Ein Sommerkunstlied, oder: Vom Jandln und vom Varijandln. Auf Ernst Jandl zu und von Ernst Jandl weg.

sommerlied

wir sind die menschen auf den wiesen
bald sind wir die menschen unter den wiesen
und werden wiesen, und werden wald
das wird ein heiterer landaufenthalt

Ernst Jandl

Von Chrysostomos

Bekanntlich bestätigen Ausnahmen die Regel. So soll also, ganz leger, hier ein weiteres Mal auf Ernst Jandl aufmerksam gemacht werden, der innerhalb dieser inzwischen losen (aber auch und gerade das kommt, so hört man, gut an) Kolumne bereits am 2. Januar vorgestellt wurde. Jandl aber ist auch dreizehn Jahre nach seinem Tod im Juni 2000 noch derart gegenwärtig in der deutschsprachigen Lyrik – und sowieso für diese von eminenter Wichtigkeit – daß er als bislang erster und somit einziger hier zum zweiten Male Platz finden soll.

In der Lyrik seiner jahrzehntelangen Lebenspartnerin Friederike Mayröcker, Jahrgang 1924, in deren Wiener Werkstatt nach wie vor Tag für Tag und Nacht um Nacht genau datierte und häufig mit Widmungen versehene Gedichte und Prosaminiaturen entstehen, ist der Verstorbene und die Trauer um seinen Verlust nahezu ubiquitär, ist Tod ein Thema. Ganz so wie, überraschenderweise, in des Dahingegangenen „sommerlied“.

Denkt man an Lied, an Lieder, dann mag sich ja durchaus auch eine düstere Stimmung einstellen. Ist dem so, so stehen sie meist in Moll, handeln eben vom Verlust des oder der Herzliebsten („Mein Herz ist traurig, weil es dich verloren hat“, singt Alexandra in „Grau zieht der Nebel“) oder gar des Kindes („Tears in Heaven“), der Kinder (Friedrich Rückert, „Kindertodtenlieder“; Luise starb Ende Dezember 1833, Ernst Mitte Januar 1834, beide an Scharlach; Hans Wollschläger galten diese insgesamt 428 Gedichte, die Rückert unter dem Eindruck des Verlustes der Kinder schrieb, als „größte Totenklage der Weltliteratur“; Wollschläger war auch ein Mahler-Mann, so sehr, daß er sich mit ihm den Todestag teilt, und noch ehe die Diphtherie im Sommer 1907 Gustav Mahlers geliebte Tochter Maria holte, hatte er, nämlich 1905, seine Auswahl an „Kindertotenliedern“ nach Rückert komponiert, was ihm später Almas Vorwurf einbringen sollte, er, Gustav, habe Marias Tod musikalisch vorweggenommen, ja heraufbeschwört).

Mit Sommer aber verbinden sich doch wohl eher positive Assoziationen, da stellen sich Gedanken ein an die Farbe Azur, auch an ein prächtiges Grün der Wiesen, an Sonne, Strand und Meer, an Frauen in lichtleichten Kleidern mit Blumenmustern, vielleicht auch an ein – wie metaphorisch auch immer geratenes – „Bett im Kornfeld“, das mit der Liebsten dann zu teilen wäre. Ernst Jandl allerdings, der wahrlich nicht immer guter Dinge war, den Depressionen heimsuchten, gelingt es, in diesen anfangs heiteren, grünen, vier Verszeilen währenden Wiesensommer hinein den Tod zu locken. Freund Hein, nicht Heine. Unter den Wiesen, unter dem palindromisch genommenen Gras also wird bald ein Sarg liegen. Es ist der unsere, so scheint es. Aber das Leben geht weiter, denn wir „werden wiesen“, wieder, „und werden wald“. Also doch „ein heiterer landaufenthalt“?

Sommers finden in Neuberg an der Mürz zum Gedenken an den großen Lyriker und Vorleser, den Übersetzer und Hörspielautor seit 2001 zweijährlich die Ernst-Jandl-Tage statt. Heuer lasen dort neben den Altmeistern Friederike Mayröcker und Alfred Kolleritsch beispielsweise Ulrike Draesner, Ann Cotten und Oswald Egger; auch Olga Martynova und Oleg Jurjew, derzeit Bewohner der Villa Concordia in Bamberg, waren zu Gast. Ein ganz wunderbarer Band ist in Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren, die vor vier Jahren in Neuberg waren, zustande gekommen. Sie wurden gebeten, auf ein Gedicht Jandls mit einem eigenen Beitrag zu reagieren. Das mochte ein varijandlndes Poem sein, ein ergänzender oder erhellender Kommentar, eine Graphik. Ernest Wichner (auch er war bereits in der Villa Concordia zugegen, als Übersetzer und Rezitator) machte mit, Ferdinand Schmatz, Ulf Stolterfoth natürlich, auch Klaus Reichert und die, die inzwischen selbst unter den Wiesen liegen: Elfriede Gerstl, Thomas Kling, Jörg Drews.

Wobei mir eben, beim korrigierenden Lesen, noch auf- und einfällt, daß Kling natürlich länger schon tot ist, mithin 2009 nicht in Neuberg gewesen sein kann. Eine Ausnahme. Warum nicht. Klings „TIROLTYROL“-Zyklus jedenfalls spiegelt treffend den zweiteiligen todessatten Auszug aus Jandls „villgratener texten“. Klings Klang-Gedichte sind oft ohne Jandl und, mehr noch, Mayröcker nicht zu denken. Und als ich an einem Frühjahrsabend 2005 im Radio von Klings Tod erfuhr, glaubte ich, er war noch jung, zunächst an einen Aprilscherz (geboren ist er im Juni 1957 in Bingen, verstorben am 1. April).

Franz Josef Czernin etwa stellt in dem in Wien bei Czernin – wie der (ein Jahr nach Kling verstorbene) Verlagsgründer Hubertus Czernin entstammt auch der Theoretiker, Kritiker, Übersetzer, Lyriker Franz Josef dem böhmischen Uradelsgeschlecht) erschienenen, fein aufgemachten Hommage-Band Jandls „anders“ („mir ist so anders / als mir war / als mir noch nicht / so anders war“) Reflexionen „Zur Dichtung Ernst Jandls“ gegenüber. Jandl, sagt Czernin, untersuche seinen Umgang mit der uns allen gemeinsamen Sprache, diese dabei bestimmten poetischen Spielregeln aussetzend, ob sie nun durch die Tradition vorgegeben oder selbst erfunden seien. In seinem Schreiben bringe Jandl auch den „schonungslos-nüchternen Umgang mit sich“ ins poetische Spiel, „ja, eigentlich mit uns selbst, mit unserem Ausgeliefertsein an psychisches Elend, an Trauer und Verzweiflung, an Verfall, Sterben und Tod“. Darauf jetzt ein „sommerlied“. Bitte im tutti, und auf korrekte Intonation achten.

NB: Jandl&Co. lesen kann man in in dem von Reinhard Urbach edierten Band Von Jandl weg auf Jandl zu. 47 Begegnungen und Überlegungen. Wien: Czernin, 2009.

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