Das Größte, was Gustav Mahler je gemacht. Mit der Veröffentlichung der Sechsten und der Achten haben die Bamberger Symphoniker die Gesamteinspielung der Symphonien Mahlers abgeschlossen.

Von Musicouskuß

Ein vergleichbares Projekt kann selbst das Berliner Philharmonische Orchester, zumindest unter Sir Simon Rattle, nicht vorweisen: Die Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie haben alle vollendeten Symphonien Gustav Mahlers eingespielt. Wie bei so vielen Komponisten sind es neun geworden. Vom Adagio der Fragment geblieben Zehnten ist Chefdirigent Jonathan Nott not amused und hat folglich davon abgesehen, es auf CD festzuhalten. Der Engländer, Jahrgang 1962, hat sich im Laufe der fast eine Dekade währenden intensiven Beschäftigung mit dem Zyklus fraglos zu einem der führenden Mahler-Deuter seiner Generation entwickelt. Auch wenn er als Gast außerhalb Bambergs dirigiert, setzt Nott oft Mahler auf das Programm, beispielsweise die Neunte, die er vor einigen Monaten mit der Jungen Deutschen Philharmonie, deren designierter künstlerischer Leiter er ist, gemacht hat.

Erstmals begegnet ist Nott Mahlers Musik dort, wo er aufgewachsen ist, in den Midlands: „Ich war acht Jahre alt und sang in der Kathedrale von Worcester. Es war Mahlers Achte und ich war im Knabenchor.“ Mit der Achten hat Nott nun den in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk und dem Zürcher Label Tudor entstandenen Zyklus, von dem manche Einzelaufnahmen international angesehene Preise eingefahren haben, abgeschlossen.

Opulent besetzt ist sie, diese Achte: zwei große gemischte Chöre (der der Tschechischen Philharmonie Brünn, der der Bamberger Symphoniker), Knabenchor (die Windsbacher, einstudiert noch von Karl-Friedrich Beringer), acht Solisten (darunter Lioba Braun, Alt, Michael Nagy, Bariton, Albert Dohmen, Bassbariton), sechs Klarinetten, fünf Fagotte, dazu Celesta, Klavier, Harmonium, Orgel, Mandoline, reichlich Schlagwerk und ein isoliert postiertes Fernorchester. Neben Schönbergs „Gurre-Liedern“, sagt der Produzent Wolfgang Graul vom BR, sei das die größte Herausforderung, vor die ihn sein Beruf stelle. Und wie Graul ist auch Wladek Glowacz von Tudor dankbar für die tolle Kooperation zwischen Plattenlabel, Sendeanstalt und Orchester. Diese „einmalige Partnerschaft“ habe mit dem Mahler-Zyklus eine „wegweisende künstlerische Leistung“ erbracht, die auf Jahre hinaus weltweit nichts von ihrer Ausstrahlung verlieren werde.

Auch wenn so ein Monumentalwerk – Mahler sprach vom Größten, was er je gemacht (und Alma, die Unersättliche, nutzte die dazu nötigen Proben, ihren Mann mit Walter Gropius zu hintergehen) – gerade im Konzertsaal zu einem unvergeßlichen Erlebnis wird, sei es für Stefan Zweig und Thomas Mann bei der Münchner Uraufführung im September 1910, sei es bei der Bamberger Mahler-Biennale im Keilberth-Saal: das so gar nicht Unzulängliche, hier wird’s Ereignis, zwischen dem Eros, Caritas und Agape feiernden Hymnus „Veni, creator spiritus“ und dem Schluß aus „Faust II“, eben auch auf CD! Fast eine halbe Stunde lang wurde Mahler damals in München, auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Dirigent wie Komponist, gefeiert, auch die 300 Kinder „rannten von allen Seiten auf den ganz hilflosen Sieger zu, reichten ihm Blumen, klammerten sich an seine Hände“. Welche Akkoladen der Bamberger Achten, auch im Vergleich zu der mit dem Tonhalle-Orchester oder der mit dem Kölner Gürzenich, noch zuteil werden werden, bleibt abzuwarten.

Und die Sechste? Nott, der „Mahler als Person nie aus seiner Musik herauslösen“ kann und im Gespräch mit Wolfgang Schaufler über die „Tragische“ sagt, Mahler habe in den Bergen „die Welt und die Luft anders“ wahrgenommen und „hier eine Art Himmel für sich“ gefunden, Nott ist es vor allem um eine „kantable Linie“ zu tun. Das gelingt zumal im Andante moderato, man höre nur die zart-ausdrucksvollen Geigen zu Beginn, die Fortführung im hohen Holz und, superb, im Solo-Horn. „Tausend Sprühteufelchen blitzen auf in dieser Partitur“, die eine „Fülle zartester Klangschönheiten“ berge, schrieb ein Kritiker nach der Essener Uraufführung 1906. Nott und seine splendide aufgelegten Symphoniker machen sie hörbar, die Teufelchen wie die Schönheiten, von Piccolohöhen (Ursula Haeggblom) bis, immer wieder, hinab in tiefste Tubatiefen (großartig: Heiko Triebener). Es singt sich aus.

NB: Die Nott-Zitate sind entnommen Wolfgang Schaufler (Hrsg.), Gustav Mahler. Dirigenten im Gespräch. Wien: Universal Edition, 2013.

NBB: Empfohlen sei außerdem noch die Lektüre von Leon Botstein, Von Beethoven zu Berg. Das Gedächtnis der Moderne (Wien: Zsolnay, 2013). Botstein zählte, if memory serves me right, 2004 zu den Juroren des ersten Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs der Bamberger Symphoniker, den Gustavo Dudamel gewann. Botstein schreibt: die „Auseinandersetzung mit dem vielgestaltigen Musikleben in Wien von der Mitte des 18. Jahrhunderts“, über Grillparzers Spielmann bis zu den Uraufführungen der Werke Schönbergs, zu Křeneks Jonny spielt auf und Bergs Violinkonzert sei „essenziell für das Verständnis Österreichs und des europäischen 19. Jahrhunderts und in gewissem Sinne auch für das des Charakters und Selbstverständnisses des heutigen Wien“.

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