Mit Gedichten durch das Jahr. Der Lyrik-Taschenkalender aus Hans Thills Heidelberger Wunderhorn-Verlag.

Dû bist mîn, ich bin dîn
Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn
dû bist beslozzen in mînem herzen,
verlorn ist daz slüzzelîn:
dû muost och immer darinne sîn.

Unbekannte Dichterin

Von Chrysostomos

Irgendwann und irgendwo in seinem unermeßlichen Schaffen und Wirken hat Michael Krüger, der zum Jahresende aus dem Hanser-Verlag ausgeschiedene Verleger, Lyriker, Essayist, Herausgeber, Vorreden-, Nachwort- und Nachrufverfasser geschrieben (oder gesagt), er beginne jeden Tag mit der Lektüre eines Gedichtes. In den Jahren 2007 bis 2012 hat sich Krüger zu diesem Behufe Morgen um Morgen den von seinem Vornamensvetter Braun edierten Wunderhorn-Lyrikkalender, der tagtäglich auch im Deutschlandfunk Beachtung fand, vornehmen können; dieses Wunderfüllhorn an Poesie ist nun Geschichte, aber immerhin und Gott oder wem auch immer sei Dank verantwortet Michael Braun – 1958 in Hauenstein im Pfälzer Wald geboren und in Heidelberg als Literaturkritiker und Herausgeber zuhause – jetzt den Lyrik-Taschenkalender.

In handlichem Format (er findet in jeder Sakko- oder Blazertasche Platz) versammelt dieser auf zweihundertvierundzwanzig Seiten Woche für Woche ein Gedicht nebst erhellendem Kommentar. Siebzehn Lyrikerinnen und Lyriker aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland waren der Einladung, je zwei der ihnen liebsten Gedichte deutscher Zunge auszuwählen und knapp zu kommentieren, gefolgt. In den polyphonen „Chor der lyrischen Stimmen“ (Braun) wurden dann letztlich noch zwei Weltpoeten aufgenommen, die Dänin Inger Christensen zum einen, zum anderen Tomaž Šalamun, der, 1941 am amerikanischen Unabhängigkeitstag in Zagreb geboren, in Ljubljana lebt und auf Slowenisch publiziert.

Die Kommentierenden sind – den Herausgeber und Eckhard Faul einmal ausgenommen – selbst mit Gedichten vertreten, zu denen Michael Braun zwei oder drei Handvoll Sätze schreibt. So entsteht ein dichtes Netz, in dem man sich gern verfängt. Der Berliner Ron Winkler etwa äußert sich zu Christian Hofmann von Hofmannswaldau und zu Björn Kuhligk, während Braun Winklers „Der 27. Septemberkuss“ erläutert (der sich, auf Thomas Brasch und dessen „Der schöne 27. September“ anspielend, keinesfalls im Frühherbstmonat, sondern bereits im Januar findet, so wie Lutz Seilers „sechster januar“ erst anfangs April zu lesen ist).

Die in Offenbach lebende Silke Scheuermann – sie hat noch bis in den März hinein ihr vorübergehendes Zuhause in der Villa Concordia, also dem von Nora Gomringer, die nicht im Lyrik-Taschenkalender vertreten ist, geleiteten Internationalen Künstlerhaus Bamberg – erhellt Friederike Mayröckers wundersames Inventur-Poem „was brauchst du?“ sowie Wolfgang Hilbigs „bahnhof“, und sie kommt als Lyrikerin zu Wort mit dem „Lied vom Selbstportrait dieses Malers“ (so gedeutet von Braun: „In ihren Gedichten überzeugt Silke Scheuermann mit der überraschenden Kombinatorik von Bildern, die inspiriert sind von Märchen- und Mythen-Stoff. Auch in ihrem Rembrandt-Lied ist nichts ‚hingehaucht‘, wie ein boshafter Kritiker unterstellt hat, sondern alles poetisches Kalkül.“).

Zeitlich reicht der Taschenkalender zurück bis in die 1180er Jahre: das mittelhochdeutsche Liebesgedicht „Dû bist mîn, ich bin dîn“ stammt aus einer Handschrift, die dem Erlernen des Briefeschreibens dienen sollte und sich im Kloster Tegernsee fand. Kurt Drawert nimmt es als Eichmaß „für die große Kunst, das Privateste mit dem Allgemeinsten zu verbinden und Allegorie werden zu lassen“, während es den Romantikern als Inbegriff mittelalterlicher Liebesauffassung galt. Über die Lyrik des Barock geht es weiter zu Brentano, zu Mörike, zu Storm; Ernst Blass („Der Schlager“) und Paul Scheerbart („Stammbuchvers“) treten hinzu, später Paul Celan und die Bachmann. Der Schwerpunkt aber liegt auf der Lyrik von heute, beispielsweise von Simone Kornappel und Henning Ziebritzki. Auch Erstveröffentlichungen finden Platz, so von Axel Sanjosé und von Bianca Döring.

Mit Lyrik – und mit dem aus feinem Papier hergestellten Taschenkalender – durch das Jahr? Aber ja doch, ganz unbedingt! Und auf der jeweils rechten Seite bleibt Raum für das Diarium, für die Agenda, für den Alltag, für eigene Einträge und sogar Gedichte. Zumindest für ein Haiku oder zwei.

NB: Michael Braun (hrsg.), Lyrik-Taschenkalender 2014. Heidelberg, Wunderhorn, 2013. 15,80 Euro.

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