Ortskenntnis. Der zeitweilige Bamberger Wolfgang Bächler rudert vor der Villa Concordia und hört die Vögel singen auf der Schillerwiese im Hain.

Bamberg

Das braune Wasser der Regnitz,
Enten, im Ruderboot
vor der Concordia,
das Mühlenviertel,
verfallende Häuser.

Die Schillerwiese im Hain,
ein Denkmal, wo E.T.A. Hoffmann
dem Hund Berganza begegnet ist,
der mit ihm sprach.

Ich liege auf dir
und hör nur die Vögel
singen im Rhythmus des Winds,
den Saum
deines kurzen Rocks
in meiner linken Hand.

Wolfgang Bächler

Von Chrysostomos

Doch, ja, Bächler (1925 bis 2007), Wolfgang Bächler, hat auch über (den) „Schnee“ geschrieben: „Da sind nur Winterschneisen und die Hieroglyphen / der schwarzen Äste vor der Wolkenwand des Himmels, / nackt wie dein Denken diesen Nachmittag, / die Schrift der Wildspur und der Vogelkrallen.“ Bächler aber, dessen mit fünfundzwanzig vorgelegtes Debüt Gottfried Benn zum Anlaß nahm, den in Augsburg Geborenen „zu den ganz wenigen neuen Lyrikern, die mich interessieren, an deren Weg ich glaube“, zu rechnen, Bächler ist auch in Veitshöcheim gewesen, in Würzburg, und hat darüber in den späten Achtzigern in seiner Lyrik berichtet. So wie über seine Bambergvisite.

Ein leichtes Leben hatte Bächler nicht, war von den Fünfziger Jahren an (manisch-)depressiv. Über seine Krankheit schreibt er in Traumprotokolle (1972) und Im Schlaf (1988). 1944 wurde er in den französischen Alpen schwer verletzt, geriet in Kriegsgefangenschaft, wurde befreit, wieder gefangen, floh. Als sich die Gruppe 47 erstmals traf, war Bächler ihr jüngstes Mitglied. Er schlug sich als Journalist durch, Werner Herzog und Volker Schlöndorff gaben ihm kleine Filmrollen, beispielsweise in der Blechtrommel (1979).

Bächler wechselte oft die Städte und Länder, lebte eine Dekade in Paris und im Elsaß – unter anderen hat er Yves Bonnefoy übertragen – war mit einer Französin verheiratet, er, der stille zurückhaltende Kranke, der von sich sagte, er sei ein „unsteter Einzimmerbewohner“, ein „unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten“ könne, einer, der „Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung“ bringe. Bächler, den die Süddeutsche Zeitung acht Jahre vor seinem Tod zu den verstorbenen Münchner Dichtern zählte. Immer schon war es eben recht still um ihn.

Eines der fraglos anrührendsten Liebesgedichte deutscher Zunge stammt aus Bächlers Band Nachtleben (1982):

Warten

Bahnhof. Regen.
Der Zug hat Verspätung.
Ich warte auf dich.

Aber so lange
kann kein Zug
sich verspäten,
wie ich gewartet habe
auf dich,
bevor ich dich kannte.

Und Bamberg? In der Domstadt besuchte Bächler die Grundschule. Und auch das Mühlenviertel mit den (noch immer) verfallenden Häusern. Er begegnete Berganza und E.T.A. Hoffmann im Hain. Bächlers lyrisches Alter ego hörte auf der Schillerwiese „nur die Vögel / singen im Rhythmus des Winds, / den Saum / deines kurzen Rocks / in meiner linken Hand.“ In der Linken.

NB:Die Gesammelten Gedichte Wolfgang Bächlers sind 2012 bei S. Fischer als himmlisch schönes Kleinoktav herausgekommen. Von Bächlers Sprachkunst schreibt Albert von Schirnding im Nachwort, sie stehe „im Dienst eines unermüdlichen Wiederbelebungsversuchs an einer von Eiseskälte bedrohten, der Erstarrung anheim fallenden Welt, zu der auch die eigene Gefühlszone“ gehöre. Und weiter: „Unter den Atemstößen seiner Verse werden die Dinge, werden Ich und Du ins Leben zurückgerufen, wenn auch vielleicht nur für die Augenblicksdauer des Gedichts das seinerseits der immer neuen Erweckung durch den Leser bedarf.“ Und durch die Leserin.