Eine Pfeife ist das nicht. Matthias Politycki blickt in jungen Jahren auf René Magritte, auf das Meer, auf die Frau. Und will vermutlich mehr als Brot und Spiele.

Ceci n’est pas une pipe

Sie ißt vom selben Brot wie wir,
erlaubt am Freitag sich die lange Nacht
(wahlweise samstags), gönnt sich einmal
im Jahr das Meer und – Doch so sehr

ich auch das alles weiß und mir auch ständig sage:
Das Brot an ihrem Tisch schmeckt anders,
und wenn erzählt vom Wellenbaden sie im Meer,
dann glitzert glimmert und – Doch Sie

sie kann erzählen, was sie will,
ich muß mein Meer mir selber schaffen,
ein Hauch weht mich aus jeder Wolke an,
und nichts bleibt mehr von allem, was sie je gesagt, getan.

Matthias Politycki

Von Chrysostomos

Die Wirklichkeit, die Illusion derselben, das surreal Anmutende eben, und dann doch wieder das wie weit auch immer hergeholte wahre Leben nimmt Matthias Politycki (für eventuelle Verschreiber bitte ich bereits eingangs um Verzeihung) in seiner Lyrik in den Blick. Wie Joseph Victor von Scheffel – der Schöpfer des „Frankenliedes“ – ist Politycki in Karlsruhe geboren, 1955. Mehr Gemeinsamkeiten werden sich zwischen Bieder- und Mann von Welt allerdings kaum finden lassen. „MP“, wie er sich, wenn er in dunkelgrüner Tusche signiert, nennt, zog es zum Studium der Neuen Deutschen Literatur, der Philosophie, der Theaterwissenschaft (und gewiß auch des Lebens) in die bayerische Kapitale, inklusive eines Abstechers nach Wien. Am Ende stand 1987 die Promotion bei Walter Müller-Seidel, bei dem über zwei Dekaden zuvor bereits Wulf Segebrecht eine Dissertation zu E. T. A. Hoffmann vorgelegt hatte.

Segebrechts Nachfolger an der Otto-Friedrich-Universität ist Friedhelm Marx, und Marx war es, der Politycki im Januar 2004 zu einer Lesung – aus Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe (Hamburg: Hoffmann und Campe, 2003) – nach Bamberg eingeladen hatte. Sie geriet durchaus vergnüglich, dabei keineswegs albern, und oft auch sehr erhellend. Oder: sehr oft auch erhellend. Die auf eines der berühmtesten Kunstwerke überhaupt („La Trahison des images“, von 1929) anspielende Kostprobe oben zählt zu den frühen Gedichten Polityckis, entstanden von Mitte der Siebziger an bis 1988. Veröffentlicht worden sind sie, weniger als zwei Dutzend an der Zahl, unter dem Titel Im Schatten der Schrift hier im Weismann Frauenbuchverlag in München, damals noch unter der Obhut Antje Kunstmanns (eine Fränkin auch sie), die längst unter ihrem eigenen Namen einen erfreulich erfolgreichen Verlag führt.

Wir sind doch alle eins, soviel ist klar. Aber mundet nicht das Früchtebrot der Nachbarin besser als das uns eigene? (Zumindest in der Vorstellung, denn die Gedanken sind ja frei, hat schon der vermutlich in Würzburg begrabene Walther von der Vogelweide gewußt.) Nein, es ist schon so, wie es heißt: „Das Brot an ihrem Tisch schmeckt anders“; vor allem dann, wenn man es samstags, wahlweise auch an Sonntagen, nach einer lange durchgefeierten nuit blanche bei und vielleicht sogar mit ihr kosten, oder wenigstens dich eben erträumen, darf. Und alle zwölf Monate mal ans Meer. Das wäre es, fürwahr. Doch holt den Traum das Leben bald ein, mit der Erkenntnis: „ich muß mein Meer mir selber schaffen“. Um dann darin zu schwimmen, oder zu tauchen. Was, beides, Matthias Politycki sehr gern tut.

NB: Im September wird bei Hoffmann und Campe der neue Roman von MP erscheinen, Samarkand Samarkand. Bis es soweit ist, greife man zu seinen Gedichten (die jüngsten nehmen sich London vor), oder zu seiner Prosa, etwa zu Ein Mann von vierzig Jahren.

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