Autumn leaves, Herbstblätter. Ein Ausflug in die Welt des französischen Chanson, und eine Einladung, der grandiosen Stacey Kent zu lauschen. Auch im Konzert, an diesem Donnerstag, in der Münchner Unterfahrt.

Jardin d’hiver

Je voudrais du soleil vert
Des dentelles et des théières
Des photos de bord de mer
Dans mon jardin d’hiver.

Je voudrais de la lumière
Comme en Nouvelle Angleterre.
Je veux changer d’atmosphère
Dans mon jardin d’hiver.

Ta robe à fleur
Sous la pluie de novembre
Mes mains qui courent.
Je n’en peux plus de l’attendre.
Les années passent
Qu’il est loin l’âge tendre.
Nul ne peut nous entendre.

Je voudrais du Fred Astaire
Revoir un Latécoère.
Je voudrais toujours te plaire
Dans mon jardin d’hiver.

Je veux déjeuner par terre
Comme au long des golfes clairs.
T’embrasser les yeux ouverts
Dans mon jardin d’hiver.

Ta robe à fleur
Sous la pluie de novembre
Mes mains qui courent.
Je n’en peux plus de l’attendre.
Les années passent
Qu’il est loin l’âge tendre.
Nul ne peut nous entendre.

Benjamin Biolay / Keren Ann

Von Chrysostomos

Eine vielzitierte Volksweisheit unserer französischen Nachbarn lautet: „En France, tout finit par une chanson.“ Tatsächlich gehört das Chanson in Frankreich zu den Mythen der Alltagskultur, so wie beispielsweise auch die haute couture, so wie die „Ente“ (der 2 CV), wie Chanel No. 5, wie baguette und vin rouge und Gauloises, wie der Camembert, der Pernod, das Croissant, wie foie gras und Froschschenkel (cuisses de grenouille), wie Quiche Lorraine (auf die zuzubereiten sich meine Mutter bestens verstand; Lothringen lag ja ums Eck, und überhaupt war das Saarland ja auch einmal französisch gewesen, hatte der Onkel, der mir den Zauber der Sprache – auch der fremden – des Gedichts, der Musik, der Flora und Fauna, der Bilder von Paul Cézanne und Henri Matisse und Raoul Dufy eröffnete, an der Sorbonne studiert).

Das französische Chanson wartet mit einer ganzen Reihe von Spielarten und Varianten auf. Es gibt das chanson littéraire, poétique, politique, folklorique, auch das chanson populaire, engagée und commerciale. Topographisch verbunden ist das Chanson am ehesten mit Paris, wo 1888 die heilige Halle des Chanson eröffnet wurde : L’Olympia, die älteste Music-hall der französischen Kapitale. 1929 wurde das Olympia zum Lichtspiel umfunktioniert, ein Vierteljahrhundert hernach machte es neu als Music-hall auf. Als es 1993 einem Parkplatz weichen sollte, schaltete sich der damalige Kulturminister Jack Lang ein und erklärte es kurzerhand zum patrimonie culturel. Im Olympia treten die Stars und die Ikonen auf, die Legenden geben sich die Türklinke in die Hand.

Die Zeiten ändern sich, und das läßt sich eben auch an den verschiedenen Ausprägungen des Chanson ausmachen. Da sind zunächst Les années swing (1918 bis 1939), dann, von 1958 bis 1965, les années yé-yé (man imitierte die britische, die US-amerikanische Musik). Der rebellische Impetus des Mai 68 – Serge Reggiani, „Les loups sont entrés dans Paris“ – wirkte noch bis in die frühen Siebziger hinein, die geprägt waren vom populären Polit-Lied. Die Musik der Achtziger und Neunziger ist gekennzeichnet durch ein neues soziales Engagement, durch einen engagierten Humanismus. Die Association So en Si / Solidarité enfants Sida organisiert im Kampf gegen Aids Konzerte, gegen den Hunger in der Welt singen die Chanteurs sans frontières an, eine Initiative von Renaud und Valérie Lagrange, gegen Rassismus SOS racisme, etwa bei einem Großkonzert 1985. In jenem Jahr gründet der Komiker Coluche die Restos du cœur, die Restaurants du cœur, in welchen Bedürftige etwas zu essen und etwas zum anziehen bekommen. Jean-Jacques Goldman komponiert 1986 die Hymne der Restos, die Gruppe Les Enfoirés organisiert alljährlich Solidaritätskonzerte.

Rap, Reggae, Salsa und, aus Algerien, Rai bestimmen das Ende der Achtziger. Der Rap (CNTM, Assassin, Mc Solaar) wird zum Sprachrohr für den Zorn, für die Wut, für die Hoffnungen junger Immigrantenkinder. Es sind vor allem Nordafrikaner, die sich mit dem Rap identifizieren, der zum Symbol eines Ortes wird, der banlieue. Bekannte Sänger aus dem Maghreb sind Karim Kacel („Banlieue“, 1984), Rachid Taha, ein Franzose algerischer Herkunft, der mit seiner Gruppe Carte de Séjour der Antirassismus-Bewegung angehört, und Khaled („Aïcha“, 1996). Aus dem Kongo stammen die Eltern des Rappers Abd Al Malik, der 2006 mit „Gibraltar“ ein erfolgreiches Album vorlegt.

Um die Jahrtausendwende herum werden métissage (Mischung) und Nostalgie wichtig. Die multikulturelle Formation Zebda mischt Rai, Rock, Funk, Reggae und chanson française. Und die 1998 gegründete Band Dobacaracol (das sind Doriane Fabreg und Carole Facal) feiert 2004 mit dem Album „Soley“ Erfolge. Dobracaracol verbindet Tradition und Avantgarde, Frankreich und die Welt, klassisches Chanson, Afro-, Rock-, Pop- und Reggaerhythmen.

Wer nun zählt zu den ganz Großen des Chanson, zu den Ikonen, den Legenden? Zum Mythos geworden ist Joséphine Baker (1906 bis 1975). Nach Anfängen in Saint Louis und am Broadway kommt sie 1925 mit der Revue nègre nach Frankreich und macht skandalträchtig Furore. Durch Baker werden afroamerikanische Musik und Jazz in Europa bekannt. Zu ihren großen Liedern gehört „J’ai deux amours, mon pays et Paris“ von 1931.

Eine ganze Reihe von tubes, von Ohrwürmern, hat der „Spatz von Paris“ vorzuweisen, Edith Piaf: „La vie en rose“, „Milord“, „Je ne regrette rien“. Die Chansons der Piaf, 1915 bis 1963, handeln von Leid, von Schmerz, von unglücklicher, von unerfüllter Liebe. Gründervater, père fondateur, des modernen französischen Chanson ist Charles Trénet (1913 bis 2001), dessen Karriere in den dreißiger Jahren ihren Lauf nimmt. Unsterblich machen ihn „Douce France, cher pays de mon enfance“ von 1943 und, zwei Jahre hernach, „La Mer“. In den Fünfzigern wird Juliette Greco, Jahrgang 1927 (ihre Autobiographie ist vor einigen Monaten bei der Edition Elke Heidenreich erschienen und, mit Glück, in einem Bamberger Antiquariat zu finden), zur musikalischen Galionsfigur der Existentialisten. Der Rocker Johnny Halliday, 1943 geboren, so etwas wie die französische Antwort auf Peter Maffay, wird in den Sechzigern zum Idol der Jugendlichen.

Als enfant terrible gilt Boris Vian (1920 bis 1959), der mit seinen antibürgerlichen Chansons bei vielen Leuten auf Mißfallen stieß. Vian war Sänger, Jazztrompeter, Schauspieler, Übersetzer und Schriftsteller. Zur – zeitweise von offizieller Seite verbotenen – Hymne einer antimilitaristischen Jugend wird 1954 „Le Déserteur“:

Monsieur le Président,
Je vous fais une lettre
Que vous lirez peut-être
Si vous avez le temps. […]

Les guerres sont des bêtises,
Ma décision est prise,
Je m’en vais déserter.

Dreitagebart und Gauloises, daran konnte man Serge Gainsbourg (1928 bis 1991), der die musique provoc wie kein anderer verkörperte, erkennen. Der Star der französischen Popmusik assimilierte Jazz und Reggae. Berühmt machten ihn auch Lieder, die er für andere komponierte. Für France Gall schrieb Gainsbourg „Poupée de cire, poupée de son“, die damit 1965 den Prix Eurovision de la chanson gewann; für Brigitte Bardot „Bonnie and Clyde“ (1967); für Jane Birkin „69, année érotique“ (1968) und „Je t’aime, moi non plus“ (1969); für Catherine Deneuve schließlich, also für Luis Buñuels „Belle de jour“ von 1967 (Dank an Till Fellner für den Hinweis, die Erinnerung), schrieb Serge Gainsbourg 1980 „Dieu est un fumeur de havanes“. Als Gainsbourg im Jahr zuvor auf Jamaika das erste und das sechste Couplet der „Marseillaise“ in einer Reggae-Version aufnimmt, führt das zu einem Skandal. Sein Grab auf dem Friedhof Montparnasse wird so häufig besucht wie sonst nur die Gräber von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.

Ein Blick zurück noch in die Fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in die Blütezeit des chanson d’auteur. Die Fünfziger sind die Hochzeit des ACI, des auteur-compositeur-interprète in Personalunion. Und es sind die „trois B“, die die Musik der fünfziger und der sechziger Jahre bestimmen: Jacques Brel, Guy Béart und Georges Brassens. Brassens (1921 bis 1981) ist dem Anarchismus zugeneigt. In seinen Liedern attackiert er die Religion und die Heuchler, das Spießbürgertum. Mit „Le goville“ bezieht er 1953 Stellung gegen die Todesstrafe. Einige seiner Chansons sind volkstümlich geworden, etwa „Les amoureux des bancs publics“ (1953/54), „Chansons pour l’Auvergnat“ (1955), „Les copains d’abord“ (1964). Jacques Brel, der unermüdlich rauchende Belgier (aus der Gemeinde Schaerbeek, die zu Brüssel gehört, 1929 gebürtig; gestorben 1978 in Bobigny) ist unvergessen: „Ne me quitte pas“ (1959), ebenfalls 1959 „La valse à mille temps“, „Le plat pays“ (1962). Von Guy Béart, geboren 1930, stammt der Gassenhauer „Il n’y a plus d’après“ aus dem Jahre 1961.

Und „Jardin d’hiver“? Stacey Kent? Kent – in den Sechzigern in New Jersey geboren und dort und in Colorado aufgewachsen – wird an diesem Donnerstag in der Münchner Unterfahrt zu hören sein. Das sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen. Vermutlich wird sie überwiegend Standards von ihrer neuen, der brasilianischen Samba und Bossa nova verpflichteten CD präsentieren. 2010 herausgekommen ist die Silberscheibe „Raconte-moi“. Eine Hauptinspirationsquelle für „Raconte-moi“ rührt von dem unnachahmlichen Henri Salvador. Salvadors Erkennungsmelodie ist das von Benjamin Biolay und Keren Ann komponierte „Jardin d’hiver“.

Nachdem sich Kent und Salvador bei einer französischen Fernsehsendung begegnet waren und Alben ausgetauscht hatten, begann Stacey, die von „Jardin“ hingerissen war, das Chanson in ihr Repertoire aufzunehmen. So wie Kent den „Wintergarten“ singt, ist er ein Lied der Verführung, eine Einladung zu immerwährenden Freuden. Dies jedenfalls schreibt im Beiheft der CD Jake Lamar, der aus der Bronx stammende Romancier und Journalist, der seit zwei Jahrzehnten sein Zuhause in Paris hat. Kent wird von einem Ensemble exquisiter Musiker arg einfühlsam begleitet. Da ist ihr Mann, Jim Tomlinson, am Saxophon, Graham Harvey sitzt am Flügel, Jeremy Brown zupft den Kontrabaß, John Parricelli die Gitarren, Matt Skelton streicht in „Jardin d’hiver“ mit dem Besen über die kleine Trommel und schlägt sanft das Vibraphon (himmlisch: wie Kent, zum Ende hin, das Thema nochmals ohne Text, nur auf Silben, bringt, und hierzu dann das Vibraphon erklingt; freilich ist das Vibraphon schon von Anfang an mit langen Tönen im Hintergrund mit dabei).

Auch Kent lebt, wie Lamar sozusagen als „American in Paris“, zusammen mit ihrem Mann, der auch arrangiert und produziert, längst in Frankreich. Wenn man sie singen hört, wenn man hört, wie sie „Les vacances au bord de la mer“ interpretiert, wie sie „Au coin du monde“ macht oder eben „Jardin d’hiver“: man möchte nicht glauben, daß das Französische nicht ihre Muttersprache ist. Es war der Großvater väterlicherseits, in Rußland geboren, der Stacey in die französische Sprache einführte. Samuel hatte, nachdem er vor den Bolschewiken geflohen war, als junger Mann einige Jahre in Paris gelebt, ehe er seiner Verwandtschaft in die Vereinigten Staaten folgte. Samuel ließ sie Gedichte von Baudelaire aufsagen noch ehe Stacey alles, was sie da rezitierte, verstand. Und er spielte ihr Serge Gainsbourg vor.

Kent studierte, das lag nahe, Sprachen (neben dem Französischen noch Italienisch, Deutsch, Portugiesisch) und Komparatistik. Dann aber entschied sich Stacey, die sich 2009 über eine décoration des Arts et Lettres freuen konnte, doch für die Musik. „Die Aufnahme dieser CD führte mir wieder vor Augen, warum ich Musikerin geworden bin“, sagt Kent über „Raconte-moi“. Das kann ich gut nachvollziehen. Für mich ist „Raconte-moi“ – und insbesondere „Jardin d’hiver“ – die Entdeckung des Jahres. Und käme jetzt eine gute Fee, so eine, wie Stacey Kent es gewiß ist, und man hätte einen Wunsch frei, so wünschte ich mir den Besuch von Staceys Konzert an diesem Donnerstag in der Münchner Unterfahrt. Das mögen andere tun. Voll wird es gewiß. Und wunderschön. Ich werde dann einstweilen mal auf das Blumenkleid warten (und auf dessen Trägerin), im Novemberregen: „Ta robe à fleur / Sous la pluie de novembre“. Merci!

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