Freund Hein und Freund Heine. Peter Rühmkorfs letzte Gedichte.

Dieses ist ein Sinngedicht.
Falls es nicht zu Ihnen spricht,
laßt die Frage nach dem Sinn,
nehmt’s so hin.

Peter Rühmkorf

Von Chrysostomos

Virtuos wie kein anderer, hat Hans Magnus Enzensberger von ihm gesagt, habe Peter Rühmkorf die Schwermut zum Tanzen gebracht. Und: „Von allen Schmerzensmännern der Poesie war er der luftigste.“ Rühmkorf selbst nennt sich in einem acht, neun Wochen vor seinem Tod in seiner Bauernkate im Lauenburgischen geführten Gespräch sogar „Glücksprophet“ und führt aus: „Deshalb findet man in meinen Gedichten auch immer eine gewisse Kurve, die erst nach unten zieht und noch immer tiefer hinab, daß man sich fragt: Wie kommt er da wieder raus aus der Scheiße?! Und dann gibt es so einen Wums, und sei es ein satirischer, der am Schluß zurückführt ins Licht.“

Als uneheliches Kind einer Lehrerin und eines Puppenspielers ist Peter Rühmkorf 1929 in Dortmund geboren und in der Nähe von Stade aufgewachsen. Das Studium in Hamburg (unter anderem Kunstgeschichte und Pädagogik) brach er ab und ging 1958 als Lektor zum Rowohlt Verlag. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er gemeinsam mit seinem Freund Werner Riegel den Band Heiße Lyrik vorgelegt, sein eigenständiges Debüt folgte 1959 mit fünfzig unter dem Titel Irdisches Vergnügen in g versammelten Gedichten.

In seiner Lyrik bedient sich Rühmkorf gern der Tradition: auf parodistische Weise, zitierend, reflektierend, travestierend, verändernd, Jargon, Umgangs- und Hochsprache zu dem ihm eigenen Ton vermischend. Rühmkorf bewunderte Walther von der Vogelweide, Klopstock, Heine, Benn, Brecht, Ringelnatz. Aus deren Material (und dem, was er in Wörterbüchern und Lexika fand) schuf er seine funkensprühenden, luftigen, lustigen Gedichte, bisweilen auch befeuert von einem Klaren, einer Lord Extra, rotem Wein: „Wenn man Alkohol genossen oder Hanf gezogen hat“, merkte Rühmkorf an, könne der Federstrich gar nicht zügig genug folgen: „Weil die Gedanken schneller abgesaust sind, als man sie festhalten kann.“

Aus einem „Riesenhaufen von Notizblättern“ hat Rühmkorf für Rowohlt, also für den Verlag, dem er sein Leben lang treu blieb, seinen letzten Gedichtband zusammengestellt, Paradiesvogelschiß (2008). Vieles darin ist Notiz geblieben, besteht schon mal aus einem einzigen Wort („Tiefdunkelhimbeerrot.“ beispielsweise), geht ins Aphoristische: „Die Jugend ist so hübsch wie nie / und doch so doof wie selten.“ Oder: „Haydns Altersübermut: / Vollkommene Beherrschung der Mittel – “. Und: „Wovon ernährt sich die Liebe? / Vom Abschiedsweh, was sonst?“ Dies noch: „Nie besungen, / Efeublüte, / nur umsummt.“

Sich diesen Versen (der Vers war Rühmkorf immer auch Kopulation, das Dichten hatte etwas Erotisches für ihn) auszusetzen, sie auf sich wirken zu lassen, bereitet große irdische Vergnügungen. Haltbar bis Ende 1999 hatte Rühmkorf in den sehr späten Siebzigern einen Gedichtband genannt. Getrost kann man da noch einige Dekaden, vielleicht gar Jahrhunderte draufschlagen, in Sachen Halt- und Lesbarkeit.

*

Dichter, hau die Wiese hin,
wie sie vor dir liegt,
mit ner rosa Lisa drin,
eh sie ’n andrer kriegt.

NB: In seinen letzten Versen und Aphorismen denkt Rühmkorf ein ums andere Mal auch über van Gogh nach. Wer dazu, zu Vincent und Theo van Gogh, einen aktuellen Roman lesen möchte, der greife zu J. R. Bechtles Hotel van Gogh (Frankfurt am Main: Frankfurter Verlangsanstalt, 2013).

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