Das achtjährige Gymnasium – ein fehlgeschlagenes Experiment

Buchvorstellung und lebhafte Diskussion im „Collibri“

Die Buchhandlung Collibri in Bamberg hatte am Donnerstag, den 17.10.2013 zu einer Veranstaltung zu einem aktuellen Thema geladen. Rupert Appeltshauser stellte ein Buch vor, das im Erich-Weiß-Verlag in Bamberg erschienen ist unter dem Titel „Augen zu und durch? Das achtjährige Gymnasium und die Folgen – eine persönliche Bilanz“.

Der Autor weiß, wovon der spricht. Er hat in beiden gymnasialen Schulformen unterrichtet, die Einführung des G8 als Fachbetreuer für Englisch und Geschichte intensiv begleitet und war vor seiner Pensionierung im Jahre 2011 sowohl im neunjährigen als auch im achtjährigen Gymnasium als Kursleiter und Prüfer eingesetzt.

„Manche mögen meinen“, so Appeltshauser, „das Problem G8 sei mit der Wahlentscheidung vom September vorerst vom Tisch. Dem ist aber nicht so. Die erschreckend hohe Quote an Studienabbrechern wird weiter steigen und immer mehr junge Leute, die mit schnellem Schul- und Studienabschluss auf den Arbeitsmarkt drängen, werden merken, dass sie mit dem, was sie gelernt haben, eigentlich keiner so richtig brauchen kann.“

Denn – so lautet eine der Kernthesen des Buches – entgegen offiziellen Verlautbarungen löse das achtjährige Gymnasium den Anspruch einer guten Vorbereitung auf Studium und Beruf in keiner Weise ein. Mit der erhöhten Stundenzahl und dem größeren Organisationsaufwand entstehe eine vielfach untragbare Mehrbelastung von Schülern und Lehrern, ohne dass damit eine positive Auswirkung auf das Leistungsniveau oder die Studierfähigkeit verbunden sei. „Es geht nicht um die schnelle Aneignung von Fakten, Verständniswissen und Persönlichkeitsbildung brauchen Zeit, die unter den neuen Gegebenheiten einfach fehlt.“

In solchen Aussagen liege keine Pauschalkritik am Schulsystem insgesamt, es seien in den letzten Jahren auch durchaus positive Entwicklungen zu verzeichnen wie die größere Bedeutung der Mündlichkeit im Unterricht oder die Hervorhebung von Kernkompetenzen. Reformansätze dieser Art würden oft als ein Verdienst des G8 hingestellt. „In Wirklichkeit haben sie damit überhaupt nichts zu tun, sie waren schon lange überfällig. Der im G8 vorprogrammierte Zeitmangel ist eher geeignet, ihr Gelingen zu verhindern als zu fördern.“

Da das G8 zur „Staatsdoktrin“ erklärt wurde, bliebe nichts anderes übrig, als dessen Erfolg schön zu reden, wenn nicht gar schön zu biegen. Dies könne durch offene Manipulation geschehen wie im Jahre 2011 durch die Änderung der Prüfungsbedingungen im laufenden Abiturverfahren. Oft gebiete es aber allein die Verantwortung gegenüber den Schülerinnen und Schülern, größere Milde walten zu lassen: „Auch Abiturientinnen und Abiturienten des G8 können z.B. in einer Kolloquiumsprüfung zum Thema „Amerikanische Wertvorstellungen“ den Slogan „from rags to riches – vom Tellerwäscher zum Millionär“ ganz artig in englischer Sprache erklären. Ich würde mich als Prüfer jedoch hüten, sie in diesem Zusammenhang danach zu fragen, weshalb Präsident Obama so große Schwierigkeiten mit der Gesundheitsreform in seinem Lande hat. Fragen dieser Kategorie waren früher gang und gäbe, jetzt aber kann ich so etwas den armen Opfern doch nicht mehr antun. Natürlich im Wissen, dass damit die Notenbilanz im Vergleich zum G9 gleich bleibt und dies vom Kultusministerium nach außen als Erfolg verkündet wird.“

Auch handle es sich bei den so genannten neuen Kompetenzen oft nur um Schein- und Formalkompetenzen mit dem Ziel, Leistungsdefizite mit hochtrabender Begrifflichkeit zu verschleiern. „Ein ‚kompetenzorientierte‘ Musteraufgabe im Fach Sozialkunde, in welcher die Parteien im Fünfparteiensystem nur noch mit einer Buchstabenfolge von A bis E bezeichnet sind, hat mit einem inhaltlichen Verständnis von Politik nichts mehr zu tun!“

Was bleibt zu tun? Der Autor plädiert für mehr Zeit im Sinne des auf Humboldt zurückgehenden Begriffs der Persönlichkeitsbildung und Selbstverantwortung: „Die Schule muss junge Menschen befähigen, nicht nur unter vorgegebenen Zielsetzungen effektiv zu handeln, sondern auch deren Sinnhaftigkeit zu reflektieren.“

Ein wesentlicher Aspekt der folgenden Debatte waren die Auswirkungen der G8- Reformen auf andere Bildungsbereiche wie Grundschule oder Hochschule. Eine hastige Rückkehr zum G9 wurde ausgeschlossen. Über die Notwendigkeit von Wahlmöglichkeiten wie sie z.B. das Modell einer „Oberstufe der zwei Geschwindigkeiten“ bieten würde, herrschte jedoch Konsens.

Rupert Appeltshauser:
Augen zu und durch? Das achtjährige Gymnasium und die Folgen – eine persönliche Bilanz.
144 S., 7 Abb., 14,5 x 21 cm, Broschur, ISBN: 978-3-940821-26-3,
Erich Weiß Verlag, Preis: € 9,-

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