Das Schreiben von Gedichten, ein Steckenpferd? Basil Bunting zum Welttag der Poesie. Und von der Kohle, die man mit Lyrik einfährt. Oder eben nicht.

Was der Vorsitzende Tom erzählte

Gedichte? Ein Steckenpferd!
Ich hab’ ’ne Modelleisenbahn.
Herr Shaw dort drüben züchtet Tauben.

Das ist keine Arbeit. Man schwitzt nicht.
Niemand zahlt etwas dafür.
Für Seife könntest du werben.

Oper, das ist Kunst; oder Repertoiretheater –
„The Desert Song“.
Nancy sang damals im Chor.

Aber zwölf Pfund die Woche verlangen –
verheiratet, oder?
Du hast vielleicht Nerven.

Wie könnte ich einem Busfahrer
ins Gesicht schauen,
wenn ich dir zwölf Pfund zahlen würde?

Wer sagt denn, daß es überhaupt Gedichte sind?
Mein Zehnjähriger kann das,
und reimen dazu.

Ich bekomm’ dreitausend und Spesen,
einen Wagen, Bons,
aber ich bin ja schließlich Buchhalter.

Die machen, was ich ihnen sage,
meine Firma.
Was machst du schon?

Dreckige kleine Wörter, dreckige lange Wörter,
ungesund ist das. Ich möchte mir
die Hände waschen, wenn ich einen Dichter treffe.

Kommunisten sind das, Suchtkranke,
alles Verbrecher.
Was du schreibst, ist Blödsinn.

Herr Hines sagt das, und der ist Lehrer,
er sollte es ja wissen.
Hinaus jetzt, such’ dir endlich ’ne Arbeit.

Basil Bunting

Von Chrysostomos

T. S. Eliot hat einmal gesagt, das Schreiben von Gedichten sei verlorener Einsatz („a mug’s game“), damit könne man keinen Blumentopf gewinnen. Nun, das kommt doch wohl auf die Qualität der Gedichte an. Darben jedenfalls mußte Eliot nicht, auch lange bevor er 1948 für seine „herausragende Pionierarbeit auf dem Gebiet der Lyrik von heute“ den Nobelpreis erhielt, hatte er sein Auskommen. Freilich zunächst als Bankangestellter, und dann in einem renommierten Verlag. So ein Brotberuf, das ist eine gute Idee. Zumal ja lange schon gilt, daß mehr Gedichte geschrieben als gelesen werden (was bei dem vielen Schund allerdings dann auch nicht wieder wundert).

Aber wir wollen keine Schwarzmalerei betreiben, schon gar nicht am heutigen 21. März, dem Welttag der Poesie. Es war die UNESCO, die im Jahre 2000 diesen Tag ausgerufen hat (er fällt auf den Geburtstag Jean Pauls, der ja nun nicht unbedingt für seine Lyrik in Erinnerung geblieben ist). „Der Welttag“, so heißt es, „soll an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern.“ Gerade im „Zeitalter der neuen Informationstechnologien“ komme der Dichtkunst ein wichtiger Platz im kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu: „Der Welttag der Poesie soll Verlage ermutigen, poetische Werke besonders von jungen Dichtern zu unterstützen, und er soll dazu beitragen, den kulturellen Austausch zwischen den Völkern zu intensivieren.“

Hierzulande richtet die literaturWERKstatt Berlin die zentrale Veranstaltung zum Welttag der Poesie aus. Lyriker aus unterschiedlichen Ländern stellen dem deutschen Publikum „Gedichte aus aller Welt“ vor. Das waren in Berlin bereits gestern, am Vorabend des Welttages, Gérard Haller aus Frankreich, Orsolya Kalász aus Ungarn, Remi Raji aus Nigeria, Tomas Venclova aus Litauen und Yang Lian aus China. Zudem startete die Literaturwerkstatt Berlin ihre Kampagne zur Gründung eines Deutschen Zentrums für Poesie. Es soll Informations-, Arbeits-, Begegnungs- und Veranstaltungsstätte für Dichter, Verlage, Öffentlichkeit und Medien werden.

Viele beglückende Begegnungen mit Gedichten und ihren Schöpfern erlaubt seit 2000 die von der Literaturwerkstatt eingerichtete Internetplattform lyrikline.org. „lyrikline.org“ bringt, heißt es dazu, „die älteste literarische Kunstform, die Poesie, und das jüngste Kommunikationsmedium, das Internet, zusammen. Auf der Internetplattform sind heute über 7750 Gedichte von 852 Dichtern aus aller Welt zu hören. Die lyrikline präsentiert die Dichter in Originalton, Originaltext und Übersetzung.“

Schließlich sei noch Dr. Roland Bernecker angeführt, der Generalsekretär der deutschen UNESCO-Kommission: „In Verlagen hat Lyrik einen schweren Stand, da sich mit ihr selten hohe Auflagen erzielen lassen. Durch das Internet werden Kommunikationsformen begünstigt, bei denen es auf Kürze und Bündelung ankommt. Die lyrische Verdichtung ist eine ideale Schule für die Poesie des Augenblicks, wie sie im Zeitalter der Smartphones inzwischen massenhaft praktiziert wird. Sie lehrt, wie sich in der sprachlichen Konzentration Ausdrucksmöglichkeiten erweitern. Die älteste literarische Gattung ist vermutlich die aktuellste.“

Wohlauf, also, noch gelesen! Beispielsweise Basil Bunting („bunting“ bedeutet – wir hatten es hier ja letzthin mit vielen Vögeln zu tun, „Ammer“). Bunting, 1900 in Scottswood-on-Tyne in Northumberland geboren und fünfundachtzig Jahre später ganz in der Nähe, in Hexham, gestorben, wurde 1918 gefangengenommen, weil er den Kriegsdienst verweigerte. Nachdem er 1919 traumatisiert aus dem Gefängnis entlassen worden war, ging er nach London, wo er an der London School of Economics studierte, die er aber ohne Abschluß verließ, um nach Frankreich zu reisen, wo er sich mit Ezra Pound anfreundete.

Der weitere Lebensweg führte Bunting wieder zurück nach London, wo er von 1925 bis 1928 als Musikkritiker arbeitete (diese Nähe zur Musik ist auch in seinen Gedichten immer wieder zu spüren), lebte dann in Italien, auf den Kanaren, schließlich, von 1943 bis 1951, im Iran. Darauf folgte eine Dekade als stellvertretender Chefredakteur der Finanzseiten des Evening Chronicle in Newcastle, dann schlossen sich einige Jahre an Universitäten in England, den Vereinigten Staaten und Kanada an.

„Was der Vorsitzende Tom erzählte“ (die Übersetzung stammt von mir) klingt fast wie ein Mitschnitt des Gesprächs mit dem Aufnahmegerät. Lustig ist das, dieses Gedicht über das Schreiben von Gedichten und das Geld, das damit zu machen, das damit eben nicht zu machen ist, und dann ja auch wiederum ganz und gar nicht (lustig). „The Desert Song“, das mußte auch ich nachschlagen, ist eine Operette von Sigmund Romberg, die 1926 am Broadway Premiere feierte.

Basil Buntings Hauptwerk, Briggflats (1965), ist eine Art Autobiographie in Versen. In einer zweisprachigen Ausgabe liegt es bei Droschl in Graz vor. Übersetzung und Nachwort stammen aus der Feder des ungemein belesenen und klugen Freiburg-Leipziger Anglisten Elmar Schenkel.

So, und jetzt gehörte eigentlich eine Flasche aufgemacht. Vielleicht ein guter, gut gekühlter Dom Pérignon? Darüber nämlich hat Jan Wagner ein feines Gedicht geschrieben, zu finden in Probebohrung im Himmel (Berlin: Berlin Verlag, 2001). Wie auch immer. Salute! Ein Hoch auf die Dichtung, auf die Lyrikerinnen, auf den Welttag der Poesie!

Hier noch Bunting im Original:

What the Chairman Told Tom

Poetry? It’s a hobby.
I run model trains.
Mr Shaw there breeds pigeons.

It’s not work. You don’t sweat.
Nobody pays for it.
You could advertise soap.

Art, that’s opera; or repertory―
The Desert Song.
Nancy was in the chorus.

But to ask for twelve pounds a week―
married, aren’t you?―
you’ve got a nerve.

How could I look a bus conductor
in the face
if I paid you twelve pounds?

Who says it’s poetry, anyhow?
My ten year old
can do it and rhyme.

I get three thousand and expenses,
a car, vouchers,
but I’m an accountant.

They do what I tell them,
my company,
What do you do?

Nasty little words, nasty long words,
it’s unhealthy.
I want to wash when I meet a poet.

They’re Reds, addicts,
all delinquents.
What you write is rot.

Mr Hines says so, and he’s a schoolteacher,
he ought to know.
Go and find work.

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