Die Schärfe der Zeilen. Turmschwalbenschreie an der ligurischen Küste: Peter Huchel, frisch aufgelegt, in Aachen.

Monterosso

Aufbrechende Knospe
Eines Gitarrenakkords.
Es kündet die Bar
Den Abend an.

Auf dem Domplatz
Wickelt der Steinmetz
Den Meißel ins Tuch.
Turmschwalbenschreie
Schleifen die Luft.
Über den Bergen
Die Marmorbrüche weißer Wolken,
vom Wind behauen.

Die ihn nicht fanden,
Aller Gnaden Quell,
Und blieben
Beim Angelus
In siebenfacher Schuld,
Sie lehnen am Boot
Und prüfen
Die Schärfe der Harpune.

Peter Huchel

Von Chrysostomos

Das Augustinus entnommene, dem vor einem halben Jahrhundert erstveröffentlichten Chausseen Chausseen vorangestellte Motto läßt sich, sonst hätte er es ja wohl kaum genommen, auf Huchel selbst übertragen: „… im großen Hof meines Gedächtnisses. Daselbst sind mir Himmel, Erde und Meer gegenwärtig …“ Es ist der Himmel über Berlin oder, sagen wir, der Mark Brandenburg, die märkische Landschaft, das Meer, die Ostsee, auch die salzige Brandung vor der Insel Ischia, die da gegenwärtig sind im Kopfe Peter Huchels. Oder das Meer, die Brandung vor der ligurischen Küste, vor Monterosso al Mare, das inzwischen, als Teil der Cinque Terre, Weltkulturerbe ist.

Die aufbrechende Knospe: das ist ein schönes, ein zartes, ein treffendes Bild für ein Arpeggio, einen gebrochenen Akkord, wie man ihn beispielsweise hören kann zu Beginn der aus „The Deer Hunter“ bekannten „Cavatina“ des britischen Filmkomponisten Stanley Myers. „Monterosso“ selbst hat Hans Chemin-Petit hat um 1971 herum als Mittelstück der dreiteiligen „Gesänge aus dem Süden“, nach Peter Huchel, in Musik gesetzt.

Weil wir der Gitarristin zu lange nachlauschten gestern abend an der Bar, weil wir mit Tatyana Ryzhkova („weißt du noch / in bremen“, Helmut Heißenbüttel) zu lange beisammen saßen, belassen wir es bei diesen wenigen Sätzen. Das Angelusläuten, die (sieben) Todsünden – eine davon Gula geheißen, Maßlosigkeit, Völlerei – wird ohnehin jeder zu deuten wissen. Und über Peter Huchel braucht man ja weiter nichts zu sagen. Außer, daß er ein großartiger Dichter gewesen, den nach wie vor zu lesen sich immer wieder lohnt.

NB: Am vergangenen Samstag ist in Freiburg bekannt geworden, daß Monika Rinck, die aus dem saarpfälzischen Zweibrücken stammende, in Berlin lebende Lyrikerin, Zeichnerin und Übersetzerin aus dem Ungarischen, dem Slowenischen, anfangs April in Staufen mit dem Peter-Huchel-Preis, dotiert ist er mit 10 000 Euro, ausgezeichnet werden wird. Zuletzt erschienen von Rinck 2012 bei Daniela Seels Berliner kookbooks Honigprotokolle. Die Breisgauer Jury würdigte den Band mit stark rhythmisierten Prosagedichten als herausragende Neuerscheinung des vergangenen Jahres, und genau für deren Autorin, für deren Autor ist ja der seit drei Dekaden vergebene Huchel-Preis vorgesehen, der bislang so illustren Größen wie Friederike Mayröcker, Sarah Kirsch, Elke Erb, Rolf Haufs, Nicolas Born (postum) und dem gebürtigen Mittelfranken Gerhard Falkner zuerkannt wurde.

NBB: Hier wird Gold gewaschen ist Christoph Meckels wunderbare Erinnerung an Peter Huchel betitelt, herausgekommen und mit Graphiken Meckels versehen 2009 in dem nicht minder wunderbaren Libelle Verlag von Ekkehard Faude und Elisabeth Tschiemer aus dem thurgauischen Lengwil.

NBBB: Seit 1981 kümmert sich Bernhard Albers in seinem Aachener Rimbaud Verlag nicht nur um Peter Huchel und den Namensgeber des Verlages. In der von Albers und von Reinhard Kiefer betreuten Reihe „Bukowiner Literaturlandschaft“ sind fast sechs Dutzend Bände erschienen, darunter solche von Rose Ausländer, von Moses Rosenkranz und Alfred Margul-Sperber, von Paul Celan und bald, in diesem Frühjahr, auch von Selma Meerbaum-Eisinger. In der Reihe „Lyrik-Taschenbuch“ sind, unter vielen anderen, Ernst Meister vertreten und Paul Wühr, Swantje Lichtenstein, Peter Horst Neumann und eben Peter Huchel, allesamt in schönen, handlichen Ausgaben: Peter Huchel, Chausseen Chausseen. Gedichte. Mit einem Nachwort von Reinhard Kiefer. Aachen: Rimbaud, 2012. 110 Seiten, Broschur, 11 Euro.

2 Gedanken zu „Die Schärfe der Zeilen. Turmschwalbenschreie an der ligurischen Küste: Peter Huchel, frisch aufgelegt, in Aachen.

  1. Auf den Besuch von Peter Huchel // Mir träumte / ein Freund sei gekommen / der Welten erschafft // Er stand auf einem Stern / der ihn hastig entführte / rief mir ein paar / Sternworte zu // Meine Liebe / zu seinen Welten / winkte / Aufwiedersehn

    Rose Ausländer, Gedichte, S. Fischer Verlag

  2. danke für viele Details.
    Wie heißtnochmal das Gedicht von Rose Ausländer, auf einen Besuch von Peter Huchel?
    „Mir ist, ein Freund sei gekommen, derWelt erschafft“
    Können Sie weiterhelfen?

    danke, Michael Klein, Boppard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.