Von der Vielsprachigkeit der Schweiz. Wie wäre es mit ein wenig Vallader , das zum Rätoromanischen gehört und im Unterengadin gesprochen wird? Möglich machen das Leta Semadenis zauberwelthaltige Gedichte.

Kindheit

Auf einer Bank
im Sonnenlicht
sitzt ein Kind
und sagt
traumversunken
traumverloren
einer Ziege
die vorbeikommt
Guten Tag

Leta Semadeni
(aus dem Vallader übertragen von Nadja Küchenmeister)

Von Chrysostomos

Außerhalb der Schweiz haben es Schriftstellerinnen und Autoren, die auf Rätoromanisch schreiben, schwer. Selbst jemand wie Leta Semadeni, die sicherlich zu deren bedeutendsten Vertretern gehört, dürfte in Deutschland nur wenigen bekannt sein, ja sie dürfte es sogar außerhalb des Kantons Graubünden, wo noch etwa 30 000 Menschen „rumantsch“ beziehungsweise eine von dessen fünf Varianten pflegen, nicht leicht haben. Seit Frühjahr 2010 verlegt die in Chur beheimatete Chasa Editura Rumantscha jeweils zweisprachig aufgemachte Bücher aus der Region, um der kleinen, dabei aber sehr vitalen Literaturszene aus der Rumantschia zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Gleich als Teil des Eröffnungsprogramms herausgekommen ist in diesem Verlagshaus Leta Semadenis Gedichtband In mia vita da vuolp / In meinem Leben als Fuchs. Ein Fuchsgedicht („Vuolp da cità“, in der Übersetzung von Jürgen Theobaldy: „Füchsin der Stadt“) ist auch enthalten in der ganz wunderbaren Anthologie Das verborgene Licht der Jahreszeiten. Gedichte aus der Schweiz, die Hans Thill 2007 im Heidelberger Verlag Das Wunderhorn herausgebracht hat und in der sich Semadenis „Infanzia“ in drei unterschiedlichen Übertragungen – eben von Nadja Küchenmeister, von dem zwischen Wien und Bukarest pendelnden Lyriker und Romancier Jan Koneffke, außerdem vom Herausgeber selbst – mitsamt dem Original findet.

Semadeni schreibt sowohl auf Deutsch als auch auf Rätoromanisch, genauer auf Vallader, das im Unterengadin verbreitet ist. Dort, in Scuol, ist die Lyrikerin, Kinderbuchautorin und ehemalige Lehrerin1944 geboren, und dort, in Lavin, wo überwiegend noch Vallader gesprochen wird, ist sie heute zuhause. Semadeni studierte Germanistik und Sprachen in Zürich, in Perugia und in Ecuador und ist Trägerin des Preises der Schweizer Schillerstiftung und des Bündner Literaturpreises, die ihr beide 2011 verliehen worden sind.

In ihren kurzen, meist nur wenige Verse umfassenden Gedichten wirft Semadeni einen genauen Blick auf die sie umgebende Welt, auf den zugefrorenen See, auf die Felsen, den Wald, immer wieder auf Tiere (die Ziege, den Fuchs, die Krähe, aber auch den Tukan), auf das Haus des Vaters, die heimische Küche, darauf, wie es ist, als Kind oder in Einsamkeit zu leben. Mit ihrer zarten Sprache, mit diesen poetischen Bildern und Gedanken vermag Semadeni ihre Leser sofort anzusprechen. Das geht, cum grano salis, sogar ohne Übersetzung, sofern man ein wenig in einer der romanischen Sprachen zuhause ist, denn daß „fanestras“ Fenster sind, daß „uffant“ Kind und „chavra“ Ziege heißt, läßt sich aus dem Französischen, dem Italienischen, Spanischen, Portugiesischen, dem Rumänischen (und dem Lateinischen) leicht herleiten.

Daß man bei recht „einfachen“ Gedichten doch zu unterschiedlichen Lesarten und Übersetzungen kommen kann, führt die von Hans Thill edierte, in der Edenkobener Reihe „Poesie der Nachbarn“ erschienene Anthologie mit Lyrik aus der Schweiz nicht nur am Beispiel von Leta Semadeni vor Augen. In der auf ein Treffen von sechs deutschen Autoren und sechs Dichtern aus der Schweiz im Künstlerhaus Edenkoben im Sommer 2006, auf ein „Gespräch unter Dichtern über die Erzeugnisse des einen oder anderen“, wie Thill schreibt, zurückgehenden Sammlung finden sich auch Kostproben von Claire Genoux, Alberto Nessi, Antonio Rossi (aus dem wunderschönen, kleinen Arzo, in den Bergen über Lugano gelegen), von Pierre Voélin und Frédéric Wandelère. Die deutschsprachigen Versionen stammen unter anderem von Johann Lippet und Sabine Schiffner. Sie basieren auf Interlinearfassungen, die der Basler Publizist und Übersetzer Martin Zingg angefertigt hatte.

Abschließend noch Semadenis „Kindheit“ im Original, gerahmt von zwei weiteren Übersetzungen.

*

Kindheit

Auf einer Bank
in der Sonne
sitzt ein Kind
und sagt
in seinen Traum versponnen
verloren in seinem Traum
zu einer Ziege
die an ihm vorübergeht:
Guten Tag

(aus dem Vallader übersetzt von Jan Koneffke)

*

Infanzia

Sün ün banc
suot il sulai
tschainta ün uffant
e disch
plajà aint in seis sömmi
ad üna chavra
chi passa speravia:
Bun di

Leta Semadeni

*

Kindheit

Auf einer Bank
unter der Sonne
sitzt ein Kind
und sagt
umhüllt von seinem Traum
verloren in seinem Traum
einer vorbeigehenden
Ziege
guten Tag

(ins Deutsche gebracht von Hans Thill)

NB: Die genauen bibliographischen Angaben zu den beiden angesprochenen Büchern lauten so –

Hans Thill (ed.), Das verborgene Licht der Jahreszeiten. Gedichte aus der Schweiz übersetzt nach Interlinearversionen von Martin Zingg. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2007 (Bestellungen entweder im guten Buchhandel – Bamberger Stichwort: Collibri – über den Verlag oder über das Künstlerhaus Edenkoben).

Leta Semadeni, In mia vita da vuolp / In meinem Leben als Fuchs. Chur: Chasa Editura Rumantscha, 2010.

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