Gestatten, Silke Scheuermann. Eine Autorin des neuen Stipendiatenjahrgangs der Villa Concordia, der im April in das Internationale Künstlerhaus einziehen wird.

Dem ehemals häufigsten Vogel der Welt

Letzte einer Art zu sein
was für eine merkwürdige Aufgabe
Wo du doch einmal andere Vorstellungen
von Enge und Weite hattest Sehr verschieden
von der Seniorsuite im Zoo von Cincinnati
Martha letzte Wandertaube der Welt
was für ein Dilemma daß ihr so schmackhaft wart
Eine einzige Delikatess-Großhandlung
verkaufte im Jahr 1855 achtzehntausend
von euch an hungrige New Yorker
Wenn du in deiner Voliere
das wirkliche Fliegen vermißt
erinnere dich an eure Schwärme
Tausende von Metern breit
oder an die Brutkolonien
fünfzig mal sechs Kilometer Wie ihr
als die ersten europäischen
Auswanderer nach Amerika kamen
den Himmel verdunkeltet Wie ihr sie Stunden
im Dunkeln stehen ließt für staunende Berechnungen
Erinnere dich an die Zeit vor
den Tötungsmethoden und dem Eisenbahnnetz
Ein paar wilde Tiere
haben euch bedroht

Silke Scheuermann

Von Chrysostomos

Am 22. November 1968, also fünf Jahre nach dem Attentat auf John F. Kennedey (Robert Frost kam, als erstem Lyriker überhaupt, die Ehre zu, bei einer Inauguration zu lesen; 1961 war das), erschien das Doppelalbum „The Beatles“, besser bekannt als „Das weiße Album“. Darauf zu hören ist beispielsweise „Blackbird“ (Amsel), darauf zu hören ist auch „Martha My Dear“. Nun ist aber, anders als in Silke Scheuermanns Gedicht, mit Martha keinesfalls der ehemals häufigste Vogel der Welt gemeint. Statt einer Wandertaube war es Paul McCartneys Bobtail – offiziell wird die Rasse als Old English Sheepdog geführt – gleichen Namens, dem sich, neben der Liebe McCartneys zu Jane Asher, diese Ballade verdankt.

Am 1. September 1914 verstarb, im Alter von satten neunundzwanzig Jahren, Martha im Zoo von Cincinnati. Dietmar Roberg hat ihr, der letzten Wandertaube, im Verlag der Autoren 1980 eine Monographie gewidmet, Silke Scheuermann obiges Gedicht, das zu lesen ist in der von 2001 bis 2008 reichenden Auswahl Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen, herausgekommen bei Schöffling & Co., die ebenfalls in Frankfurt am Main ansässig sind. Eine kurze Volte noch zur Musik: Der Folk- und Bluegrass-Sänger John Herald (1939 bis 2005) hat Martha, die passenger pigeon, not the Old English Sheepdog, tatsächlich mit einem Lied bedacht.

Wie der Titel von Scheuermanns Sammlung bereits vermuten läßt, scheint Scheuermann, auch wenn sie, anders als Christian Morgenstern, ihre musikalischen Möwen nicht Emma heißt, Vögeln sehr zugetan. Ein in den Möwen enthaltener Sonettenkranz nennt sich „Vogelflüge“. Den Wandertauben zugetan waren leider auch die Amerikaner. Vor allem das Fleisch der Nestlinge – sehr zart, sehr fett – galt als Delikatesse. Und, wie Scheuermann korrekt schreibt, verkaufte ein New Yorker Feinkosthändler 1855 an einem einzigen Tag achtzehntaused Exemplare von Ectopistes migratorius. Besonders beliebt war das Fleisch der Wandertaube in den Städten an der Ostküste. Der Ausbau der Eisenbahn machte eine schnelle Lieferung aus den Jagd- und Fanggebieten im Mittleren Westen (etwa in Michigan und in Ohio) möglich. Absatz fanden die Vögel auch als lebendige Wurfscheiben beim Trapschießen. Noch die Karkassen wurden in der Landwirtschaft eingesetzt, als Düngemittel.

In ihrem wunderbaren Buch Von seltenen Vögeln (S. Fischer, 2005) zitiert die wunderbare Anita Albus den wunderbaren Vogelmaler John James Audubon (1785 bis 1851) zu dem Gemetzel an den Wandertauben: „An den Ufern des Ohio wimmelte es von Männern und Jungen, die ununterbrochen auf die beim Überqueren des Flusses niedriger fliegenden Pilger schossen. Zahlreiche wurden auf diese Weise vernichtet. Über eine Woche oder länger aß die Bevölkerung kein anderes Fleisch als das der Tauben. Während dieser Zeit war die Atmosphäre regelrecht durchtränkt von dem eigentümlichen Geruch, den diese Spezies ausströmt. […] Vor Sonnenuntergang waren wenige Tauben zu sehen, aber eine Menge Menschen mit Pferden und Wagen, Gewehren und Munition hatten bereits an den Waldrändern ihre Lager aufgeschlagen. Zwei Farmer aus der Umgebung des über hundert Meilen entfernten Russellsville hatten über dreihundert Schweine hergetrieben, um sie mit den zu schlachtenden Tauben zu mästen. Hier und da sah man Leute inmitten großen Haufen bereits erlegter Tauben beim Rupfen und Einsalzen.“

Sich dem poetischen Sog der Lyrik Silke Scheuermanns zu entziehen, fällt schwer. Dem Zauber dieser Preziosen kann man kaum widerstehen. Ihre Gedichte, um den Titel ihres zweiten Bandes zu paraphrasieren, zählen zweifelsohne zum zärtlichsten Fixpunkt des poetischen Universums.

Inzwischen ist die 1973 in Karlsruhe geborene, in Offenbach am Main lebende Scheuermann auch als Autorin von Erzählungen, eines Kinderbuches und von Romanen hervorgetreten. Zuletzt erschienen ist 2012 bei Schöffling & Co. der Roman Die Häuser der anderen. In Frankfurt, in Leipzig, in Paris hat sie Theater- und Literaturwissenschaften studiert, 2001, gemeinsam mit Sabine Scho, den Leonce-und-Lena-Preis erhalten. Apropos: Zu den neun Teilnehmerinnen und Lyrikern am Wettbewerb um den an diesem Samstag in Darmstadt ausgefochtenen L&L-Preis zählen Uljana Wolf, Myriam Keil, Katharina Schultens und Sascha Kokot. Good luck to you all!

NB: Im Historischen Vogelsaal des Bamberger Naturkundemuseums kann man eine Wandertaube in Augenschein nehmen.

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