Vom Schweren und Leichten im Gedicht. Über die Lyrik des mittelfränkischen Sprachmagiers Gerhard Falkner. Und über die bei ihrer Lektüre sich ereignenden Glücksausschüttungen.

du schläfst und liegst bei deinem haar
dein weißes bein ist aufgestellt
und ich, darauf es ruht, ich bin die welt
bedrückt von deinem schlaf, bin die gefahr
die leise deinen traum in atem hält.

du schläfst und liegst bei deinem haar
ich hab ein flüstern in dein ohr gebettet
es spricht zu dir, daß ich der abend war
die trunkenheit, das zittern im pessar
es spricht zu dir die sprache, die mich rettet

Gerhard Falkner

Von Chrysostomos

Mit einem vehementen „Ich lehne das Ende der Dichtung ab!“ endete im April 2009 in Staufen im Breisgau die Dankesrede Gerhard Falkners, dem man, für seinen im Jahr zuvor erschienenen Band Hölderlin Reparatur (Berlin Verlag) den Peter-Huchel-Preis zuerkannt hatte. Falkner, der Mitte März 1951 im mittelfränkischen Schwabach geboren wurde und in Berlin sowie in Weigendorf/Oberpfalz lebt, berief sich damit auf seinen Fastnachnamensvetter, den großen amerikanischen Südstaaten-Erzähler William Faulkner, welcher im Dezember 1950 in Stockholm für den Nobelpreis dankend ausrief: „Ich lehne das Ende der Menschheit ab!“

Nach einer Buchhandelslehre verbrachte Falkner einige Zeit in London. Seit Mitte der Siebziger publizierte er Gedichte in Literaturzeitschriften und Künstlerbüchern; sein Debüt, im Untertitel Gedichte und Aufzeichnungen aus einem kalten Jahr genannt, erschien 1981 bei Luchterhand: so beginnen am körper die tage. Falkner ist auch mit poetologischen Essays hervorgetreten, hat ein „nachbürgerliches Trauerspiel“ verfaßt, weiters eine Farce sowie das Libretto zu einer Kammeroper des Nürnberger Komponisten und Akkordeonisten Stefan Hippe.

Hinzu kommen Übersetzungen aus dem Englischen (Hopkins, Yeats, John Ashbery, Charles Olson, Lavinia Greenlaw) und aus dem Ungarischen (István Kemény), Herausgeberschaften wichtiger Anthologien, Prosa – mit der Novelle Bruno wollte Falkner 2008 seinen Leserinnen und Lesern keinesfalls einen Braunbären aufbinden – und, naturgemäß, immer wieder neue Gedichte. Wobei das so selbstverständlich gar nicht ist, denn in Über den Unwert des Gedichts. Fragmente und Reflexionen (1993) verkündete Falkner, sich aus dem Lyrikgeschäft zurückziehen zu wollen.

Falkner nämlich ist es leid, immer wieder anrennen zu müssen gegen (Leser-)Sätze wie: „Ich verstehe das einfach nicht!“ Er stellt folgende in sich arg paradoxe Zwickmühle, in welche manche Leser geraten (können), auf: „Gedichte, die ich nicht verstehe, sind mir die Zeit nicht wert, die ich damit vertun müsste, um näher an ihren Sinn, und damit an ihre Glücksausschüttung, heran zu kommen und Gedichte, die ich verstehe, sind, weil sie einfach sind, oft auch so banal, dass ich sowieso keine weitere Zeit darauf zu verschwenden brauche.“

Dabei ist es keinesfalls so, als lehne Falkner das Leichte, Lichte, Einfache ab. Hölderlin, einer seiner Helden, sagt er, habe das meisterhaft beherrscht, Goethe sowieso, auch Gottfried Benn. Freilich gelingt dieser Trias nicht bloß das Schlichte, sondern das, was sie vor anderen auszeichnet, ist, „neben das rechtmäßig Schwierige nämlich das erhebend Leichte zu stellen“. Für Falkner besitzt das Einfache „einen hohen Grad von Eindringlichkeit, den sich das geglückte schlichte Gedicht zu Nutzen macht, um eine große Wucht zu entfalten“.

Das einfache Gedicht stillt, sagt Falkner, „einfach den uralten Hunger nach ihm“. Die Glücksausschüttungen, welche das schwierige, das hermetische Gedicht hervorzurufen in der Lage ist, liegen darin, daß zum Genuß der „schrittweisen Enthüllung seines Sinns während des Lesens die Überraschung über das gerade gelesene und die Neugier auf das nächste Wort“ kommen, und zwar „rhythmisch gepuffert von der Gesamtheit ineinander klingender sprachlicher Eigenschaften“.

Gerade an solchen ineinanderklingenden sprachlichen Eigenschaften, an Reimen und Rhythmen, an Repetitionen und Resonanzen, ist „du schläfst und liegst bei deinem haar“ nicht arm. In der „trunkenheit“ spielt noch hier Hölderlin („Hälfte des Lebens“) mit hinein, und insgesamt läßt sich – mit Eichendorffs „Wünschelrute“ – über die Gedichte des Sprachmagiers Gerhard Falkner, ob sie nun den hermetisch-gewichtig-schwierigen oder doch den schlichten, den lichten, den leichten zuzurechnen sind, sagen, daß die Welt in ihnen und mit ihnen sehr häufig zu singen anhebt:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

NB: Bei ars vivendi in Cadolzburg hat Falkner vor drei Jahren seine fränkische Sprachpartitur zur „Essdedigg“, zur „Redoorigg“ und „Dialegdigg“ vorgelegt: Kanne Blumma. Der ziemlich famose Literaturkritiker Gregor Dotzauer, er stammt aus Bayreuth, schrieb darüber im Tagesspiegel, daß Falkner „allein durch den Anspruch, die lautlichen Mittel des Dialekts mit den Möglichkeiten des zeitgenössischen Gedichts zu versöhnen“, weit hinter sich lasse, was sonst in der Region auf Fränkisch geschrieben werde. Gut möglich, daß dem so ist. Ja.

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