Tatsächlich, er ist es. Sogar ganz ohne blaues Band. Sondern mit Aroma-Ozon kurz vorm Atomblitz. Nicht Mörike, aber Claude Monet und der Nürnberger Christian Schloyer machen es möglich.

er ists

dessen knospen gerade
auf biegen + brechen˙· sich
auf bäumen · umwerben & wirksam
auf machen · zu blühen – was tun

wir? im park + im stadt
kern, wir keimen wir klonen

ein dolby-surround-schaf – wie aus dem fern
sehn da blüht uns die werbung, pilz

geruch aroma-ozon kurz vorm atom
blitz (dann vielleicht nichts mehr) oder, wie

aus dem aquarium betrachtet, ein wenig
überbelichtet (aquarium) zu viel sonnenmilch

trübe tage – da sehe ich frauen
büsten trompetengewächse (wo sie nicht

hingehören) en vogue würden wir sagen &
überall bäume aus giverny, postkarten

importe + wir zwei (was ein du in ein ich ein
schließt) auf biegen + brechen er ists

Christian Schloyer

Von Chrysostomos

Gedichte auf Bilder, auf Gemälde, auf Skulpturen und Installationen, auf Werke der bildenden Kunst sind, scheint es, fast so häufig wie der sprichwörtliche Sand am Meer, wie die pebbles on the beach. Van Gogh und Rembrandt, August Macke und Paula Modersohn-Becker, Niki de Saint Phalle und Georgia O‘Keeffe etwa werden so in Gedichten aufs neue lebendig. Gleiches gilt, das war hier am vergangenen Samstag am Beispiel Mirko Bonnés zu sehen, auch für Claude Monet (und Sisley; den Maler, nicht die Modemarke).

In seinem Lyrikdebüt von 2007, unter dem Titel spiel · ur · meere bei KOOKbooks in Idstein/Taunus erschienen, zieht Christian Schloyer Inspiration aus dem Schaffen von George Grosz, Edvard Munch, Franz Marc, Paul Gauguin, Antonio Rizzi, Tizian, Gerhard Richter, Koloman Moser und, gleich dreimal, von Claude Monet („an den angler in monets bildern“, „vétheuil“ und „er ists“). Den Titel seines Frühlingspoems hat sich Schloyer, von der Kleinschreibung und dem fehlenden Apostroph abgesehen, bei Mörike geholt, also bei dem wohl bekanntesten Frühlingsgedicht deutscher Zunge.

Die Anlehnung an Mörike wird zudem bekräftigt durch das Wiederaufnehmen aus Fügungen des zweiten Verses und durch die Wiederholung des schloyerschen Titels an exponierter Stelle: am Schluß. Anders als bei Mörike ist bei Schloyer kein leiser Harfenton zu hören, auch nicht von fern (György Ligeti hätte, 1967, gesagt: „Lontano“), aber doch „trompetengewächse“, und es sind ja oft die Trompeten, beispielsweise bei Gustav Mahler, welche für die Fernmusik zuständig sind. Statt des Frühlings himmelblauem Band stellen sich in „er ists“ „trübe tage“ ein, anstelle bekannter Düfte ein „pilz // geruch“, und es wird geklont aufs Geratewohl: „ein dolby-surround-schaf“, warum nicht. Make it new! Das forderte immerhin schon Ezra Pound.

Bei dem Stichwort „giverny“ und bei „postkarten“ muß man nicht notwendigerweise sofort an Claude Monet denken. Schloyer löst das (leichte) Rätsel in einer Bildanmerkung am unteren rechten Seitenrand auf: Claude Monet, „Frühling in Giverny“, Öl auf Leinwand, 1880.

Sechsundneunzig Jahre später ist Christian Schloyer in Erlangen geboren. Nach der Schulzeit in Nürnberg und Gunzenhausen folgt der Zivildienst, darauf dann das Studium an der Friedrich-Alexander-Universität (Geschichte, Deutsch, Ethik). 2000 gründet Schloyer die Schreibwerkstatt und Autorengruppe Wortwerk Erlangen/Nürnberg. 2007 wird ihm, vor Ulrike Almut Sandig und nach Ron Winkler, der bedeutende Leonce-und-Lena-Preis zuerkannt. Seit 2009, mithin von Beginn an, gehört er der Redaktion der Literaturzeitschrift Blumenfresser an. Inzwischen liegt im Leipziger Verlag poetenladen Schloyers zweiter Lyrikband vor. In der Frankfurter Allgemeinen rühmte Wulf Segebrecht im zurückliegenden Januar den „Artisten“ Schloyer, der in panik · blüten sein „ganzes Handwerkszeug“ zeige, „seine Tricks, seinen Zauberkasten“ vorführe: „Wer allerneuste Gedichte lesen mag, dem sei empfohlen, den zweiten Gedichtband von Christian Schloyer nicht zu übersehen.“ Concordo. Ja, so ist es.

Und weil dem so ist, folge hier noch eine Kostprobe, kontrapunktisch zum obigen Frühling, aus Schloyers frischem Band, der für 16,80 Euro im guten Buchladen Ihrer Wahl, beispielsweise bei Collibri in der Bamberger Austraße, zu haben oder wenigstens zu bestellen ist:

 

apokalypse herbstlich

ich sage
wir · gehn hier keinen schritt mehr

näher an das ufer
wo die schiffrundfahrten immer schneller

kreise ziehn · einen strudel der auch vor
kindern keinen

halt · sag ich zu den touristen die
mit dem laub ins uferlose

licht gespült · kaum mehr als lose haut
mit licht gefüllt + äpfeln · treib ich

mit den mücken in den strom
verteilerdosen wie in einem traum

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