Chronist des Leids

Von Carolin Gißibl

Auch die Leiden einer Dürrekatastrophe in Äthiopien hielt der Bamberger Till Mayer mit seiner Kamera fest.

Krieg kann leise sein. Wenn die Munition verschossen und die Schreie verstummt sind, lebt er weiter. Still. In den Eltern, die den Leichnam ihrer Kinder zu Grabe tragen müssen. Still. In den Menschen, deren verstümmelte Gliedmaßen jeden Tag an Schmerz erinnern. Till Mayer reist als Fotograf und Journalist seit Jahren in Gebiete, aus denen andere fliehen.

Mit seiner jüngsten Rotkreuz-Fotoausstellung und dem gleichnamigen Buch „Abseits der Schlachtfelder“ (Erich-Weiß-Verlag) konnte der Bamberger bereits eine Vielzahl von Menschen berühren und auf vergessene Schicksale aufmerksam machen. Jetzt sind Fotos in New York zu sehen. Einige seiner bewegenden Aufnahmen aus Libyen und Uganda waren bis Anfang April im Hauptsitz der Vereinten Nationen ausgestellt. Zusammen mit den Aufnahmen drei weiterer renommierter Fotografen in einer Ausstellung zur Ächtung von Landminen.

In Uganda portraitierte Till Mayer Minenüberlebende. Daraus entstand eine Wanderausstellung, die bei den Vereinten Nationen in Genf präsentiert wurde.

Mayers Bildsprache geht unter die Haut. So wie bei der Aufnahme eines minderjährigen Milizkämpfers in Myanmar (Burma). Teile des Unterarms wurden zerfetzt, die linke Hand hat der Teenager verloren. Splitter haben auch seine rechte Hand verkrüppelt. Der 17-Jährige Naing Htoo sitzt im Schneidersitz im Hospital, die Narben in seinem Gesicht erzählen grausames. Sein erster Kampfeinsatz im Jahr 2009 für eine Miliz des Volks der Karen war zugleich sein letzter. Der Kamerad, der vor ihm lief, verlor beide Beine, als er auf die Mine trat. Naing Htoo raubten die Splitter das Augenlicht. „Naing Htoo bekam für seinen ersten Einsatz ein Plastikauge, keinen Orden,“ sagt Till Mayer. Seit 60 Jahren herrscht in Teilen Myanmars noch immer kein Friede, verhindern Konflikte Fortschritt und Entwicklung. Auch wenn mittlerweile im Karengebiet mehr und mehr Entspannung zu verzeichnen ist.

„Am tiefsten sind die Wunden, die man nicht sieht“, weiß Till Mayer. Seit vielen Jahren reist der Bamberger in Gebiete, deren Namen für oft traurige Schlagzeilen stehen und standen. In Krisen-, Kriegs- und Katastrophengebiete: Kosovo, Gaza-Streifen, Libyen, Jemen, Äthiopien, Somalia, Ruanda, Afghanistan, Sudan, Angola, Sierra Leone, Liberia, Vietnam, Iran, Irak … Die Liste lässt sich fortsetzen.

Mit seinen Fotos und Reportagen will er daran erinnern, was Krieg bedeutet und welche Langzeitfolgen er mit sich bringt: „Mit einem Friedensvertrag ist der Krieg auf dem Schlachtfeld beendet, doch die Überlebenden prägt er ihr Leben lang. Oft selbst noch deren Kinder.“

Till Mayer gibt den Opfern ein Gesicht. Er berichtet von Eltern, die ihr Kind durch Krieg und Hunger verlieren. Von einer Bauernfamilie in Vietnam, die mühsam ihre schwerstbehinderten Kinder ernährt: mutmaßliche Agent Orange-Opfer. Von Teenagern, die lernen müssen, einen Körper anzunehmen, dem Gliedmaßen fehlen.

Von einem Jungen im Gazastreifen, der stolz einer Welt voller Barrieren die Stirn bietet. Von einem Vietnam-Veteran aus Chicago, der seit 40 Jahren keinen richtigen Schlaf mehr findet. Im Dschungel musste er sechs Menschen töten.

Dabei arbeitet Till Mayer oft mit internationalen Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz oder Handicap International zusammen. Einige Langzeiteinsätze absolvierte er auch als Delegierter des Deutschen bzw. Internationalen Roten Kreuzes. Ein halbes Jahr war er beispielsweise im Irak und Iran, ein Jahr auf dem Balkan.

Seine Fotos wirken zurückhaltend, unaufdringlich. Es sind es stille Bilder. Kein Mündungsfeuer, keine Bombendetonationen, keine Kinderleichen. Doch Gesichter erzählen von schrecklichen Erlebnissen, traurige Augen von Leid. Es sind Portraits von starken Menschen, die der Bamberger macht. Mayer veröffentlicht seine Bilder im schlichtem schwarz-weiß, „um einen Gegenpunkt zum schnelllebigen und bunten Bildermeer zu schaffen.“ Es geht ihm nicht darum, Mitleid zu erheischen. Aber Mitfühlen, dafür sollen die Bilder stehen. „Mitleid, das bedeutet, die Betrachter blicken auf die Portraitierten herab. Die Menschen auf meinen Fotos sind oft starke Persönlichkeiten. Von ihrem Mut kann man nur lernen. Was man ihnen entgegenbringen sollte, ist Respekt.“

Beinahe hätte Till Mayer seine Karriere als Fotograf und Journalist allzu frühzeitig beenden müssen. Noch als Gymnasiast schrieb und fotografierte er für den Nordbayerischen Kurier in Pegnitz. Und versemmelt in einer Woche gleich vier Fototermine. „Einmal hab ich sogar vergessen, einen Film einzulegen“, lacht er heute darüber. Doch ein befreundeter Fotograf und der Kurier-Kollege geben Nachhilfestunden. Wenige Jahre später erlebt Mayer mit der Kamera in der Hand den ersten Krieg: in Bosnien.

Heute gibt es Bilder von Mayer, die um die Welt gegangen sind. Drei Bildbände mit seinen Aufnahmen sind schon erschienen. Die Teilnahme an der Ausstellung in New York ist für ihn aber natürlich etwas ganz besonderes.

In Deutschland pendelt Till Mayer zwischen seinem Wohnort Bamberg und der Redaktion in Lichtenfels, wo er als Redakteur bei der Tageszeitung „Obermain-Tagblatt“ fest angestellt ist. Im Auftrag des Obermain-Tagblatt hat er auch die Leseraktion „Helfen macht Spaß“ aufgebaut, die bedürftigen Menschen in der Region hilft. Bei all den Reisen ist er immer ein bodenständiger Mensch geblieben. „Den Lokaljournalismus will ich nie missen“, sagt der Bamberger.

Neugierig und abenteuerlustig sei er bei den ersten Auslandseinsätzen gewesen. Aber als er die ersten Menschen sterben sieht, ändert sich seine Perspektive auf den Krieg schnell. Mittlerweile hat er selbst einen Menschen an den Krieg verloren, den er als Freund schätzte.

Angst um sein eigenes Leben hatte er bei seinen Einsätzen nie. „Aber Respekt vor dem was passieren kann“, sagt er. Doch eine Furcht bleibt: „Mein Alptraum wäre es, unsauber zu arbeiten und damit Menschen zu gefährden. Ein Interview, ein Foto zum falschen Zeitpunkt, kann Menschenleben gefährden. Weniger meines, aber das meiner Interviewpartner. Mein eigenes Risiko war bisher immer kalkulierbar.“

Till Mayer hat gelernt, sich eine Auszeit zu geben, wenn es zu viel für ihn wird. Bei einer Dürrekatastrophe in Äthiopien sieht er im Jahr 2000 reihenweise Alte und Kleinkinder verhungern. „Dass es das im 21. Jahrhundert gibt, ist eine Schande“, sagt Till Mayer. Ein Jahr lang machte er danach keine Aufnahmen mehr in Krisenregionen.

In Lviv (Ukraine) engagiert sich Till Mayer für KZ-Überlebende und verarmte Rentner. Ein Buch, eine Ausstellung und zahlreiche Artikel sind so über die Jahre entstanden.

Aber Till Mayer will mehr als fotografieren. Ehrenamtlich engagiert er sich seit Jahren für KZ-Überlebende und Rentner in Not in der Lviv (Ukraine). Durch den Spendeneingang aufgrund seiner Artikel und seines Buchs „roter Winkel, hartes Leben“ (Verlag Herder) konnte eigens ein Medikamtenfonds für veramte Rentner in Lviv (Lemberg) aufgelegt und ein Medico-Soziales-Zentrum unterstützt werden. 2012 bekommt er den Coburger Medienpreis für seine Spiegel-Online-Reportage „13 Quadratmeter Elend“, die die Altersarmut in der Ukraine zum Thema hat und eine Spendenwelle nach sich zog. Das Ukrainische Rote Kreuz ehrte ihn dieser Tage mit seiner höchsten Auszeichnung. Im Rahmen seines Ausstellungsprojekts „Abseits der Schlachtfelder“, die auch in Bamberg und im Landkreis Lichtenfels zu sehen war, wird für Agent Orange-Opfer gesammelt. Auch das Projekt, das mit Zeitzeugen-Vorträgen verbunden war, erhielt 2012 einen Preis.

„Als Journalist und Fotograf kann man viel zum Guten verändern“, davon ist Till Mayer überzeugt. Seinen Beruf will er nie missen. „All die Menschen, die mir ihre Lebensgeschichte erzählt haben, das ist eine unbeschreibliche Ehre. Von ihnen konnte ich viel lernen.“

Till Mayer vor zerstörten Panzern in Libyen. Einige der Aufnahmen, die bei diesem Auftrag entstanden, waren bis Anfang April bei den Vereinten Nationen in New York zu sehen.

Mehr Informationen auf der Homepage: www.tillmayer.de.

Till Mayers neueste Ausstellung heißt „Steiniger Weg“. Der Betrachter begegnet hier Minenüberlebenden aus Uganda in Augenhöhe. Die Ausstellung der Hilfsorganisation „Handicap International“ wird unterstützt vom Auswärtigen Amt sowie der Europäischen Union und kann von Universitäten, Schulen, Behörden und Organisationen entliehen werden (Ansprechpartner: rgrund@handicap-international.de

Im Buchhandel sind Mayers Bände „roter Winkel, hartes Leben“ (Verlag Herder) und „Abseits der Schlachtfelder“ (Erich-Weiss-Verlag) erhältlich.

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