drogenrausch eine griechische Theatermaske aufsetzt. Foto: Ludwig Olah

Was ist große Bühnenkunst? Wenn sie den Zuschauern ein Geschehen aus fernen Orten, Zeiten oder Kulturen nahebringt und gleichzeitig etwas thematisiert, das ihnen aktuell unter den Nägeln brennt. Mit der Nürnberger Erstaufführung von „Król Roger“ (König Roger), der einzigen großen Oper des polnischen Komponisten Karol Szymanowski (1882–1937), ist dem Staatstheater Nürnberg ein solcher Coup gelungen. Ein Muss für neugierige Opernfreunde, die Werktreue nicht mit Buchstabentreue verwechseln und für die Regietheater ein willkommenes Experiment ist.

Hätte Regisseur Lorenzo Fioroni ein gängiges Repertoirestück mit einem ähnlich mutig-politischen Zugriff inszeniert, wäre der Beifall vermutlich nicht so einhellig ausgefallen wie bei der Premiere am Samstag. Denn sein Konzept erzählt nur in Bruchstücken, was zu dem dreiaktigen, 1926 in Warschau uraufgeführten Werk im Opernführer steht. So sehr die Regie auch Handlungsstränge ignoriert und Erwartungen unterläuft, sie verrät weder das vielfältig interpretierbare Stück noch seine Figuren – und erst recht nicht die Musik. Die Geschichte des christlichen Normannenkönigs Roger II. auf Sizilien, dessen Welt durch das Auftauchen eines sinnlichen Propheten aus den Fugen gerät, ist hier die Folie, auf der sich Flüchtlingsdramen aus der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart abspielen.

Diese Vielschichtigkeit fasst Paul Zoller in seinem genialen, leicht wandelbaren und subtil beleuchteten Einheitsbühnenbild zusammen: eine merkwürdige Mischung aus Landzunge, Stadion, Schiffsbug und Aufnahmelager, schräg ansteigend gegen einen im Dunkel verschwimmenden Horizont, der Boden teils von Felsbrocken aufgeworfen, teils rissig wie ein altes Ölgemälde mit dem Porträt eines gelockten Dionysos. Hier agieren heutige Menschen (Kostüme: Sabine Blickensdörfer), die hin- und hergeworfen sind zwischen den gegebenen Konflikten – eine Gesellschaft, in der es um Verführbarkeit, Verfügbarkeit und Ausgrenzung geht.

Die sechs Solisten und eine Vielzahl von Choristen und Statisten sind sowohl als Individuen wie als Masse bestechend geführt. Der Dreiakter wird mit minimalen, gut überbrückten Umbaupausen gespielt und dauert rund achtzig, bis zum bitteren Ende fesselnde Minuten. Bei aller konzeptuellen Entschiedenheit und Konkretheit besticht die Inszenierung gerade darin, dass sie nicht einfach Behauptungen auf die Bühne kippt, sondern sich ästhetisch und praktisch einer Kunst der fließenden Übergänge verschrieben hat, in der manches zwar irritiert, aber fast immer plausibel erscheint. Umgekehrt macht sie nicht den Fehler, alles erklären zu wollen. Im Gegenteil. Sie schickt das Publikum mit einer Fülle von Assoziationen, Fragen und Rätselbildern nach Hause.

Und mit einer Musik im Kopf, die einen so schnell nicht mehr loslässt. „Król Roger“ ist ein immer noch unterschätztes Meisterwerk, das schon durch seine poetische Sprachkraft glänzt, die der des Polnischen nicht mächtige Opernbesucher allerdings nur den Übertiteln entnehmen kann (Libretto: Karol Szymanowski und Jaroslaw Iwaszkiewicz). Die Musik ist eine eingängige und spannungsvolle Mischung aus Gregorianik, Spätromantik à la Wagner und Strauss, mit impressionistischen Klangfarben wie von Debussy, rhythmischen Ausrufezeichen wie von Strawinsky und bitonalen Orchesterpartien.

Allen Beteiligten wird viel abverlangt. Die sechs Solisten, von denen Mikolaj Zalasinski in der Titelrolle und Ekaterina Godovanets als Roxane sängerdarstellerisch herausragen, Opernchor und Extrachor (Leitung: Tarmo Vaask) sowie der Nürnberger Jugendchor des Lehrergesangvereins (Einstudierung: Barbara Labudde) und die Staatsphilharmonie Nürnberg unter dem versierten Dirigenten Jacek Kaspszyk sind vorzüglich darin, genau das zu tun, was auch der Inszenierung gelingt: zu überwältigen.

Besuchte Vorstellung am 14. März (Premiere). Weitere Aufführungen am 17. und 29. März, am 9., 12., 20. und 24. April sowie am 9. Mai. Karten gibt es per Telefon unter 0180-5-231 600 sowie online unter http://www.staatstheater-nuernberg.de

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