Urbane Plaudereien – Theater – früher einmal todernst

Peter von Liebenau

Es wird Herbst, es wird Winter – wir machen immer wieder Karpfenfahrten und Theaterbesuche. Zuletzt beschrieben wir die Vor- und Frühgeschichte des Bamberger Theaters. Dann kam die Theatergründung, und bald darauf eine neue Epoche: E.T.A. Hoffmann. Das war das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt … der Bühne – würde Kleist vielleicht sagen, dessen „Käthchen von Heilbronn“ Hoffmann ja in Bamberg am 1. September 1811 inszeniert hat. Da war das Bamberger Theater noch etwas Wesentlicheres, eine Stätte der harten Auseinandersetzung, es ging – in der Sphäre der Literatur zumindest – um Leben und Tod.

Woher ich das weiß?

Hoffmann erzählt in seinem „Don Juan“ von einem „reisenden Enthusiasten“, der nach Bamberg kommt und beim Einschlafen im Hotelzimmer von Musikgeräuschen, die irgendwie von nebenan kommen, unterbrochen wird. Er läutet nach dem Hoteldiener. Als dieser erscheint, fragt er ihn, woher der Lärm komme? Er erhält zur Antwort, dass Seine Exzellenz, der Gast, sich doch im Zimmer mit Zugang zur Fremdenloge im Zuschauerraum des Theaters befinde! – Was für ein Gegensatz zu diesen neuartigen Hotels ohne Portier, wo man die Übernachtungskabine mit Nasszelle über einen Automaten bucht, wie den Pkw-Abstellplatz in einer Tiefgarage. Aber selbst Automaten waren E.T.A. Hoffmann nicht fremd, er sah das alles kommen, wie man in seiner Erzählung „Der Sandmann“, veröffentlicht 1816, erkennen kann.

Während seiner Rede öffnet der Diener im „Don Juan“ eine Tapetentür des sehr gut ausgestatteten Hotelzimmers und erklärt, dass der Gast gegen einen Aufpreis durch eben diese Tapetentür und einen kleinen Verbindungsgang direkt in die „Fremdenloge“ gelangen könne. Das wäre doch mal eine Anregung für heutige Luxushotels: Suiten mit Theaterlogenzugang! Das wäre wahrhaft urban.

Einen sehr ähnlichen Hotelaufenthalt erlebten wir einmal auf einer unserer herrlichen Fahrradtouren, die zum Schönsten gehören, was Menschen tun können, wenn sie mit Liebe und Kultur verbunden sind. Wir fuhren enthusiastisch von Bamberg aus durchs Aischtal, ließen alle Karpfen hinter uns, besichtigten mit Höchstgenuss das Taubertal mit Rothenburg und Tauberquelle, um schließlich Schwäbisch Hall zu erreichen. Schon auf dem Weg buchten wir per Telefon ein Hotel, und zwar richteten wir uns immer nach den Maßstäben: Zimmer in einem alten Haus am Markt, mit Brunnen davor. Unser Vorbild war das „Weinhaus am Alten Markt“ in Miltenberg, und das wollten wir immer wieder erleben.

In Schwäbisch Hall drucksten sie herum mit diesem Zimmer zum Markt hin; wir verstanden das gar nicht. Als wir es aber gebucht hatten und beziehen konnten, wurde alles klar: Das Zimmer, für das wir heute einen Aufpreis zu entrichten hatten, sah direkt auf die Treppe der großen Kirche hinaus, auf der heute der „Faust“ gegeben wurde! Es war eine gar zauberische Nacht, damals …

Aber nun weiter im „Don Juan“ von E.T.A. Hoffmann, in dem man dem enthusiastischen Reisenden den Zugang zur Fremdenloge im Bamberger Theater gezeigt hatte.

„Was? – Theater? – Fremdenloge?“ Kaum waren die Worte gefallen, war der Gast schon aufgesprungen und „durch die Tapetentür in den Korridor geschnitten (wörtlich!)“. Hoffentlich hat er sich vorher noch angekleidet, drucksen wir grinsend hinter vorgehaltener Hand bei der Lektüre.

Und dann wird es ernst. Der reisende Enthusiast befindet sich in der erwähnten Loge, und man beginnt mit der Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“. „Das Haus war für den mittelmäßigen Ort geräumig, geschmackvoll verziert und glänzend erleuchtet.“ – – – Das Zitat muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Es enthält eine höchst anregende Bamberg-Philosophie Hoffmanns an dieser Stelle! Nehmen wir unhinterfragt an, dass er Bamberg meinte: „mittelmäßig“ – sehr interessant. Das bedeutet, dass es seinerzeit, zu Beginn der 19. Jahrhunderts, außer Hoffmann keine bedeutenden Geister hier gab, was so nicht stimmt, oder dass sie diese insgesamt mittelmäßige Stadt nicht prägen konnten – was nach wie vor der Fall ist, wenn man’s sich so recht überlegt, oder?

Freilich kann „mittelmäßig“ sich auch auf die äußeren Umstände beziehen, auf die Ausdehnung, die Einwohnerzahl, das durchschnittliche Einkommen, die Kultureinrichtungen, Verkehrsverbindungen und vieles mehr. Aber das würde dann wohl eher „mittlere“ Stadt heißen.

Wenn wir all diese Angaben Hoffmanns philosophisch interpretieren, dann wird zuerst einmal klar: Die Stadt ist zwar mittelmäßig, bekommt jedoch eine besondere Einfärbung, eine eigene Qualität: durch die Existenz dieses Musiktheaters. Und das ist noch heute der Fall – warum soll sich nach zweihundert Jahren etwas daran geändert haben? Ein Gemeinwesen reflektiert sich nach wie vor durch sein Theater, an vorderster Stelle.

Überirdisch singt die Donna Anna. Gab es das wirklich in Bamberg? Warum nicht! Einst waren wir vielleicht so urban, dass eine Opernaufführung von Weltklasse in unseren Mauern stattfinden konnte, wir mussten nicht, wie heute, zu diesem Zweck nach Bayreuth fahren – was wir allerdings auch als eine „innerstädtische“ Fahrt empfinden könnten; denn sie ist nicht viel weiter als von Brooklyn in die Metropolitan Opera, wobei wir zur Abkürzung vielleicht die Brooklyn Bridge nehmen könnten, welche wiederum das Bewusstsein von unserer Bamberger Urbanität bekanntlich insofern hebt, als dass diese architektonisch-technisch indirekt inspiriert sein soll von einer Vorläuferin der Bamberger Kettenbrücke … Unsere Brooklyn Bridge wäre dann so etwas wie die Wiesentbrücke in Steinfeld, zwischen Bamberg und Bayreuth.

Man weiß, dass sich Hoffmann bei seiner Beschreibung der Donna Anna wohl einerseits auf seine in Bamberg angehimmelte, aber nie erreichte Schülerin Julia Mark bezog, dass er andererseits aber eine gewisse Elisabeth Röckel im Auge hatte, was auch in der Zeitschrift „Die Coulissenwelt ohne Lampenlicht. Theaterplaudereien“ um 1865 erwähnt wurde. Die Theaterplaudereien gab es also schon früher.

Hoffmann schreibt weiter: „Die ersten Akkorde der Ouvertüre überzeugten mich, dass ein ganz vortreffliches Orchester, sollten die Sänger auch nur im mindesten etwas leisten, mir den herrlichsten Genuß des Meisterwerks verschaffen würde.“

Der Gesang hebt an, und der reisende Enthusiast ist begeistert: „Also italienisch? – Hier am deutschen Orte italienisch? Ah che piacere!1 Ich werde alle Rezitative, alles so hören, wie es der große Meister in seinem Gemüt empfing und dachte!“

Dann betritt Donna Anna die Bühne: „Das weiße Nachtkleid enthüllt verräterisch nie gefahrlos belauschte Reize.“ Nirgends sonst wurde in der Weltliteratur erotische Schönheit so schön-schauerlich und zärtlich zugleich serviert …

Vielleicht geht die Schilderung auch auf eine reale Sängerin zurück, vielleicht gar eine Bambergerin, die hier lebte, Kinder hatte und bis heute eine urbane Stadt der Weltliteratur in unseren Mauern kreiert hat?

Apropos Mauern: Der Durchgang von der Gaststätte Harmonie ins Theater war einmal vorhanden, man konnte tatsächlich von einem ehemals dort befindlichen Hotelzimmer aus in eine Theaterloge gelangen – aber der jüngste Umbau des Theaters hat darauf keine Rücksicht genommen. Der Durchgang wurde nicht wiedererweckt, sondern zubetoniert. Trostlos reihen sich davor nun die Garderobenstangen. Ein Spiel der Weltliteratur, das von selbst Tag für Tag und – besonders – am Abend abgelaufen wäre, wurde für immer beendet. Woanders feiert man solche Plätze als Touristenattraktionen, beispielsweise „Julias Balkon“ in Verona, der bei weitem nicht so authentisch literarisch verifiziert ist. In Bamberg hat man E.T.A. Hoffmanns Fremdenloge aus Don Juan der Phantasielosigkeit geopfert.

Welche weiteren Durchgänge in unserer Stadt sind dieser Geisteshaltung noch zum Opfer gefallen?

Schon vor dem Erscheinen der Donna Anna auf der Bühne schwärmt der reisende Enthusiast, wie gesagt, von der Musik: „In dem Andante ergriffen mich die Schauer der furchtbaren, unterirdischen regno all pianto2; grausenerregende Ahnungen des Entsetzlichen erfüllten mein Gemüt.“

Der Enthusiast hat, als eine typische Hoffmann-Figur, diese Ahnungen des Entsetzlichen – genossen! Damit begründete dieser Epoche machende Dichter eine ganz neue Haltung des Menschen zum Schrecken, Horror, Entsetzen – wie immer man das nennen mag. Wir genießen all diese Emotionen im Zusammenhang mit der Kunst und auch der Unterhaltung – weil sie unser inneres Leben bereichern. Die Bezeichnung „Horror-Schocker“ bei einem Film wird heute zur Werbung verwendet, und dass uns eine schreckliche Angst eingejagt werde, das verspricht uns die Geisterbahn, die wir gern auf dem Jahrmarkt für Geld besuchen.

Freilich wird der Schrecken am Ende von Don Juan tödlicher Ernst, was wir hier nicht ausführen möchten, um die Spannung bei Ihnen, geneigte Leserinnen und Leser, nicht zu zerstören.

Vor Hoffmanns Erzählungen diente das Verursachen des Schreckens und der Furcht im Theater der Katharsis, der inneren Läuterung, so etwa in der griechischen Tragödie, deren Programmatik bekanntlich Aristoteles niederschrieb. Auch das mittelalterliche Drama drohte mit Sündenstrafen, wenn man sich nicht bessere. Das geschah bis in die Barockzeit hinein, zum Beispiel im Bamberger Jesuitentheater. Auch Strafmaßnahmen der Justiz, insbesondere öffentliche Hinrichtungen, sollten ja abschrecken. Nur bei Shakespeare, so habe ich das Gefühl, gibt es einen Vorausgriff auf die Moderne, welche die antike Abschreckung nicht mehr im Vordergrund sieht; Shakespeare versucht seinem Publikum in grausamen Szenen die ganze Bandbreite und den breit gefächerten Reichtum der Charaktere sowie des eigenen, farbigen Lebens vorzuführen.

Doch in seinem Titus Andronicus hat Shakespeare um 1590 wohl schon einen Höhepunkt der „Verhandlung“ des Grauens erreicht. Es ist bezeichnend, dass die Menschheit bereits in früheren Zeiten an Grenzen gestoßen ist, die nicht mehr überschritten werden können, gerade in der Kunst.

Freilich konnte Shakespeare noch nichts von den Abgründen der Zivilisationslosigkeit im Holocaust ahnen; inwieweit dieser überhaupt darstellbar ist, steht dahin. Grundsätzlich sagt man: Jene Verbrechen und die damit einhergehenden Leiden sind unsagbar – obwohl dies auch schon ein Sagen ist. Natürlich ist diese schreckliche historische Realität mit dem Theater nicht vergleichbar, aber man sollte immer wieder darüber reden.

Der reisende Enthusiast Hoffmanns verfällt jedenfalls am Anfang seines Operngenusses in einen Rausch des Entsetzlichen. „Wie ein jauchzender Frevel klang mir die jubelnde Fanfare im siebten Takte des Allegro …“ – eine merkwürdige Freude über moralische Verfehlungen.

Im weiteren Verlauf der Oper bemerkt Leporello: „parla come un libro stampato3“, woraufhin der reisende Enthusiast „jemand neben oder hinter mir zu bemerken glaubte.“

Und jetzt, bereits im Jahre 1812, als die Erzählung entstand, beginnt Hoffmann mit voller Wucht eine Diskussion über die Möglichkeiten und – vor allem – Mängel von Sprache und Kommunikation überhaupt, in einer Art, wie sie erst zu Beginn der 20. Jahrhunderts geführt werden sollte. Freilich resigniert Goethes „Werther“ schon 1774 mit den Worten: „Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den andern versteht.“ Und ähnlich formuliert es Georg Büchner in seinem „Danton“ 1835: „Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.“

Trotzdem: Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bricht das Kommunikationsproblem massiv auf, unter anderem durch den philosophischen Hintergrund, den Ludwig Wittgenstein 1921 lieferte. Schon 1902 schrieb Hofmannsthal seinen sprachkritischen „Chandos-Brief“, und 1911 heißt es in Eduard von Keyserlings Roman „Wellen“: „Unten am Strande gingen ganz stille Liebespaare hin, sie gingen mit herabhängenden Armen nebeneinander her, träge die Füße über den Sand ziehend. Was sollten sie sich sagen, hier hatte immer seit Menschengedenken das Meer das Wort und wozu ihm unnütz dreinreden.“

E.T.A. Hoffmanns Hauptfigur in seinem „Don Juan“ – der Dichter? die Figur Mozarts? Der reisende Enthusiast? – befindet sich in gewollter Einsamkeit; denn sie will gar nicht, dass jemand anderes in ihrer Nähe ist. Der Reisende – woher? wohin? welcher Enthusiasmus? – will mit niemandem kommunizieren, er will nur die Kunst, die hier vor ihm auf der Bühne stattfindet, in sein Inneres aufnehmen, in sein Selbst hineinziehen. Hoffmann: „Leicht konnte man die Logentür leise geöffnet haben und hineingeschlüpft sein – das fuhr mir wie ein Stich durch’s Herz. Ich war so glücklich, mich allein in der Loge zu befinden, um so ganz ungestört das so vollkommen dargestellte Meisterwerk mit allen Empfindungsfasern, wie mit Polypenarmen, zu umklammern und in mein Selbst hineinzuziehen! ein einziges Wort, das obendrein albern sein konnte, hätte mich auf eine schmerzhafte Weise herausgerissen aus dem herrlichen Moment der poetisch-musikalischen Exaltation!“

Später erfreut es den reisenden Enthusiast, dass keine Geringere als die Sängerin der Donna Anna selbst in seine Loge gekommen sei. „keine Worte drücken mein Erstaunen aus“… „Ganz sprachlos starrte ich sie an“ … Nach einer Weile der Sprachlosigkeit beginnt plötzlich doch noch einmal, ein letztes Mal, tiefes, inneres, gegenseitiges Verständnis zu existieren: „Aber du – du verstehst mich“ … haucht die Erscheinung. Noch einen kurzen Moment lang ist ausdrucksvolle, vollkommen gelungene Kommunikation möglich, freilich nur in einem Augenblick und in einer romantischen, übersinnlichen Sphäre. Im Grunde ein letztes Mal in der Geistesgeschichte, und zwar in der Fremdenloge des Bamberger Theaters.

                              

1 Welch ein Vergnügen!
2 Reich der Klage / Unterwelt (fehlerhaftes Italienisch).
3 Sie spricht wie ein gedrucktes Buch.

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