Franz Schubert im Gedicht. Und im Benefizkonzert. Am Pult der Bamberger Symphoniker steht Gustavo Dudamel.

Benefiz-Konzert

Die Pudelmütze
ihr über die verwirrte
Stirn gezogen,
der Schal
wo ist dein Schal, mein Schal,
ob hinterm Haken –
Das Stück, wer hat das Stück
Der hat das Stück geschrieben, da
war ich noch nicht geboren.
Hinter uns
röhrt einer, senkrecht,
den sie schräg erspäht
zu haben meint, geht vorn das Stück
wie Lerchen in die Luft
(Maria Stuart, o remember)
und, während ihre Hand herüberwächst:
Das Stück,
wer hat jetzt das geschrieben
(von Einstichen übersäter
Handrücken), der Gesang
von einem ungezogenen Jesuskind. Da war
ich doch noch nicht geboren, da –
Von Dvořák etwas Lautes, ging
schwirrend Unruhe durch den Saal.
Das Röhren. Ein –
ein Stück, zuletzt,
von Schubert. Und wer hat – Da war’s –
und sie hinausgeführt, noch ehe
zu sein es angefangen hat,
zuende

Christoph Michel

Von Chrysostomos

Das Stück, das vorn „wie Lerchen in die Luft“ geht, das hat, da war ich noch nicht geboren, Ralph Vaughan Williams (1872, Down Ampney, Gloucestershire, bis 1958, London) geschrieben. „The Lark Ascending“ heißt die Romanze für Violine und Orchester, das vermutlich bekannteste von Vaughan Williams’ Werken, komponiert kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, den er als Sanitäter in Frankreich verbrachte. Nebenbei sei noch gesagt, daß Vaughan Williams, der am Royal College of Music bei Hubert Parry, am Trinity College in Cambridge bei dem aus Dublin gebürtigen Charles Villiers Stanford und bei Max Bruch in Berlin studierte, das populärste Tubakonzert geschrieben hat, sofern man Konzerten für das tiefste Blechblasinstrument überhaupt eine Popularität zusprechen kann.

„Von Dvořák etwas Lautes“? Das wird dann eine Symphonie gewesen sein, vermutlich jene „Aus der Neuen Welt“, denn zumal bei Benefizkonzerten setzt man ja gern auf ein beliebtes, eingängiges Repertoire. Wobei die „Neue Welt“ so wirklich laut gar nicht ist, beispielsweise Bruckners Achte hat da mehr zu bieten an Fortefortissimo. Daß der Freiburger Christoph Michel den Namen des Komponisten nicht korrekt zu schreiben vermag, das teilt er sich mit dem Fränkischen Tag, denn auch in der Gutenbergstraße schafft man es nicht, das angesagte diakritische Zeichen über das r zu setzen (diesen Fehler habe ich oben still korrigiert), selbst dann nicht, wenn in der brav geschickten Konzertbesprechung Antoníns Nachname völlig richtig geschrieben steht.

Nach Vaughan Williams, nach Dvořák, nach der Pause dann noch etwas von Schubert, die Große C-Dur-Symphonie eher nicht, denn die würde dann angesichts ihrer Ausmaße das Benefizkonzert in die Länge ziehen, eher wohl die lediglich zweisätzige, und allseits beliebt-bekannte, h-moll-Symphonie, also die „Unvollendete“. Franz Schubert wird auch am 20. November und am 23. November im Joseph-Keilberth-Saal der Konzerthalle Bamberg auf dem Programm stehen, seine Vierte Symphonie in c-moll vom April 1816, die vom Komponisten selbst im Manuskript so geheißene „Tragische“. (Tragisch ist die Vierte insofern, als Schubert hier innerhalb seines symphonischen Schaffens erstmals eine Molltonart verwendet und ihr ein romantischer Charakter innewohnt.) Auch das finale, im November in Bamberg erklingende Werk trägt einen sprechenden Namen. Es ist die „Pathétique“, Peter Tschaikowskys Sechste, in h-moll, op. 74.

Am Pult der Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie wird Gustavo Dudamel stehen, der seit dem Gewinn des ersten Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs 2004 eine atemberaubende Karriere hingelegt hat, die ihn zu den Wiener und zu den Berliner Philharmonikern und – als Chefdirigent und künstlerischer Leiter – zum Los Angeles Philharmonic (dessen Klasse sich unter anderem dadurch erweist, daß es ihm gelingt, Musiker der Berliner an den kalifornischen Klangkörper zu binden) geführt hat. Über das Orchester an der Regnitz sagt Dudamel: „Ich werde den Bamberger Symphonikern ewig dankbar sein. Ihre Professionalität, musikalische Integrität und diese besondere menschliche Wärme machen sie zu einem wahrhaft einzigartigen Ensemble.“

Dudamel dankt es den Symphonikern und dem Bamberger Publikum mit zwei Sonderkonzerten, deren Reinerlös (Karten kosten zwischen 75 und 30 Euro) der Förderung des musikalischen Nachwuchses und der Jugendarbeit des Orchesters zukommen soll. Davon, von musikalischer Nachwuchsarbeit (in Venezuela), kann auch Gustavo Dudamel ein Lied singen, in strahlendem A-Dur vermutlich. Wer keine Tickets mehr bekommt, kann sich trösten. Mit Mahlers Neunter. Die hat Dudamel bei der Deutsche Grammophon vor wenigen Monaten herausgebracht. Der Konzertmitschnitt aus der Disney Hall strahle, so schrieb die Los Angeles Times, nichts weniger als eine „außergewöhnliche Schönheit“ und ein „Gefühl von hingerissener Ehrfurcht“ aus. Und Dudamel sagt über diese Neunte, es handele sich dabei um eine ganz besondere Art von Musik, „atemberaubend, perfekt“. Sie verkörpere „Leben und Tod, Liebe und Furcht, Hoffnung und Verzweiflung“.

NB: Michels „Benefiz-Konzert“ ist entnommen der von dem Augsburger Germanisten Mathias Mayer 2011 beim Deutschen Taschenbuch Verlag herausgegebenen Anthologie Musikgedichte. Ein in seiner Auswahl und auch in der Aufmachung eher dürftiger Sammelband, den man nicht wirklich empfehlen kann. Und zwar nicht etwa, weil Dvořák falsch geschrieben wird. Es gibt da weit bessere Sammlungen von der Musik geltenden Gedichten. Auch deutschsprachige.

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