TAXI NACH MÄHREN, oder: Mähren mehren. Mit Vítězslav Nezval bei der Weinlese. Im Mährischen. Und einer Stippvisite bei Reiner Kunze und Harald Grill, im Niederbayerischen.

Weinlese

Trommelnd die Winzer in den Bergen
Traube Sternstaub
unter den Lichtern über die Straßen
in den Bergen die Winzer die Winzer
Nacht Tamburin Nacht Schachspiel der Sterne

Vítězslav Nezval (aus dem Tschechischen von Peter Demetz)

Von Chrysostomos

Das bereits am vergangenen Dienstag, als es um Ringelnatz ging, hier erwähnte Museum der modernen Poesie – herausgegeben hat es, im frühen Herbst 1960, der damals gerade einmal dreißig-, fast einunddreißigjährige Hans Magnus Enzensberger – stellt Gedichte aus aus den Jahren 1910 bis 1945, aus nicht weniger als sechzehn Sprachen, immer im Original und immer, sollte dieses nicht in der deutschen Sprache stehen, mit einer Übertragung des Originals. Es fehlen Texte in japanischer (weil sie nicht angemessen übersetzt werden konnten), in hebräischer, rumänischer und, leider, finnischer Sprache. Es fehlen große Teile Afrikas und Asiens. Das habe, wie Enzensberger im Nachwort schreibt, „seinen vornehmsten Grund“ darin, daß die „Entfaltung der poetischen Weltsprache, die sich in jenen fünfunddreißig Jahren konstituiert hat, […] mit der Entfaltung der gesellschaftlichen Produktivkräfte überhaupt Schritt hält“. Ihre Zentren seien mithin mit den Zentren der technischen Zivilisation identisch, die die fehlenden Sprachen und Länder „zumeist erst in der Zeit nach 1945 und zum Teil bis heute“ – das Nachwort ist datiert auf den Juni 1960 – „noch nicht erreicht“ habe.

Zu der Frage, was denn eine (gelungene) Lyrikübertragung sei, schreibt Enzensberger: „Was nicht selber Poesie ist, kann nicht Übersetzung von Poesie sein. Der sie unternimmt, muß verfügen nicht nur über die Sprache, aus der, sondern auch über die Sprache, in die er übersetzen will.“ Genauso ist es, bravo, bravissimo! Und insofern wundert es nicht, daß an den „Vorarbeiten für dieses Museum […] fast alle bedeutenden poetischen Begabungen, die es zur Stunde in Deutschland gibt, freundlich teilgenommen“ haben. Enzensberger himself natürlich, der sich selbst ebenso natürlich nicht nennt, und: Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Erich Fried, Helmut Heißenbüttel, Stephan Hermlin, Marie Luise Kaschnitz, Karl Krolow und Nelly Sachs.

Oktober, da jagt in Bamberg ein Bockbieranstich den anderen. Etwas weiter mainabwärts, beispielsweise in Sand, öffnen die Heckenwirtschaften, man trinkt einen Schoppen frühen Weines, lacht, plaudert, nippt wieder am Glas, unterhält sich weiter, stimmt womöglich ein Lied an, und darauf trinkt man dann einen zweiten Schoppen. Gelesen wurden die Trauben bereits vor einigen Wochen. In den Bergen, sagen wir: Hügeln, um das mährische Mikulov etwa beginnt man mit der Weinlese oft schon im August.

Vítězslav Nezval, der aus Mähren kommt (anders als Gustav Mahler, wiewohl das oft behauptet wird; der ist dort, in Iglau, aufgewachsen, aber im Böhmischen geboren), hat den Winzern und dem, was sie da tun, in den Weinbergen um Mikulov herum, ein schönes Gedicht gewidmet. Nezval ist 1900 in Biskupovice bei Třebíč geboren und kurz vor seinem Achtundfünfzigsten in Prag verstorben. Er gehörte, wie beispielsweise auch der ein Jahr jüngere Nobelpreisträger von 1984, Jaroslav Seifert, der Avantgarde an und innerhalb dieser zunächst dem Poetismus, in dessen Zentrum wiederum die im Oktober 1920 gegründete Prager Gruppe „Devĕtsil“ (also: Pestwurz) stand. Der spielerisch-verspielte Poetismus zielte auf eine universale Poesie ab, die sich aus der hohen Literatur und Kunst genauso speiste wie aus der naiven Malerei, aus dem Film und der Photographie genauso wie aus Varieté und Zirkus (erinnert sei an Nezvals Gedichtband Akrobat, 1927) und – auch – aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds.

Der führende Theoretiker dieser spezifisch tschechischen Avantgarderichtung war Karel Teige (1900 bis 1951). In dessen Manifesty poetismu (1928) heißt es fordernd: „Machen wir unser Leben zu einem gut organisierten und erlebten Gedicht.“ Und weiter: „Das Glück der Poesie entsteht aus dem Einklang aller Sinne.“ Die Philosophie des Poetismus begreift Teige zufolge Leben und Werk nicht als zwei verschiedene Dinge. Teige versteht den Poetismus auch als „Kunst zu leben und zu genießen“. Sind wir nicht alle ein bißchen Hedonisten, oder möchten es zumindest gern sein dürfen? Fortgeführt wurde der Poetismus von der Prager Surrealistischen Gruppe Nezvals. 1935 veröffentlichte die Gruppe unter Mitarbeit von André Breton und Paul Éluard das Bulletin international du surréalsime.

Nezval hat neben Gedichten – darunter etliche Sonette und Balladen – auch Theaterstücke, Essays, Prosaarbeiten, Memoiren und Kinderbücher vorgelegt. Er lebte einige Zeit in Paris, übersetzte Rimbaud, Mallarmé, Appolinaire, die Surrealisten und aus dem Englischen. Er muß fleißig gewesen sein, denn seine Werkausgabe kommt auf 38 Bände.

Gegen null gehen, was sehr bedauerlich ist, meine Kenntnisse des Tschechischen. Ja, ich weiß, weil 2004 eine Österreicherin mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, was kleiner Hirsch heißt; und weil ich einmal Klavier spielte und mich mit Etüden zu plagen hatte, weiß ich, was schwarz heißt; und weil ich nicht nur „Die Moldau“ mag sondern den kompletten Zyklus, weiß ich weiters, was „Mein Vaterland“ heißt. Und der Name dessen, der es komponiert hat, bedeutet Butter, oder Schmand, oder Sahne, jedenfalls so etwas in der Art. Ich sagte schon: sie gehen gegen Null, meine Tschechischkenntnisse. Aber was danke heißt, das weiß ich noch. Weil Lisa es mir, als wir in der Nähe von Mikulov am Stausee zelteten, mit dickem Filzstift auf das Kopfkissen geschrieben hat.

Es war, als wir dort waren, im Mährischen, vor zwei Jahren, in den Spätaugust- und Frühseptembertagen, die Zeit der Weinlese, teils sogar schon etwas darüber hinaus. Denn wir konnten schon den ersten Sauser (wir hatten ihn, aus Mikulov zurückkommend, am rechten Straßenrand für einen Apfel und ein Ei erstanden) kosten. Aber es war nicht der Sauser, der uns näherbrachte, zusammenwachsen ließ. Es waren eher die Abende am See, „Sternstaub“ im Blick und das „Schachspiel der Sterne“. Wie auch immer. Was auch immer.

Auch ohne Tschechisch zu können (unten folgt das Original), wird man sich herleiten können, daß „vin“ die Wurzel für Wein, Winzer, Weinberge ist; daß „lampiony“ irgendetwas mit Lampion zu tun hat, mit Licht; daß „tamburina“ Tamburin heißen muß, und „noc“ vermutlich „Nacht“. Und man sieht auch, daß bei Nezval dieses „noc“ dreimal auf das Tamburin schlägt, in der Übertragung von Demetz hingegen nur zweimal. Schließlich kann man dem Reimschema folgen, das Demetz völlig unter den Schreibtisch hat fallen lassen. Sei’s drum.

NB: Hier noch Nezvals „Weinlese“ in der Originalfassung –

Vinobraní

Vinaři bubnují na vinicích
a s hroznů padá hvězdný prach
pod lampiony po silnicích
vinaři vinaři na vinicích
noc tamburina noc noc hvězdný šach

NBB: Peter Demetz, der neben vielen anderen tschechischen Autoren auch Nezval ins Deutsche gebracht hat, zählt zu den ganz großen Literaturwissenschaftlern und -kritikern. Geboren in Prag im annus mirabilis der Literatur der Moderne, als in Paris zum Vierzigsten von James Joyce der Ulysses erschien, in London The Waste Land von T. S. Eliot, als Rilke an den Duineser Elegien und an den Sonetten an Orpheus saß, also 1922. Er studierte in seiner Heimatstadt und an der Yale University in New Haven, wo er bald eine Professur für Vergleichende Literaturwissenschaft innehatte. Seit 1974 – bis heute – schreibt er für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (mithin für das, nach der Neuen Zürcher, mir liebste Blatt). In Klagenfurt saß er lange Jahre in der Jury des Bachmann-Wettbewerbs, deren Vorsitzender er bisweilen war.

NBBB: Ohne Frau B., ohne Lisa, wäre dieser Kommentar nicht entstanden. Sie ist mit ihm so innig verbunden wie mit mir, also sei er ihr von Herzen gewidmet. So schön, schön war die Zeit. Und auch sie. Blonde was, and probably still is, the colour of my true love’s hair.

Ein Letztes: „Mähren mehren“, und auch das „TAXI“ (es hing, in dicken, fetten, orangefarbenen Lettern an meiner Haustür, als wir uns so gut wie noch gar nicht kannten), das sind Lisas Worte, Desiderata. Sie hatte eine poetische Ader, wie sonst könnte sie einen Brief mit „In Vermissung“ schließen. Diese ihre Nähe zur Poesie darf nicht verwundern. Reiner Kunze, einer der bedeutendsten Lyriker hierzulande und heutzutage (er übersetzt auch aus dem Tschechischen), lebt fast bei ihr ums Eck. Und von Kunzes Malerfreund, dem Tierbildhauer Heinz Theuerjahr, schmückt eine feine Arbeit ihr, die sich mit Kunzes Frau den Vornamen teilt, Wohnspeisezimmer. Und wenn man nur Sonette zu schreiben verstünde, könnte man ihr ein Akrostichon-Sonett auf den himmlisch schönen Leib schreiben. Ihr Vor- (nicht in der Kurzkoseform) und ihr Nachname ergeben nämlich zusammen just vierzehn Buchstaben. Sodann ist sie dort geboren, wo auch Harald Grill geboren worden ist, der bist vor kurzem noch Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia gewesen ist und dessen Lyrik und Prosa mich seit Jahren schon begleiten, so wie es die Konzerte und Aufnahmen der Berliner Philharmoniker seit Dekaden bereits tun. Auch deren Baßklarinettist, Manfred Preis, teilt sich mit Lisa den Geburtsort. Zuletzt stammt von dort auch die Bamberger Künstlerin Judith Siedersberger. Mit der, nebenbei, Lisa in den Kindergarten und auf die Grundschule ging, auf genau die, wo sie, Lisa, heute noch unterrichtet. Tja, und weil es ja eine wirklich kleine Welt ist (Small World, 1984, ein sehr amüsanter Campusroman von David Lodge), war ein Bamberger Lehrstuhlinhaber (dessen Familienname, wie könnte es anders sein, aus dem Tschechischen kommt), wenn nicht mein bester Freund, so doch derjenige, den ich von den Bambergern am längsten kenne, zu Lisas Hochzeit eingeladen. Alles nur Zufall, oder manifest destiny?

Ein Allerletztes: Mähren mehren? Wenn Du magst – wir könnten, wir können noch immer. In Vermissung, in love.

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