Erzbischof Schick ruft zur „Globalisierung des Glücks” auf und erhält Unterstützung von Prof. Paech

Redaktion
Erzbischof Ludwig Schick

Erzbischof Ludwig Schick

Die katholische Kirche macht einen Wandel durch. Vielleicht liegt es an Papst Franziskus, der mit seinen Aussagen zur gerechten Verteilung für Aufsehen sorgt. Vielleicht setzt sich in der gesamten katholischen Kirche eine neue Erkenntnis und ein neuer Weg durch. Traditionell war und ist die katholische Kirche schon immer eine moralische Instanz und somit ein gesellschaftliches Korrektiv. Wahrgenommen hat die Kirche diese gesellschaftliche Rolle immer wieder und häufig dann, wenn es darum ging, ein allzu lockeres Sexualleben und seine Folgen zu korrigieren.

Beim diesjährigen Neujahrsempfang setzte Erzbischof Dr. Schick ein beachtenswertes Zeichen. Er rief zu nichts geringerem als der „Globalisierung des Glücks“ auf. Darin versteckt sich natürlich die Erkenntnis, dass das Glück auch in unserer, vermeintlich von Wohlstand geprägten, westlichen Welt Mangelware ist. Im Grunde geht es um das Glück für alle Menschen. Diese Forderung im Zusammenhang mit der realen Welt ist neu. Bisher fand das Glück erst nach dem Tod zum Menschen, bzw. seiner Seele. Zur Unterstützung und als Impuls lud er den Nachhaltigkeitsforscher Prof. Dr. Niko Paech ein, dessen Thesen zur Postwachstumsökonomie deutschlandweit diskutiert werden.

Verantwortung zur Wahrung der Schöpfung nicht mehr „wegdelegieren“

Professor Niko Paech

Professor Niko Paech

Professor Niko Paech hat mit seiner Darstellung der Postwachstumsökonomie darauf hingewiesen, dass letztlich gar keine Wahl bleibt, als Verzicht, Reduktion, Eigenleistung und die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern zu üben, lesen Sie hierzu unseren Lesetipp: Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech: “Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht.” Der bislang propagierte Wachstum habe zwar vielerorts eine neue Mittelschicht wachsen lassen, doch in Folge werden die Ärmsten immer ärmer, da den Selbstversorgern die Resourcen genommen würden. Die praktizierte Subventionistis mit Konjunkturprogrammen – ob für Bau- oder Agrarbereich – führten u.a. zu fallenden Preisen. Für die Erwerbstätigen in diesen Bereich ein Desaster, hinzu kommen Nahrungsmittelüberschüsse und Weg-werf-Mentalitäten. Es sei endlich an der Zeit, die Verantwortung zur Wahrung der Schöpfung nicht mehr wegzudelegieren und dabei den eigenen gesamten Lebensstil unter die Lupe zu nehmen. Hierzu empfiehlt sich die Erstellung der persönlichen CO2-Bilanz (CO2-Rechner des Bundes-Umweltamts). Paech formuliert die Aufforderung zur Genügsamkeit, die nicht mit konsumfeindlich zu verwechseln sei, jedoch die Freimachung von Wohlstandsschrott erfordere. In der Konsequenz führe dies zu einer veränderten Form des Arbeitslebens, das sich etwa in 20 Stunden „normale“ Erwerbsarbeit in einem kommerziellen Unternehmmenssektor und 20 Stunden in einer „marktfreien“ Versorgungszeit gliedert.

Thesen von Professor Niko Paech

Thesen von Professor Niko Paech

Thesen von Professor Niko Paech

Thesen von Professor Niko Paech

Thesen von Professor Niko Paech

Thesen von Professor Niko Paech

Ein erhellendes Interview mit dem Wachstumskritiker Niko Paech im Cafe an der Universität Oldenburg gibt es hier zum Nachlesen. Im Radio B2 antwortet er Thies Marsen u.a. auf die Frage: Können wir an unserem bisherigen Wachstumsmodell festhalten oder gibt es eine Möglichkeit, auf Dauer-Konsum zu verzichten und dennoch gut zu leben?

Ehrengäste beim Neujahrsempfang von Erzbischof Ludwig Schick

Ehrengäste beim Neujahrsempfang von Erzbischof Ludwig Schick

Die Zuhörer in der vollbesetzten RegnitzArena reagierten in der Mehrheit mit großer Zustimmung zu den Thesen von Professor Paech und der Darstellung von Erzbischof Schick. Inwieweit die zahlreiche und hochrangige regionale und überregionale Politikprominenz darauf reagiert, wird sich zeigen. Neben dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein war sowohl der bayerische Innenminister Joachim Herrmann wie auch die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml anwesend. Gerade die bayerische CSU, die sich gerne auf ihre christliche Ausrichtung beruft, ist bisher nicht gerade als wachstumskritische Partei hervorgetreten. Noch heute vertritt sie den Standpunkt, dass wirtschaftliches Wachstum geradezu unerlässlich für das Überleben der Menschheit sei. Macht also die CSU den Wandel der Kirche mit zur Globalisierung des Glücks, auch für Bayern? Fordert sie mehr individuelle Freiheit und Freizeit? Beginnt sie, Wachstum zu hinterfragen? Das „Höher-Schneller-Weiter-Mehr“ im Sinne eines „Besser“ anzustreben? Denn schließlich – so Paech – habe sich innerhalb eines Jahrzehnts die Verschreibung der Antidepressiva verdoppelt: Verzicht = Selbstschutz.

Erzbischof Schick rief alle Christen – damit auch die Mitglieder der Christlich Sozialen Union – dazu auf, Unruhestifter zu sein: „Sie müssen aufregen, damit das Reich Gottes für alle Menschen vorangeht und bei allen ankommen kann.“

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Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech: “Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht.”

2 Gedanken zu „Erzbischof Schick ruft zur „Globalisierung des Glücks” auf und erhält Unterstützung von Prof. Paech

  1. Vielen Dank an die Bamberger Onlinezeitung für diesen ausführlichen Bericht. Hoffentlich bleibt bei den anwesenden ZuhörerInnen auch etwas davon hängen. Wir haben nur eine Erde und die haben wir von unseren Kindern nur geborgt!

  2. “Gut leben statt viel haben”, war schon vor Jahren eine Devise des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). 1976 hieß es: “Ein Planet wird geplündert” (Herbert Gruhl, der im Nachgang dieser Buchherausgabe als umweltpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kaltgestellt wurde). 1973 veröffentlichte der Club of Rome die “Grenzen des Wachstums”. Die älteste mir bekannte Quelle der zu Grunde liegenden Erkenntnis findet sich im Buch der Bücher: “Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, auf daß er ihn bebaue und bewahre” (Gen. 2,15).

    Doch (nicht nur) im Land der “Christlichen Leitkultur” wird noch immer gewählt, wer “Wachstum, Wachstum, Wachstum” predigt und verspricht, und mit Stimmentzug abgestraft, wer mahnend die Stimme erhebt.

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