Die (Neue) Musik kommt! Von Tangos und Mutanten im Gedicht und im Konzert.

Geburtsstunde des Tangos

Zwei Böen balgen sich
um einen Papiergeldfetzen
Eine kommt vom La Plata
die andere
……..ausatmend
aus einer Ziehharmonika

Hühnerhof bedeutet hier zugleich
Frauenrock (und wirklich
es gackert und gackert
unter den Matrosenhänden)

HansJürgen Heise

Von Chrysostomos

Er ist viel herumgekommen, dieser unter dem Pseudonym Heise – geboren wurde er als Hans-Jürgen Scheller im Sommer 1930 im pommerschen Bublitz – publizierende Autor. Von Kiel aus, wo er seit über fünf Jahrzehnten zuhause ist, macht er sich immer wieder hinaus in die weite Welt. 1968 bereist Heise erstmals Spanien, wo er sich gemeinsam mit seiner zweiten Frau, der Schriftstellerin Annemarie Zornack, auf die Lebens- und Todesspuren Federico García Lorcas begibt. Nach Lateinamerika geht es 1976 (Mexiko, Costa Rica). Die Einladung Helmut Kohls, ihn 1984 auf einem Staatsbesuch nach Argentinien zu begleiten, lehnt Heise ab.

Vor allem ist es die hispanische (Geistes-)Welt, an der der Aficionado Heise brennenden Gefallen findet. Dem Iberischen von beiden Ufern des Atlantiks hat er Essays gewidmet, beispielsweise der Kunst Picassos und Dalís, oder dem „Lehrling von Vulkanen“, also Pablo Neruda. Auch Fernando Pessoa, Jorge Luis Borges und Octavio Paz nimmt er in den Blick. Neben poetologischen Essays ist es vor allem die Lyrik, mit der sich Heise einen Namen gemacht hat.

1961 erschien im Limes Verlag sein Debüt, Vorboten einer neuen Steppe, dessen Titel schon erahnen läßt, daß Heises zivilisationskritisches Augenmerk der bedrohten oder gar zerstörten Umwelt gilt. Fast ein halbes Hundert Bücher, in der Mehrzahl Gedichtbände, folgten seither, und Heise schreibt noch immer. Sein Schaffen hat in einer sechsbändigen Auswahl der Göttinger Wallstein Verlag veröffentlicht, die vor fünf Jahren ihren Abschluß fand. Im Jahr darauf schickte sich Heise an, seine Gedichte auch im Internet zugänglich zu machen und publiziert seither bei http://www.fixpoetry.com, einem von der gebürtigen Würzburgerin Julietta Fix initiierten Lyrikportal, das sich, auch in gedruckten Editionen, vor allem der zeitgenössischen Lyrik verschrieben hat.

Seinem Gedicht über die „Geburtsstunde des Tangos“, das durch die Einrückung der fünften Verszeile sehr schön die Ziehharmonika, oder das vom Krefelder Heinrich Band entwickelte Bandoneon, auch bildlich in den Text holt, hat Hans-Jürgen Heise folgende Notiz an die Seite gestellt: „Der Tango entstand 1890 in der Bordell- und Kaschemmenwelt des Hafens von Buenos Aires.“ Für den Tango Argentino stehen Namen wie Carlos Gardel und Astor Piazzolla.

Daß Tangos noch im Hier und Jetzt geschrieben werden, läßt sich an diesem Samstag im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia erleben. Beim Eröffnungsabend der 14. Tage der Neuen Musik Bamberg mit Kammermusik, mit Podiumsgesprächen und mit einem Sektempfang erklingen auch „Vier Tangomutanten“, die Viera Janárčeková im vergangenen Jahr für Violoncello und Akkordeon geschrieben hat. „Kulturelle Wurzeln“ heißt das Motto des diesjährigen Festivals, in dessen Zentrum neben Janárčeková auch der Jubilar Horst Lohse und der in New York lebende Chinese Huang Ruo stehen. Näheres im Netz hier.

Und weil es so gut paßt, weil in Viera Janárčekovás „Tangomutanten“ eben auch ein Cello (Bianca Breitfeld) mitmischt, soll hier noch ein Gedicht von Annemarie Zornack, die seit einem halben Jahrhundert mit Hans-Jürgen Heise verheiratet ist, folgen:

cello

die augen geschlossen
den hals gebogen
lauscht sie
in ihr instrument

beifall
ich erschrecke

hat sie
schon gespielt?

Annemarie Zornack

NB: In dem Band Eingeholte Jahreszeit. Gesammelte Gedichte und Prosa (Kiel: Neuer Malik Verlag, 1991) kann man, auf Seite 319, Zornacks Poem nachlesen.

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