Vom weißen Neger Wumbaba. Rezeption und Nachleben eines bekannten Gedichtes deutscher Zunge.

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Matthias Claudius

Von Chrysostomos

Vor allem der Melodie des Lüneburgers Johann Abraham Peter Schulz (1747 bis 1800), der auch „Ihr Kinderlein, kommet“ komponiert hat, verdankt sich die überragende Bekanntheit des „Abendlieds“ von Matthias Claudius. In seinen Liedern im Volkston, bei dem Claviere zu singen (1790) war Schulz bestrebt, „mehr volksmäßig als kunstmäßig zu singen, nämlich so, daß auch ungeübte Liebhaber des Gesanges, sobald es ihnen nicht ganz und gar an Stimme fehlt, solche leicht nachsingen und auswendig behalten können.“

Bis heute hat sich daran nichts geändert. „Der Mond ist aufgegangen“ hat auch, in einem Chorsatz des Oberpfälzers Max Reger, Eingang gefunden in das Evangelische Gesangbuch. Vertont worden ist es von Franz Schubert, von Othmar Schoeck, Carl Orff, Michael Haydn, Johann Friedrich Reichardt, von Pe Werner und von Herbert Grönemeyer. Claudius’ Verse sind so bekannt, daß sie in Gedichten von Kollegen weiterleben, als Zitat, als Parodie. Beispielsweise bei Peter Rühmkorf, auch bei Karlhans Frank, dessen „Uschelreime“ wir hier unlängst vorstellten.

In Der weiße Neger Wumbaba (2004) beschäftigt sich der Journalist und Autor Axel Hacke mit falschverstandenen Liedtexten. Der Titel geht zurück auf einen Hörfehler bei Claudius/Schulz: „Der Wald steht schwarz und schweiget, / Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar.“ Auch eine im Mai 2012 ausgestrahlte „Tatort“-Folge bediente sich dieser Verse: „Der Wald steht schwarz und schweiget“. Es war der Pfälzer Wald.

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