Morgenstern einmal anders. Mit einem Nachtlied, ohne Mondschaf, aber an die Liebe, und an die Geliebte.

Es ist Nacht

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält‘s nicht aus,
hält‘s nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.

Christian Morgenstern

Von Chrysostomos

Die Liebe ist, die erfüllte wie die unerfüllte (bisweilen, so scheint es uns, gerade die), die körperlich-sinnliche wie die platonisch-geistige, die Liebe in ihren unterschiedlichen Spiel- und Abarten (ja, das auch) ist seit alters her, seit Jahrtausenden, vom, cum grano salis, antiken Rom bis ins Fränkische Rom der Jetztzeit, vom Tiber bis an die Regnitz, wobei gewiß auch Euphrat und Tigris nicht zu unterschlagen wären, das Thema der Poesie schlechthin. Und weil das so ist, und weil wir gestern in der Bamberger Austraße waren, erst im Antiquariat und dann beim Italiener, und weil wir bei beiden fündig geworden sind, haben wir, während wir das in den Wintermonaten angebotene „Abendmahl“ uns munden ließen – es schlug mit drei dreiunddreißig zu Buche – vor und nach den gereichten Spaghetti mit Oliven und Pesto und reichlich Pecorino Gedichte gelesen, Gedichte der Liebe, der geistig-platonischen, der sinnlich-körperlichen, der unerfüllten wie der erfüllten (manches Mal, so will es uns vorkommen, ist es gerade die, worüber Lyrikerinnen und Verseschmiede schreiben, seit alters her). Versammelt sind sie, ausgewählt von Günter Berg, in einem Taschenbuch bei Insel. Die schönsten Liebesgedichte heißt es.

Es beginnt mit Hans Sachs, mit Simon Dach („Annchen von Tharau“) und Paul Flemings lyrischem Exkurs über die Kunst des Küssens und wie Mann denn „wolle geküsset sein“, schreitet alsdann weiter über Lessing, über Bürger, über Leopold Friedrich Günther von Goeckingh („Nach dem ersten nächtlichen Besuche“) hin zu dem Großdichterduo Goethe&Schiller, um sich hernach aufzumachen zu Hölderlin und Tieck (Ludwig, nicht, leider nicht, Dorothea), zu Brentano (Clemens, aber eben auch Sophie), zur Günderode, Eichendorff, dem Ansbacher August von Platen, der Droste, Heine, Lenau, Mörike, zu Hebbel und Storm, zu Meyer und Busch, Nietzsche („Venedig“) und Dehmel („An die Ersehnte“), zu dem angenehm lockerleichtschmutzigen Wedekind, und endlich, über Otto Julius Bierbaum, Hofmannsthal, Rilke natürlich und Heym zu Trakl, endet also, und leider, mit zwei 1887 geborenen Autoren, was bei einer im palindromischen Jahre 2002 erschienenen Auswahl, so schön sie in der Tat ist, doch einigermaßen unverständlich wirkt. Freilich: der Band kam uns billiger zu stehen als die Pasta, zwei fünfundneunzig, wenn auch antiquarisch. Im „Fundevogel“ ist eben so manche Trouvaille zu machen, immer wieder.

Zwischen Sachs und Trakl stößt man auf Christian Morgenstern. „Es ist Nacht“ kommt ganz ohne Mitternachtsmaus und Mondschaf aus, denn es ist nicht dem Dichter der Galgenlieder von 1905 zuzurechnen, entsprang nicht der Feder des „Dichters eines sanften und vertrackten, sprachverliebten und radikal sprachkritischen Nonsens“, der Morgenstern naturgemäß auch war, für Heinrich Detering sogar „der leidenschaftlichste und konsequenteste der neueren deutschen Unsinns-Poeten“. Nein, es ist Nacht, und so findet das Herz, findet das Herz, das im lyrischen Ich mächtig schlägt (geschätzter Puls vielleicht 96, vor dem Verkehr) und bubbert, keine Ruhe, bis es, vereint mit dem Herz („Herz“ muß man hier wohl sehr weit fassen) der Angebeteten, der Geliebten, „am Grund / seines ewigen Du“ Glückes genug findet, bis es eben in der Vereinigung (man lese hierzu auch Ernst Jandl, „liegen, bei dir“) mit dem ewigen Gegenüber, dem „Du“ – mit D, nicht, nota bene, d – Erfüllung findet und Ruhe. Da sage mal noch einer, Glück ohne Ruh, Liebe, bist du! Auch, wenn er Johann Wolfgang Goethe heißt.

NB: Daß Morgenstern, 1871 in München geboren, 1914 krank und erschöpft in Meran gestorben, der Anthroposophie Rudolf Steiners, dem der letzte Gedichtband – Wir fanden einen Pfad, 1914 – zugeeignet ist, nahestand und daß die Urne mit der morgensternschen Asche auf dem Gelände des Goetheanum in Dornach beigesetzt wurde, ist bekannt, oder?

NBB: Chrysostomos wußte es über lange Jahre hinweg auch nicht.

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