Ein Ausflug in den kargen, wilden, schönen Norden Portugals. Mit, und zu, Miguel Torga.

Erste Lektion

Etwas zu wissen, ist schnuppe: ein Hoch auf die Vorstellungskraft …
Der Lehrer soll ruhig quatschen, du aber laß’ deine Phantasie spielen …
Das Alter ist weise, aber es weiß nur
Daß das Meer keinen Platz findet
In einer Pfütze, die die Unschuld in den Sand gepreßt hat.

Träumen sollst du!
Erfinde dir ein Alphabet
Aus Illusionen …
Ein Geheim-ABC
Das du Buchstabe für Buchstabe außerhalb des Unterrichts aufsagst …

Fliege hinaus aus dem Fenster
Auf die nächstbeste Sonne zu, die dir ein Lächeln schenkt!
Fittiche? Brauchst du keine –
Du bettest dich am Busen sanfter Lüfte,
Den Ammen aller Phantasie …

Miguel Torga

Von Chrysostomos

Es war der vor knapp zweieinhalb Jahren auf Lanzarote verstorbene Jóse Saramago, der1998 als erster Portugiese (und erster portugiesischsprachiger Autor überhaupt) den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Verdient gehabt hätte diese Auszeichnung, als Erster, so sagen viele, aber Miguel Torga, der häufig als dezidierter Anwärter für die Stockholmer Auszeichnung galt.

Portugal ist ein kleines, ein schmales Land (180 Kilometer breit; ganz gleich, wo man zuhause ist, das Meer und die Berge sind nie weit, was sehr schön so ist), ein Land, dessen wunderbar vielfältige und großartige Literatur bei uns noch überwiegend zu entdecken ist, auch wenn der Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse von 1997 mit einer Fülle von eigenständigen Übersetzungen, von Anthologien und Sammlungen dazu beigetragen hat, wenigstens einigen Autoren hierzulande zu Lesern zu verhelfen.

Ganz nebenbei sei noch daran erinnert, daß im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia zu Bamberg alljährlich ebenfalls der Fokus auf ein Gastland gesetzt wird. 2010/2011 – also kurz nach Dienstantritt der Direktorin Nora Gomringer – war das Portugal. José Riço Direitinho arbeitete an seiner auf Deutsch im Berliner Elfenbein Verlag erscheinenden Prosa, Dulce Maria Cardoso, die damals ebenfalls eine Stipendium innehatte, ist mit Drehbüchern, Erzählungen und Romanen hervorgetreten.

Cardoso stammt aus dem Nordosten Portugals, aus Trás-os-Montes. Dort ist auch, in São Martinho de Anta, das zum Distrikt Vila Real gehört, Miguel Torga geboren, im August 1907. Torga hieß eigentlich Adolfo Correia da Rocha. Unter seinem Pseudonym publizierte er Lyrik – Gedichte werden in Portugal, selten genug kommt so etwas vor, höher geschätzt als Prosa – schrieb (überwiegend autobiographische) Romane und Erzählungen, Reisebilder, Stücke und, vor allem, ein Diário, ein Tagebuch in sechzehn Bänden, das die Jahre 1941 bis 1994 nahezu vollständig abdeckt. Es ist eine lebendige Schatzkiste aus Erzählungen, Erinnerungen, aus Gedichten, Reflexionen und Gesellschaftskritik, die sich dem Leser da auftut. Ins Deutsche übersetzt ist es noch nicht, oder nur, verstreut, in Auszügen. Einigermaßen bekannt sind, auch hierzulande, Torgas knapp zwei Dutzend Novos Contos da Montanha von 1944, die in der Übertragung Curt Meyer-Clasons bei Beck & Glückler in Freiburg 1990 unter dem Titel Neue Erzählungen aus dem Gebirge erschienen und antiquarisch noch immer zu haben sind.

Die „Erste Lektion“ ist dem elften Band der Diários entnommen, der die Zeit von August 1968 bis zum April 1973, also bis ein Jahr vor der Nelkenrevolution, beschreibt. Diese „Lektion“ ist ein eindeutiges Plädoyer für die schlagende Wirkkraft der Phantasie, der Imagination, der Träume, des Träumens. Es sind die Steller der Schrift und die Dichterinnen, die sich ihrer bewußt sind und sie zu nutzen wissen. In der Schule wird eine derartig überbordende Kreativität nur allzu oft beschnitten, dort ist sie der Lehrerschaft zumeist suspekt. Daher also das von Torga heraufbeschworene „Geheim-ABC“, so etwas wie ein privater Code, der es denjenigen, die ihn kennen, zu fliegen erlaubt, der Sonne entgegen. Ganz ohne Flügel. Alles, was es dazu braucht, ist ein wenig Phantasie.

Hier noch das Original:

Instrução primária

Não saibas: imagina …
Deixa falar o mestre, e devaneia …
A velhice é que sabe, e apenas sabe
Que o mar não cabe
Na poça que a inocência abre na areia.

Sonha!
Inventa um alfabeto
De ilusões …
Um á-bê-cê secreto
Que soletres à margem das lições …

Voa pela janela
De encontro a qualquer sol que te sorria!
Asas? Não são precisas
Vais ao colo das brisas,
Aias da fantasia …

NB: Torga zählt zu den vielen Autoren, von William Carlos Williams über Gottfried Benn bis zu Hans Carossa, die Mediziner waren. In Coimbra, an dessen altehrwürdiger Universität er studiert hatte, hatte er sich als HNO-Arzt niedergelassen. Im Januar 1995 ist der große Miguel Torga dort verstorben.

NBB: Die Übersetzung stammt von mir. Ein Versuch, auch wenn unser lua de mel in Trás-os-Montes an der Seite von Margarida länger schon zurück- und dieselbe nicht mehr bei uns liegt.

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