Poète maudit, Bürgerschreck versus Sänger der Deutschen. Rolf Dieter Brinkmann trifft, im Herbst 1974, auf Hölderlin. Nebst einigen wenigen Bemerkungen zur Strumpfhose, im Januar, als lyrischer Stoff.

Hölderlin-Herbst

Auf
den Baustellen
wird jetzt Tag
und Nacht gearbeitet.
Auch die Gärten
werden nicht
geschont.
Sie werden
mit rostigen Harken
durchkämmt nach den
letzten Möhren
und Kartoffeln.
(Der Grünkohl
darf stehenbleiben
bis der erste Frost
gekommen ist.)
Weiter draußen
schlachten sie Schweine.
Frisch gewaschen und gebürstet
hängen die offenen Leiber
weiß an den Leitern.

Rolf Dieter Brinkmann

Von Chrysostomos

In den frühen Morgenstunden des 24. Juli 1966 wurde am Strand von Fire Island, New York, Frank O’Hara von einem Strandbuggy angefahren und schwer verletzt. Am folgenden Tag erlag er seinen Verletzungen. Begraben ist O’Hara auf dem Springs Cemetery auf Long Island. Gemeinsam mit Barbara Guest beispielsweise, mit James Schuyler und Harry Mathews (der ganz wunderbar auch über Bamberg und Bayreuth geschrieben hat), mit seinen Mitstudenten in Harvard, Kenneth Koch und John Ashbery, gehörte O’Hara der New York School an, der New Yorker Dichterschule, die in den sechziger Jahren eng verbunden war mit abstrakt-expressionistischen Malern wie Jackson Pollock, Franz Kline, Willem De Kooning.

In seiner Lyrik reagierte O’Hara auf deren Bilder, auf Literatur und Film, auf seine (homosexuellen) Liebschaften, auf den New Yorker Alltag zwischen Zeitungslektüre, Kaffee aus Pappbechern und seiner Arbeit als Kurator am MOMA, dem Museum of Modern Art. Sein Schreiben nahm er nicht wirklich ernst (ein sympathischer Zug). Er behielt keine Abschriften oder Durchschläge seiner Gedichte, von denen nach seinem vorzeitigen Ableben ein Großteil nur deshalb ans Licht kam, weil er sie in Briefen an Freunde festgehalten hatte.

Einer, der in seinen Texten wie O’Hara ebenfalls den Alltag immer wieder ins poetische Licht rückte, und der denn auch „als Importeur und Erbe der amerikanischen Pop-Lyrik, vor allem Frank O’Haras“ (Wolfgang Rothe) gilt, war Rolf Dieter Brinkmann. Der, wie der New Yorker, überfahren wurde, eine Woche nach seinem Fünfunddreißigsten. An Shakespeares Geburtstag 1975, in London. Brinkmann, 1940 im oldenburgischen Vechta geboren, ging nach einer Buchhändlerlehre in Essen 1962 nach Köln, wo er der Gruppe des „Neuen Realismus“ um Dieter Wellershoff angehörte. Das Münchner Olympiajahr verbrachte er in Rom als Stipendiat der Villa Massimo, im „Atelier 10: sehr verwahrlost + zerwohnt“. 1974 erhielt er eine Einladung der University of Texas in Austin. Die in Westwärts 1 & 2 versammelten, sprachgenauen und beobachtungsscharfen Gedichte – darunter „Hölderlin-Herbst“ – spiegeln die Erfahrungen in der Alten und der Neuen Welt.

Brinkmann entsprach der „geläufigen Vorstellung vom genialischen Künstler“, einschließlich, ließe sich sagen, des frühen Endes, „geradezu perfekt: unstet, nicht kompromißbereit, ohne Rücksicht auf sich und andere, ungeschickt im ‚Daseinskampf‘, ein ‚lebensuntüchtiger‘ Hungerkünstler und schwieriger Outsider“ (abermals Wolfgang Rothe). Wie nun geht das zusammen, daß ausgerechnet so jemand wie Brinkmann, der Bürgerschreck, der poète maudit, der Untergrund-Poet, ein Gedicht über den „Sänger der Deutschen“ schreibt und dessen Name sogar in den Titel setzt?

Nun, Brinkmann schreibt eben keine Ode, keine Elegie, keinen in hohem Ton gehaltenen Hymnus auf etwelche Schwäne, die da „trunken von Küssen“ das Haupt ins – Gott bewahre – „heilignüchterne“ Wasser tunken, kein Weltgedicht, wohl aber eine arg welthaltige Antihymne. „Rings um ruhet die Stadt“ (Hölderlin, „Brot und Wein“)? Ach was, Quatsch! Gearbeitet wird, und zwar hart, verputzt und gemauert (ehe sie „sprachlos und kalt“ „stehn“ können, wie in des Tübinger Turmbewohners „Hälfte des Lebens“, müssen sie ja erst einmal hochgezogen werden, die Mauern).

Es geht aus der Stadt hinaus, es geht, Brinkmann geht, ins Offene, und siehe: „Auch die Gärten / werden nicht / geschont.“ Letzte Möhren, letzte Kartoffeln werden ausgegraben, geerntet, den Hunger zu stillen. Gut, der Grünkohl, den Brinkmann gut kannte, als Oldenburger, der darf noch bleiben, bis er dann doch, nach dem ersten Frost, zusammen mit dem Pinkel, einer fetten Grützwurst, den Weg auf den Speiseteller finden wird. Für die Grützwurst, für den Pinkel, schlachten sie „weiter draußen“ schon Schweine: „Frisch gewaschen und gebürstet / hängen die offenen Leiber / weiß an den Leitern“.

Schwarz hingegen hängt, denn sie trägt Trauer, die Strumpfhose an der Wäscheleine, aus der in Westwärts 1 & 2 (übrigens mit der erfolgreichste Gedichtband der Siebziger) ein „Wäschedraht“ geworden ist:

Trauer auf dem Wäschedraht im Januar

Ein Stück Draht, krumm
ausgespannt, zwischen zwei
kahlen Bäumen, die

bald wieder Blätter
treiben, früh am Morgen
hängt daran eine

frisch gewaschene
schwarze Strumpfhose
aus den verwickelten

langen Beinen tropft
das Wasser in dem hellen
frühen Licht auf die Steine.

Gebührt diesem Wort – „Strumpfhose“ – nicht ein Eintrag im Wörterbuch des Unmenschen? Undine Gruenter jedenfalls meint, mit „Strumpfhose“ sei alles gesagt: „Sie taucht auf, als Erotik, die jahrhundertelang verstanden wurde als Erfahrung von Passion, umschlug in hygienische Gymnastik aufgeklärter Sexualität. Strumpfhose war ein Fanal der Emanzipation, und die Frauen streiften gern ihre Strümpfe und Strapse ab, die sie zu Objekten gemacht hatten. Die Strumpfhose war praktisch wie ein Pappbecher. Strumpfhose markiert den Zeitpunkt, seit dem über Liebe als Passion nur noch anachronistisch zu sprechen war, abgeschoben in die höheren Regionen der Kunst und in die archäologischen Verfahren einer Kulturkritik zwischen Bataille und Roland Barthes.“ Schreibt, wie gesagt, Undine Gruenter.

Da tragen also, in Brinkmanns morgendlichem Januargedicht, nicht die Gondeln Trauer, und auch nicht die Wäscheleine, sondern der Wäschedraht. Frisch gewaschen haben sich die schwarzen Strumpfhosenbeine, tropfend, ineinander verwickelt, verdreht, ein bißchen vielleicht so wie die ihrer Trägerin, oder Nichtmehrträgerin, wenige Stunden zuvor noch beim Akt mit dem Geliebten, mit dessen Beinen. Und das helle frühe Licht, die Sonne, die Morgenröte: das ist ein häufiges poetisches Bild, wie man es aus „Aubaden“ (etwa von Philip Larkin) kennt. Kommt die Sonne, müssen die Liebenden scheiden. Der Alltag ruft. Und dazu gehört eben auch das Waschen von Wäsche.

In ihrem Beitrag für die über Jahrzehnte hinweg von Marcel Reich-Ranicki betreute, immer samstags zu lesende, „Frankfurter Anthologie“ kommt Gruenter zu dem Schluß, daß auch Anti-Kunst Patina ansetze. Und sieht in Brinkmanns Trauer, die zwei Beine hat, welche wie die Beine von Gehenkten am Wäschedraht baumeln, eine „pathetische Beschwörung von Generationssymbolen zwischen Leonard Cohen und Velvet Underground“.

NB: Friedrich Hölderlin hat viele Spuren hinterlassen, nicht nur in der deutschsprachigen Lyrik. Und er tut das noch immer. Einige wenige Beispiele nur: Philippe Jaccottet, 1925 im waadtländischen Moudon geboren, hat neben Robert Musil, neben Rilke auch Hölderlin übersetzt und herausgebracht, so bereits 1967 in Paris bei Gallimard den 1270 Seiten starken Band der Œuvres. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Dichter der „Hälfte des Lebens“ hat naturgemäß auch auf Jaccottets eigene Lyrik – die der wunderbare Münchner Übersetzer Friedhelm Kemp ins Deutsche brachte – abgefärbt, was sich unter anderem an dem Band Pensées sous les nuages. Poèmes (Paris: Gallimard, 1983) ablesen läßt. Christine Lomberz spricht sogar, mit Blick auf Hölderlin und Jaccottet, von „affinités électives“, von Wahlverwandtschaft.

NBB: Auch Michael Hamburger, der gute Freund aus Suffolk, wo er im wilden Garten seines Cottages, Marsh Acres, seltene Äpfel züchtete, hat, schon sehr früh, 1943, damals war er neunzehn, Hölderlin übersetzt (ins Englische; außerdem Goethe, Trakl, Hugo von Hofmannsthal, Rilke, Hans Magnus Enzensberger, Grass, Eich, Peter Bichsel und andere, andere). Hamburgers Collected Poems – die bei Carcanet in Manchester 1984 erschienene Ausgabe gefiel Michael gar nicht; er wechselte den Verlag, ging zu Anvil, London – eröffnen mit dem Portraitgedicht „Hölderlin“.

NBBB: Weiters ist W. S. Merwin, 1927 in New York geboren, mit der Lyrik Hölderlins vertraut. In „Hölderlin at the River“, zu finden in dem Gedichtband The Vixen (also: die Füchsin, oder, in übertragenem Sinn, zänkisches Weib, Drache; 1996), denkt Merwin über Tübingen, den Neckar und Hölderlin nach. Merwin, der in Princeton bei John Berryman und R. P. Blackmur studierte, hat lange Jahre in London (wo er und seine Frau sich mit Sylvia Plath und Ted Hughes anfreundeten), in Südfrankreich, später auf Hawaii gelebt und seinen Lebensunterhalt mit der Übertragung von lateinischer, spanischer, französischer Lyrik bestritten. Daß er auch Robert Gernhardt kannte, und zwar schon 1984, wie er mir bei einem Glas Weißwein nach einer Lesung an der University of Illinois in Urbana erzählte, hat mich überrascht.

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