Mit Fritz Rudolf Fries im Kino. Im Jazzkeller. Und im Konzertsaal.

Hiroshima mon amour

Ich liebe
die Verlorenheit deiner Augen
auf der Brücke im Regen
traurige Weiten wenn wir
die Sekundenflüchtigkeit des Kusses erproben.

Fritz Rudolf Fries

Von Chrysostomos

Für eine Universitätsstadt finden sich in Bambergs Altstadtgassen erstaunlich wenig Antiquariate. Diejenigen, die sich gehalten haben, offerieren aber eine ansprechende Auswahl. Gerade auch an Gedichtbänden. Da gilt es dann, nach der probeweisen Lektüre von drei, vier Gedichten zuzugreifen. Denn man weiß ja nie, wann ein anderer Lyrikaficionado den Ladern betritt und die Regale plündert.

Das Wort „Aficionado“ paßt gut, denn bei unserer letzten antiquarischen Heimsuchung stießen wir auf Fritz Rudolf Fries, den 1935 im baskischen Bilbao geborenen Schriftsteller und Übersetzer (beispielsweise Caldérons, Julio Cortázars und Pablo Nerudas). Herbsttage im Niederbarnim erschien 1988 im Ostberliner Aufbau-Verlag, ein Jahr später kam bei Piper in München eine Lizenzausgabe. Einen Fünfer investierten wir sehr gern dafür.

Nach dem Studium bei Hans Mayer in Leipzig wirkte Fries als Dolmetscher in Moskau und Prag, lebte auf Kuba, gab Jorge Borges heraus und war Assistent des Romanisten Werner Krauss an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Lange schon ist Fries im brandenburgischen Petershagen zuhause. Sein schriftstellerisches Schaffen harrt einer dringend angesagten Wiederentdeckung. Zuletzt erschienen ist von ihm 2013 bei Wallstein in Göttingen der Roman Last Exit to El Paso; im vergangenen Herbst kam in der Reihe der Anderen Bibliothek, die inzwischen beim Aufbau-Verlag gelandet ist, Fries’ Pikaro-Roman Der Weg nach Oobliadooh. Durch das Dizzy-Gillespie-Zitat im Titel wird sofort klar, worum es in dem in der DDR nicht aufgelegten Buch (auch) geht: um Jazz.

Herbsttage im Niederbarnim versammelt Gedichte aus den Jahren 1954 bis 1986. Und auch hier geht es nicht ohne den Jazz. Miles Davis scheint in der „Liebe in Lichtenberg“ von 1962 auf: „Liebe wie Miles Davis spielt: vergänglich.“ Der Trompeter Clifford Brown stimmt in „Bohemia After Dark“ (1983) einen Song an, „Charlie Parkers Stationen“ (1971) zwischen Kansas City, Toronto und dem Tod in der New Yorker Hotel-Suite der Gönnerin Pannonica Rothschild de Koenigswarter finden den Weg ins Gedicht: „mit 35 starb er an Herzschwäche sah aus wie 53“.

Auch der klassischen Musik ist Fritz Rudolf Fries zugetan. Chopin, Franz Schubert, Gustav Mahler, Igor Strawinsky (der ja seinerseits dem Jazz einen Weg in die klassische Musik ebnete) begegnen einem. Dann sind da noch die bildenden Künstler, etwa Paul Gauguin, Pablo Picasso und Amedeo Modigliani, da sind dann auch die Autoren Hesse, Quevedo, Ungaretti, Peter Huchel.

Und, über den Umweg Alain Resnais, Marguerite Duras, die für Resnais’ ersten Spielfilm – Premiere war im Juni 1959 (und aus jenem Jahr stammt auch das Gedicht von Fries) – das Drehbuch schrieb. In den Hauptrollen waren Emmanuelle Riva und Eiji Okada zu erleben. Von der Liebe Fries’ zum Film zeugt weiters der akademische Kolportageroman aus Berlin, Die Väter im Kino (1989). Fries wurde hierfür mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Sein Werk, ob nun die Gedichte, die Essays, die Romane, selbst die Übersetzungen, ist, wie gesagt, großenteils noch zu entdecken. Oder einmal wieder. Es ist an der Zeit!

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