Zur guten Nacht. Luise Hensel betet. Mit einem Ausflug zu Clemens Brentano, zu der Seherin Anna Katharina Emmerick, zu Martin Neubauer.

Nachtgebet

Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe beide Aeuglein zu:
Vater, laß die Augen Dein
Ueber meinem Bette sein!

Hab’ ich Unrecht heut gethan,
Sieh es, lieber Gott, nicht an!
Deine Gnad’ in Jesu Blut
Macht ja allen Schaden gut.

Alle, die mir sind verwandt,
Gott, laß ruhn in Deiner Hand!
Alle Menschen, groß und klein,
Sollen dir befohlen sein.

Kranken Herzen sende Ruh’,
Nasse Augen schließe zu!
Laß den Mond am Himmel stehn
Und die stille Welt besehn!

Luise Hensel

Von Chrysostomos

Berlin, 1816. So, mit der exakten zeitlichen und topographischen Verortung, schloß Luise Hensel ihr „Nachtgebet“, eines der noch immer populärsten Gedichte deutscher Zunge, so populär, daß man zu vergessen geneigt ist, daß es sich dabei überhaupt um ein Gedicht handelt. Um eines jedenfalls, das bekannter ist als seine Autorin, auf deren Namen wohl die wenigsten sofort kommen. Seit Generationen haben es Kinder Abend für Abend aufgesagt, gemeinsam mit der Mutter oder dem Vater. In unzähligen Anthologien ist das „Nachtgebet“ vertreten, fast immer als einziges Gedicht der Hensel.

Hensel? Im Brandenburgischen zwischen Berlin und Neuruppin ein Jahr nach Franz Schubert und etwas über eine Dekade vor Felix Mendelssohn Bartholdy, der sie, wie Carl Reinecke und Friedrich Silcher, vertonte, in eine lutherische Pfarrersfamilie hineingeboren, ist Luise Hensel das, was man heute ein „One-Hit-Wonder“ nennen würde. Meyers Großes KonversationsLexikon (sechste Auflage, von 1908) würdigt Hensel immerhin mit mehr als einer halben Spalte. In Berlin, heißt es dort, machte sie 1816 die „Bekanntschaft Klemens Brentanos, der in heftiger Leidenschaft für sie erglühte. Sie reichte ihm ihre Hand nicht, trug aber wesentlich zu der inneren Wandlung des Dichters bei.“ Denn: „Obgleich Protestantin, wußte sie doch Brentanos katholisches Bewußtsein wieder zu erwecken und trat auch selber 1818 zur katholischen Kirche über.“

Als Gesellschafterin lebte Hensel in Münster und Düsseldorf, schlug sich als Erzieherin und Hauslehrerin durch, widmete sich der karitativen Arbeit, leitete das Bürgerspital in Koblenz. Im Alter zog sich Hensel ins westfälische Wiedenbrück zurück. Sie befreundete sich mit der Ordensschwester und Mystikerin Anna Katharina Emmerick, der auch Brentano verbunden war, pflegte sie und sichtete ihren Nachlaß. Hensel starb im Dezember 1876 in Paderborn.

Luise Hensels Gedichte erschienen erstmals, zunächst mit solchen ihrer jüngeren Schwester Wilhemine vereint, 1858 in Berlin. Sie, die Gedichte, heißt es im Meyer, „zeichneten sich hauptsächlich durch den Geist milder, inniger und sehnsüchtiger Frömmigkeit aus“. Hensels „Müde bin ich“ rechnet Meyer jedenfalls „zu den Perlen der deutschen religiösen Lyrik“.

Unerfüllt blieb nicht nur die Liebe des um zwei Jahrzehnte älteren Brentano zu Hensel, sondern auch die Wilhelm Müllers. Hensel wurde so zum Urbild der von Schubert vertonten „Schönen Müllerin“, die den Müllerburschen stehen läßt. Hensels älterer Bruder Wilhelm heiratete Fanny, die Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys. So schließt sich ein Kreis.

NB: Clemens Brentanos Aufzeichnungen nach den Visionen der „Seherin von Dülmen“, Anna Katharina Emmerick, Das Leben der heiligen Jungfrau Maria (1852, postum), hat Martin Neubauer vom Bamberger Brentano-Theater auf zwei mp3-CDs bei Cavalli Records eingelesen. Wir raten zu!

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