„Sag beim Abschied leise Servus …“

Andreas Reuß

… singt ein schönes Wienerlied. Die darin enthaltene Melancholie – jenes musisch-gedankenschwere Schweben zwischen Traurigkeit und Fröhlichkeit – mögen wir, die nicht wiedergewählten Stadträtinnen und Stadträte, dieser Tage bisweilen in uns finden.

Hat eigentlich Dionysios von Syrakus Platon wirklich gelesen? Hat Katharina von Medici sich mit dem „Principe“ des Macchiavelli auseinandergesetzt? Oder wie gut kannte etwa Ludwig I. den in Bamberg gedruckten Hegel? Beschäftigten sich die Staatslenker jemals mit den Staatsdenkern?

Immerhin weiß man von der Freundschaft zwischen Friedrich dem Großen (in Bamberg übernachtet) und Voltaire, und dass Helmut Kohl sich von Vittorio Hösle (2011 Referent bei der Bamberger Hegelwoche) ein Gutachten über den Zustand der gegenwärtigen Philosophie bestellt hat. Ansonsten scheinen diejenigen, die sich über Tiefenstrukturen, geistige Hintergründe und Perspektiven für Generationen als Politiker Gedanken machen, weniger Anklang zu finden. Der Grundsatzsenat wurde abgeschafft. Platon hingegen wollte, dass Philosophen die Polis regieren.

Johannes Röser, Chefredakteur der Zeitschrift Christ in der Gegenwart (Herder-Verlag, Freiburg, Nr. 12/2014), schreibt in der neuesten Ausgabe: „Über den großen Filz von Politik, Sport, Medien und Wirtschaft, der im Münchner Fall [Hoeneß] unverhüllt zutage trat und tritt, aber kaum ernsthaft kritisch bewertet wird, scheinen sich selbst die geistigen und politischen Eliten kaum ernstlich Gedanken machen zu wollen.“

Wer von den Wählern hat schon Interesse an geistigen Hintergründen? In Bamberg immerhin mehr als man vielleicht denkt, gerade wenn man den außergewöhnlich zahlreichen Besuch unserer Kulturveranstaltungen – Symphoniker, Hegelwoche oder sogar Buchvorstellungen – betrachtet. Letztlich bleibt es aber eine Minderheit, welche auch nicht erreichen konnte, dass die Wahlbeteiligung sich festige.

Ich bin ein vehementer Verfechter der repräsentativen Demokratie. Insofern schmerzt mich der Rückgang der Wahlbeteiligung ganz besonders. Wiederum wird mir klar, in welcher Krise sich unser Gemeinwesen befindet. Man muss nur einmal die Ressorts einer Tageszeitung an einem beliebigen Tag durchblättern, um das zu erfahren: Weltpolitik – Krisengefahr; Europa – Desinteresse; Bundes- und Landespolitik – Verwirrung; Regionales – Kleinkämpfe; Medien – oft gescholten; Wirtschaft / Finanzen – Währungs- und Bankenkrisen; Sport – zu unkontrolliert; Gesellschaft – Skandale; Kirchen – Vertrauenskrise; Soziales – Kürzungsdruck; Wissenschaft / Bildung – Fälschungsskandale, fehlender klarer Rahmen.

Die Gesellschaft scheint zunehmend in Interessengruppen zu zerfallen. Und vielen gewählten Repräsentanten, die manches zusammenführen könnten, fehlt die Überzeugungskraft.

Sie sollten zwei Dinge tun: Sie sollten bei ihren Entscheidungen vor allem ihrem Gewissen folgen. Gerade die Theaterstücke „Stauffenberg“ und „Die Weiße Rose“ zeigten uns die nötige Letztbegründung, wie sie Heinrich August Winkler richtig formulierte: „Diese Tradition kannte einen Befehlshaber oberhalb des Staates und des Mannes an seiner Spitze: das eigene Gewissen.“

Andererseits sollten Rätinnen und Räte wieder mehr Loyalität zeigen – gegenüber ihrer Partei, aber auch den Referenten und Meistern, die das Staatsschiff Bamberg in den letzten Jahren doch noch relativ unbeschadet durch die Zeitstürme gesteuert haben. Jedenfalls waren die Machtspiele und Intrigen in Syrakus zur Zeit Platons weit schlimmer. Immerhin erfolgte ein großer Prozentsatz der Entscheidungen einstimmig, wobei die Parteiwechsler dann im neuen Rahmen oft wieder genauso mit zugestimmt haben wie vorher.

Manches hat freilich zu lang gedauert, Ideen wurden spät aufgegriffen und dann in Varianten vereinnahmt, sie wurden zu lange liegen gelassen, auch wenn die Schnelligkeit gerade in Bamberg bekanntlich kein Wert in sich ist, im Gegenteil. Von manchen Beschlüssen sagt man, dass einst sogar die Schwachen eine Unterstützung davon hätten, und sie wurden forciert, aber die konkrete Wirkung steht noch aus. Etwas zu wenige Kräfte haben daran gearbeitet, Anwälte mit Überzeugungskraft zu sein für Inhalte, von denen jeder im Grunde weiß, dass sie – jenseits aller Interessen – geboten wären.

Um beides einschätzen zu können – Gewissensorientierung und Augenmaß bei der Loyalität –, sind die oben angesprochenen „ernstlichen Gedanken“ nötig. Dazu sollten auch wir Stadträte, die nun ausscheiden müssen, einmal wieder ein gutes Buch lesen, vielleicht von einem neueren Staatsdenker. Immerhin – so meine jüngst aufgestellte These – gibt es im Moment keinen weltweit anerkannten, künstlerisch oder wissenschaftlich respektierten Intellektuellen, der sein Volk zu Krieg, Gewalt oder auch nur Militäreinsatz aufriefe. Die dieses tun, seien gewissenlose Demagogen.

Wir ausscheidende Stadträte sollten uns nicht zurückziehen; aus der Melancholie haben gerade die größten Künstler seit jeher auch Kreativität erwachsen lassen. Wir sollten kreativ sein, in Ehrenämtern bleiben oder uns neue suchen, das Gemeinwesen fördern, mit unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern unsere Kultureinrichtungen besuchen, in denen zumindest ein Teil der Gesellschaft doch wieder zusammenkommt und reflektiert. Es wird eine der wichtigsten Aufgaben des neuen Stadtrats sein, gewissenhaft und denkerisch Perspektiven zu entwickeln, unsere Kultureinrichtungen weiter zu stützen, zu fördern, zu vermehren und in ihrer sozialen Zugangsmöglichkeit zu verbessern. Die kommunalen Ausgaben hierfür sind zwar freiwillig, aber essentiell.

Ein Gedanke zu „„Sag beim Abschied leise Servus …“

  1. sie haben es immer noch nicht erkannt?

    „Und vielen gewählten Repräsentanten, die manches zusammenführen könnten, fehlt die Überzeugungskraft.“
    das ist schlichtweg falsch
    es fehlt den vertretern der sichtbare wille, den bürger mitzunehmen und ihn als auftraggeber zu sehen. nicht der bürger hat die politik zu verstehen, sondern umgekehrt.

    „Die Gesellschaft scheint zunehmend in Interessengruppen zu zerfallen.“ tja… wenn sich die vertreter nicht darum kümmern, wird es das volk tun. früher oder später!

    nur wenn der bürger wieder als der wahre „lenker“ akzeptiert wird, kann es aufwärts gehen mit der repräsentativen demokratie. der bürger will doch nicht die gewählte elite bevormunden. sie wollen nur ehrlich und offen gehört werden bei all diesen themen.
    zur zeit hat aber die repräsentative ihr eigenes raumschiff betreten und versucht den bürger von oben zu diktieren. friss oder stirb?!

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