Von der Idylle Suffolks hinaus in die Opernhäuser der Welt. Für Benjamin Britten. Eine Hommage, geschrieben an, und zu, seinem Zentenarium. (Und für Paul und Brenda, die es mir möglich machten, daß ich lange mit Blick auf Blythburgh Church zuhause war, wo viele Werke Brittens gespielt wurden und noch immer innerhalb des Aldeburgh Festivals aufgeführt werden.)

Von Musicouskuß

In den ganz frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, zu Zeiten der sexuellen Freiheit also und zur Hoch-Zeit des Pop, konnte man auf den britischen Inseln jungen Leuten begegnen, die Hemden trugen, auf welchen „I’m backing Britten“ zu lesen stand. Sie unterstützten Britten, sie standen also zu dem größten Komponisten, den Großbritannien seit Henry Purcell (der starb, als Johann Sebastian Bach zehn Jahre alt war) hervorgebracht hat, und dessen Nachname phonetisch gleichklingt mit (Great) Britain. An diesem Freitag wird, vor allem in seiner Heimat, Brittens Hundertjahrfeier begangen.

Geboren wurde Britten am 22. November 1913 als jüngstes von vier Kindern, als Benjamin eben, in der Fischereihafenstadt Lowestoft an der englischen Ostküste (wenn man sich East Anglia als Busen denkt, dann liegt Lowestoft exakt auf der Spitze der erigierten Brustwarze, so weit östlich wie nur möglich). Der 22. November ist für einen Komponisten ein prophetisches Datum, insofern als auf Brittens Geburtstag zugleich der Gedenktag der Heiligen Cäcilia fällt, der Patronin der (Kirchen-)Musik.

Der Vater war ein eher gestrenger und amusischer Zahnarzt, der es der Familie untersagte, sich ein Radio oder ein Grammophon anzuschaffen, sodaß Britten die Bekanntschaft mit den großen Werken des Konzertrepertoires beim Vierhändigspiel mit Freunden am Klavier und in Aufführungen machte. Es war an der Mutter, einer Amateursängerin, die zu musikalischen Soireen lud, aus Beni einen Komponisten von Format zu machen. Man sprach zuhause oft von den drei B’s, von Bach, Beethoven und Brahms. Das vierte sollte, wenn es nach der Mutter ging, Benjamin Britten werden.

Sein Erweckungserlebnis hatte der fast Elfjährige, der im Alter von fünf Jahren zu komponieren begonnen hatte, beim Norwich Festival 1924, als er unter der Leitung ihres Komponisten die Orchestersuite „The Sea“ von Frank Bridge hörte. Über seine Bratschenlehrerin kam der Kontakt zu Bridge zustande, und Ben wurde Schüler eines, der sich nicht mit Schülern zu belasten pflegte. „Wir kamen prächtig miteinander aus“, sollte sich Britten an die fordernden Privatstunden erinnern, Marathonsitzungen, die einzig von Mrs. Bridge unterbrochen wurden, die zur Teestunde mahnte, daß es da ja jenseits der Musik, der Harmonielehre und des Kontrapunktes noch etwas gab, was Leib und Seele zusammenzuhalten imstande war.

Obgleich er später am Royal College of Music bei John Ireland Komposition und bei Arthur Benjamin Klavier studierte, blieb Bridge die prägende Persönlichkeit in Brittens Musikerdasein. (Nachdem er in London Wozzeck gehört hatte, ging Britten nach Wien und trug sich mit dem Gedanken, sich bei Alban Berg den letzten Schliff zu holen, doch daraus wurde nichts.) So darf es nicht wundernehmen, wenn Britten seinem verehrten Lehrer 1937 mit den in Salzburg uraufgeführten „Variations on a Theme of Frank Bridge“ des Opus 10 (von vierundneunzig, die es bis 1976, bis zum für das Wiener Amadeus Quartett geschriebenen Dritten Streichquartett, werden sollten) ein Denkmal setzte.

In den dreißiger Jahren gehörte Britten dem Kreis um den „energischen, revolutionären, antibürgerlichen“ (und offen homosexuellen, obgleich gleichgeschlechtliche Liebe in Großbritannien noch bis 1967 illegal war) Lyriker Wystan Hugh Auden an, dem er die Texte zu dem Liederzyklus „Our Hunting Fathers“ und tu dem Chorwerk „Hymn to Saint Cecilia“ verdankte. Sprache und Musik werden bei Britten eins, der neben englischen immerhin auch französische, deutsche („Sechs Hölderlin-Fragmente“, 1958), russische, italienische Vorlagen im Original vertonte. In den Dreißigern lernte er auch Peter Pears kennen. Aus der Freundschaft zu dem Tenor, den Britten in zahlreichen Liederabenden am Flügel begleitete, wurde von Juni 1939 an ein intimes Liebesverhältnis. Die beiden taten sich schwer damit, ihre Beziehung zu verheimlichen, und noch als sie in Snape nahe des Fischerdorfes Aldeburgh an der Küste Suffolks gemeinsam in der „Old Mill“ lebten, wurde darüber nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen.

„Ich liebe das Meer, und bestimmte Werke von mir vermitteln diese Leidenschaft“, bekannte Britten, doch „inwiefern seine Gegenwart ein Stimulus für mich ist, kann ich nicht sagen.“ Aldeburgh und das Meer sind allgegenwärtig in der Oper Peter Grimes (1945), Brittens Meisterwerk, der noch viele Opern wie der Sommernachtstraum und Tod in Venedig folgen sollten. 1948 initiierten Pears und Britten das Aldeburgh Festival und machten so das verschlafene Nest zu einem der bedeutendsten musikalischen Zentren auf der Insel. Fischer-Dieskau, Mstislaw Rostropowitsch, der Gitarrist Julian Bream und der früh verunglückte genialische Hornist Dennis Brain, denen Britten Stücke auf den Leib schrieb, gaben sich dort die Klinke in die Hand. Wichtig war Britten aber immer auch das Komponieren für Amateure, für Kinder, für die Dorfgemeinschaft.

Eine erschütternde Hommage an die 1940 von der deutschen Luftwaffe fast völlig zerstörten Stadt Coventry ist das „War Requiem“ des passionierten Pazifisten Britten, dessen Uraufführung 1962 (mit dem Bariton Dietrich Fischer-Dieskau) einen überwältigenden Eindruck hinterließ. Dieses Memorial „bleibt unter den erinnernswerten, von Mensch zu Mensch sprechenden Dokumenten begnadeten melodischen Einfalls“, schrieb Fischer-Dieskau.

Und Benjamin Britten, der, herzkrank, wenige Tage nach seinem sechsundsechzigsten Geburtstag am Morgen des 4. Dezember 1976 in Peter Pears’ Armen starb, bleibt auf ewig einer der überragenden Musiker nicht nur Großbritanniens. Da ist es doch verwunderlich und schade auch, daß man den Namen Britten wie schon in der vergangenen auch in der aktuellen Spielzeit der Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie vergebens sucht. Und das, obgleich Chefdirigent Jonathan Nott bekanntlich von der Insel kommt, mit dem Aldeburgh Festival vertraut und in Solihull, also ganz in der Nähe von Coventry, der Stadt, ohne die das „War Requiem“ nicht existierte, aufgewachsen ist.

NB: Hörempfehlungen –

Viele seiner Werke hat Britten als Dirigent wie als Liedbegleiter und Kammermusiker selbst eingespielt, darunter die Sinfonische Suite „Gloriana“ op. 53a mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden (das jetzt, oh unvorstellbarer Graus, von der Schließung bedroht ist) und Peter Pears, Tenor (bei hänssler classic) sowie das „War Requiem“ mit dem London Symphony Orchestra, Pears und Fischer Dieskau, Bariton (für Decca/Universal). Gleichfalls bei Decca herausgekommen ist, in einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1958 und mit Peter Pears in der Titelrolle, Peter Grimes. Am Pult steht der Komponist, es spielt wiederum das LSO. Bei Erato/Warner erschienen ist die mit einem Echopreis 2013 bedachte Aufnahme der Kammeroper The Rape of Lucretia (mit Angelika Kirchschlager, die noch von der Sommer Oper Bamberg her in Erinnerung ist).

Die Cellosuiten 1&2 haben Britten am Flügel und ihr Widmungsträger am Violoncello 1968 und 1961 aufgenommen (Decca); für die „Hölderlin-Fragmente“ suchte sich Britten 1970 das English Chamber Orchestra als Partner aus. Swjatoslaw Richter hat ebenfalls in jenem Jahr gemeinsam mit dem Geburtstagskind das Klavierkonzert aufgenommen.

NBB: Lektürehinweise –

Ein schmales und arg dürres Feld ist jenes der Literatur zu Benjamin Britten in deutscher Sprache. Neben zwei, drei Dissertationen und einer Handvoll in Sammelbänden vorliegenden Arbeiten existiert so gut wie nichts. Nada, zero, null. Das hat sich auch zum Zentenarium keinesfalls geändert. Einzige Ausnahme ist die hundertsiebenundfünfzig Seiten dünne rororo-Monographie, die der Frankfurter Chefdramaturg Norbert Abels 2008 vorgelegt hat. Wer sich auf das Italienische versteht, kann zu Alessandro Macchias Lebens- und Werkbeschreibung greifen (Palermo: L’epos, 2013). Bei uns hat Britten es – ein Schicksal, das er sich mit nahezu allen Komponisten von der Insel teilt – schwer. Zahlreich hingegen ist naturgemäß die auf Englisch vorliegende Literatur.

In seiner Heimat ist Britten sogar solchermaßen beliebt, daß ihm in dem Schauspiel The Habit of Art eine zentrale Rolle zukommt. Geschrieben hat das Stück – herausgekommen 2009 in London bei Faber & Faber (man muß es, der Bestand der Bamberger Universitätsbibliothek ist einfach zu schmal, über Fernleihe bestellen, darf sich dann aber auf ein feines Lesevergnügen einstellen) – Alan Bennett, den in Deutschland Klaus Wagenbach verlegt. Darin sucht Britten, der gerade damit kämpft, Death in Venice fertigzustellen, den Rat seines ehemaligen Librettisten und Freundes W. H. Auden. Bei ihrer (fiktiven) Begegnung, der ersten seit bald zwanzig Jahren, werden sie unter anderem von ihrem künftigen Biographen gestört und von einem jungen Mann, welcher von der örtlichen Bushaltestelle hereingeschneit kommt.

Aus Anlaß des Jubiläums hat Christopher Wintle in London bei Plumbago den Band Britten. Essays, Letters and Opera Guides herausgeben, der Texte des aus Wien stammenden, vor den Nazihorden nach London geflohenen Hans Keller vereint. Keller hat lange Jahre für die British Broadcasting Corporation gearbeitet und war Musikkritiker des Listener. Paul Kilda wagt in Benjamin Britten. A Life in the Twentieth Century (London: Lane, 2013) zu behaupten, Britten sei auf der Schule sexuell mißbraucht worden, was in der Presse und in Leserbriefen arg angezweifelt wird. Empfohlen sei weiters Neil Powells Benjamin Britten. A Life for Music (London: Hutchinson, 2013). Persönliche, intime Erinnerungen hat die Schwester des Familienbenjamins veröffentlicht, Beth Britten: My Brother Benjamin (London: Faber & Faber, 2013). Ebenfalls bei Faber herausgekommen ist im vergangenen Jahr der letzte Band (von sechsen) der Letters from a Life. The Selected Letters and Diaries of Benjamin Britten. Auf über achthundert Seiten läßt sich die Korrespondenz des Komponisten aus seinem letzten Lebensjahrzehnt verfolgen. Herausgegeben hat sie der Doyen der Britten- und Gustav-Mahler-Forschung, Donald Mitchell.

Ein wunderschön aufgemachtes Buch über das Aldeburgh Festival findet man nur noch antiquarisch: Jenni Wake-Walker (ed.), Time & Concord. Aldeburgh Festival Recollections. Saxmundham: Autograph Books, 1997. Darinnen erinnern sich beispielsweise Malcolm Arnold, Janet Baker, Harrison Birtwistle, Brittens Neffe Alan Britten, die Klarinettistin Thea King, der Komponist, Dirigent und derzeitige künstlerische Leiter Oliver Knussen, Charles Mackerras, Neville Marriner, Yehudi Menuhin, Roger Norrington, Murray Perahia, der Cellist William Pleeth, die Sopranistin Elisabeth Söderström, John Tavener, Roger Vignoles und mit Sebastian Welford ein weiterer Neffe Brittens an ihre Erlebnisse in während des Festivals. Auch der Autor Ronald Blythe – Jahrgang 1922 und noch immer munter – ist darin vertreten, der seinen ersten Besuch reflektiert, 1956. Das schien, so schreibt Blythe, der von Britten beauftragt wurde, mit dem Bus nach Blythburgh zu fahren, um beim Vikar nachzufragen, ob denn die Purcell Singers in seiner Kirche, der „Cathedral of the Marshes“, auftreten dürften (nur um dann nach Walbswick laufen zu müssen, das ist ein schöner Spaziergang, am Wasser entlang und über Heide und ein Stück weit auch durch den Wald, denn dort und nicht in Blythburgh war der zuständige Kirchenmann zuhause, so wie übrigens auch die Enkeltochter von Sigmund Freud und einige andere Prominente Schreiber, Künstler, Musiker, Politiker), das also, damals Mitte der Fünfziger, schien „eine Zeit der persönlichen Besuche und so gut wie nie eines Telephonanrufs“ (geschweige denn eines schöden E-Post-Austausches) zu sein. Und: „Everything and everyone were dominated by the sea.“ Das Meer, die Nordsee (die meine von der portugiesischen Atlantikküste stammende Ex-Frau ob des mageren Wellengangs ein „schwules Meer“ schimpfte) hatte alles und allen gefangen genommen.

In diesem Frühjahr hat der unermüdliche Blythe ein neues Buch publiziert, The Time by the Sea. Aldeburgh, 195558 (London: Faber & Faber. 15.99 britische Pfund).

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