Bamberg im Gedicht, zum Ersten. Ein Spaziergang durch den Hain. Mit dem Memmelsdorfer Gerd Groß.

Publikumssuche

wie zufällig
ziehe ich das Papier aus der Tasche
das ist eine gute Gelegenheit so
auf den kleinen steinernen Bänkchen
nicht nur vorm Regen geschützt im Halbdunkel

am E.T.A.-Hoffmann-Denkmal kamen wir vorbei
der ging hier auch spazieren und
traf den sprechenden Hund Berganza
der hat ihm so manches erzählt
was ich nicht höre

dafür ist die Stimmung gut
sie mindert die Verletzungsgefahr
wenn ich zittrig im Druidentempel vorlese
was ich gedacht habe über die Sirenen
gestern beim Probealarm

Gerd Groß

Von Chrysostomos

Stefan George, Günter Eich, W. G. Sebald, Gerald Zschorsch – sie alle, und noch viele andere mehr, haben sich von der Geschichte, von den Eigentümlichkeiten (etwa Eich vom Rauchbier), von der Schönheit Bambergs zu Gedichten anregen lassen. Gerd Groß soll zu einer losen, immerfort zu erweiternden Reihe den Auftakt machen.

Groß ist gebürtiger Bamberger, Jahrgang 1948, in der Domstadt aufgewachsen und hat sie auch zum Studium (der Germanistik, der Geschichte, der Soziologie) nicht verlassen. Ein halbes Jahrhundert alt, sagte er dem Lehrerdasein adieu und verschreibt sich seit 1998 dem Schreiben von Geschichten für Kinder und, überwiegend, von Gedichten. Von Gedichten, die – zumeist – in Groß‘ Heimat verankert sind, in Bamberg und um Bamberg herum. Im nahen Memmelsdorf ist der Dichter länger schon zuhause.

Mit Groß in der Sakko- oder in der schicken Handtasche läßt sich trefflich durch das fränkische Rom gehen. Anhand der in Erinnerungsraum Bamberg (Bamberg: Fränkischer Tag, 2002) versammelten Lyrik kann man sich eine Route ganz nach dem je individuellen Geschmack aufstellen. Wer dann mit wachen Augen durch die Stadt flaniert, das Gesehene mit dem Geschriebenen vergleicht, wird Entdeckungen machen, auf Korrespondenzen treffen, bisweilen auch auf auf den ersten Blick Ungereimtes, auf vermeintlich Widersprüchliches.

Der Bahnhof, die Kunigundenruhstraße, St. Gangolf, der Kunigundendamm, die Nonnenbrücke, die Altstadt, das Alte Rathaus, die Obere Pfarre, Dom und Domgrund, der Michaelsberg, die Altenburg, mehrfach, natürlich, auch der Hain – für all dies findet Groß ein dichterisches Wort. Was wäre die Stadt ohne Menschen, ohne ihre Originale? Man trifft auf Herrn Schuster W., den „kopf / gebeugt über den eisenfuß“, der „in der engen werkstatt“ spuckt „auf den schuh bevor er poliert wird“, man darf hinter der „Schüttelgeiera“ hergehen, einer Frau, so die erhellende Fußnote, mit einem Nervenleiden, angeblich eine Folge des Krieges, und am Leinritt in Kleinvenedig träumt Herr K. „vom alten haus / dem schmalen garten / sommergelb und weiß / und in den wintern / von fenstern / mit blumen / aus einem hauch von eis“.

Leserin – und Dichter – begegnen auch E.T.A. Hoffmann, der vor zwei Jahrhunderten (Julchen Mark sei’s gedankt, oder eben nicht gedankt) Hals über Kopf die Stadt verließ, Hoffmann also, der wiederum auf „den sprechenden Hund Berganza“ traf. Und der, Berganza, „hat ihm so manches erzählt / was ich nicht höre“. Gerd Groß erzählt vieles. Es läßt sich hören. In seiner Lyrik tut sich ein Erinnerungsraum auf, in welchem auch die Leser schnell ihren Platz finden, in welchem sie sich alsbald zuhause fühlen werden. Auch wenn sie zunächst womöglich als Bambergfremde mit der Lektüre beginnen.

NB: Wir haben es ja immer wieder gern mit den Vögeln, und so sei noch daran erinnert, daß der Kuckuck schlägt in Groß’ Gedichten, daß der Graureiher im Schilf bei Schloß Seehof steht, daß der Pelikan (gemeint ist nicht das empfehlenswerte Lokal in der Sandstraße) über eine Skulptur in der Gangolfskirche Eingang findet in den hundertdreiundzwanzig Seiten starken Band, daß es an Tauben nicht fehlt, nicht an Schwalben, noch an einer Ammer oder – was für ein Buntfarbklecks, einem Eisvogel.

NBB: Groß verzichtet größtenteils auf den Reim, was aber nichts, und schon gar nichts Negatives, sagen will. Mit Sprache vermag er umzugehen, mit Klang, mit Wiederholung, mit der Anapher. Auch mit Zeilenbrüchen, dann wieder mit dem Enjambement, auch Zeilensprung geheißen, also mit dem „Fortführen der syntaktischen Einheit über die metrische Grenze des Versschlusses hinaus in den nächsten Vers“ (Volker Meid, Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart: Reclam, 1999:135). Ein abschließendes Beispiel von Gerd Groß noch, für Anapher, für Enjambement. Und wohl auch für innige, für erfühlte und erfüllte Liebe:

Freiheit

Frei
frei fühle ich

mich fühle ich
mich nur

nur in der enge
deiner arme

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