Sentimental journey? Otto Julius Bierbaum wandelt durch die Dämmerung, zu seiner Schönsten. Andante ma non troppo, oder, wie es bei Mahler heißt: Nicht eilen!

Traum durch die Dämmerung

Weite Wiesen im Dämmergrau;
Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn;
Nun geh ich zu der schönsten Frau,
Weit über Wiesen im Dämmergrau,
Tief in den Busch von Jasmin.

Durch Dämmergrau in der Liebe Land;
Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;
Mich zieht ein weiches, samtenes Band
Durch Dämmergrau in der Liebe Land,
In ein blaues, mildes Licht.

Otto Julius Bierbaum

Von Chrysostomos

Zu den zahlreichen heute eher vergessenen Dichtern des Fin de siècle, also der Wendezeit vom 19. zum 20. Jahrhundert, zählt Otto Julius Bierbaum. Selbst in manchen als sehr weitblickend und als (nahezu) vorbildlich zu bezeichnenden Lyriksammlungen wie der von Heinrich Detering bei Reclam herausgegebenen sucht man seinen Namen vergeblich; Wulf Segebrecht beschränkt sich in seiner S. Fischer-Anthologie (2005), die Das deutsche Gedicht vom Mittelalter bis in die Gegenwart vorstellt, auf einen einzigen Bierbaum, nämlich auf dessen melancholisch-tristes „Müde“ aus dem Band Irrgarten der Liebe. Verliebte, launenhafte und moralische Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900, die 1902, ein Jahr nach dem Erscheinen, immerhin bereits in vierter Auflage gebracht werden müssen. Aber die Zeiten – wohl auch die für Lyrik – waren damals eben anders.

Bierbaum, 1865 im niederschlesischen Grünberg in eine Gastwirt- und Konditorenfamilie hineingeboren, gestorben 1910 in Kötzschenbroda bei Dresden, studierte Jura, Philosophie, Chinesisch, an den Universitäten von Zürich, Leipzig, München und Berlin. Übrigens alles ohne Abschluß, da er sich „bald der literarischen Tätigkeit“ verschrieb, wie mir der zweite Band von Meyers Konversationslexikon (1906) verrät. Er war ein Verfechter des Jugendstils, er huldigte, wie es bei Meyer heißt, „der modernen Kunsttheorie“, für die er sich in seinen Kritiken und in seiner Herausgebertätigkeit einsetzte. Erinnert sei an (Detlev von) Liliencrons Gedichte von 1890, oder die von Bierbaum im Jahr hernach vorgelegte Sammlung Deutsche Lyrik von heute (1891).

Gemeinsam mit Julius Meier-Graefe rief Bierbaum 1895 in Berlin die Kunstzeitschrift Pan ins Leben, zu deren Beiträgern auch der Würzburger Max Dauthendey immer wieder gehörte. Beim 1896 initiierten Satire-Blatt Simplicissimus, so etwas wie der damaligen Titanic, mischte Bierbaum früh mit. Mit seiner ersten Frau verschlug es ihn, der im Meyer zwischen etlichen Seiten zum Thema Bier (pp. 842 bis 849) und dem Eintrag „Bierdruckapparat“, also einer „Vorrichtung, die verhindert, daß das Bier im Faß während des Ausschenkens zuviel Kohlensäure und damit seinen frischen Geschmack verliert“, zu finden ist, nach Südtirol: Schloß Englar, bei Eppan, liegt nun wahrlich – das läßt sich im Netz recherchieren, sehr schön.

Mit seiner zweiten Frau, der aus Florenz gebürtigen Gemma Prunetti Lotti, tourte er früh, den Reizen der Schönen wie eben auch des Automobils verfallen, durch Europa. Nachzulesen ist das in dem unterhaltsamen Reisebuch – antiquarisch, auch in Bamberg, durchaus noch immer zu finden – Eine empfindsame Reise im Automobil, von 1903. Die darauf folgende Tour war dann wohl nicht mehr ganz so sentimental, denn die Impressionen dazu sind, 1905, Das höllische Automobil betitelt. Nach einer kurzen Zeit in München-Pasing zieht das Paar in die Nähe von Dresden, wo Bierbaum, nach langer Krankheit, anfangs Februar 1910 abtritt.

Bierbaums Gedichte, siehe ganz oben, sind reich an Wohlklang, am Spiel mit der Alliteration und der Assonanz. Ein (volks-)liedhafter Ton ist das, den er häufig anschlägt. Kein Wunder, daß Richard Strauss den „Traum durch die Dämmerung“ in Musik gesetzt hat.

NB: Jemand, der sich immer wieder des Werkes von Otto Julius Bierbaum annimmt und ihn in seinen tollen Programmen vorstellt, ist Martin Neubauer vom Bamberger Brentano-Theater, das in diesem September seinen Zwanzigsten feiern wird. Natürlich mit dem Namenspatron. Aber vielleicht ist ja auch für ein wenig Bierbaum noch Platz. Vielleicht sogar schon vor September, beim Maispaziergang durch den Hain.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.